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Mission des Jahrzehnts:

Elektronik rockt!

Es hat fast 2010 werden müssen um zu erkennen, dass rockende Elektronik die zentrale Mission des zurückliegenden Jahrzehnts gewesen ist. Was anno 2000 noch von einer handvoll Freaks betrieben wurde, die über die gesamte westliche Welt verstreut waren, wuchs anfangs recht gemächlich zu einem Tsunami heran, der Jahre später richtig losrauschte, als einige Ed Banger zur Jahrzehntmitte den Turbo einschalteten. Und die Reise ist noch nicht vorbei. Denn aller Gaga des Jahres 2009 kann nicht verdecken, dass da noch so manches House zu rocken wäre.
Und: Frischer Wind geht auch durchs Anspruchsdenken, Revolution- wozu eigentlich? Wo noch eine Generation zuvor mindestens von Weltmeisterschaft die Rede gewesen wäre, wird hier friedlich mit Konfetti geworfen. Solcher Realismus hat eine Vorgeschichte.

The Teaches Of Peaches

Diese unbeschwerte Party ist keineswegs selbstverständlich- die hart arbeitende Peaches kann ein Lied davon singen. Sie war eine der ersten, die sich, angetan mit HotPants und einer klapperigen Beatbox, in das subkulturell verminte Gelände aufmachte, um zwischen den Stolperdrähten pünktlich zum Millenium eine Rock Show auszurufen.
So etwas war zwar auch damals nicht so undenkbar, wie einige Dogmatiker das gern gehabt hätten, trotzdem war und ist rockende Elektronik immer noch das womöglich letzte große musikalische Umwälzungsprojekt dieser Tage. Hier gab es über die letzten Jahre noch Bauruinen zu erschließen, vor denen das große Schild "Betreten verboten!" drohte. Wie immer konnte dies den Spieltrieb der Nachbarskinder nicht in alle Ewigkeit aufhalten. Trotzdem hat es im angeblich hyper-schnellen Pop.biz mal wieder erstaunlich lange gedauert, bis ein größeres Publikum den Eindruck bekommen konnte, dass ein Trend im Anmarsch sei. The Teaches Of Peaches gab die Richtung für die Datenautobahn vor, die später von James Murphy & Consorten wesentlich verbreitert wurde, bevor sich zähfließender Charts-Verkehr einstellte.
Zunächst aber wurde scheinbar spielerisch ein altes Schisma überwunden, das die 90er Jahre dominierte, als die Machthaber des Techno sämtliche Urheberrechte an elektronischen Sounds einzustreichen versucht (um sie dann meistbietend zu verscherbeln) und alles andere als reaktionär beschimpft hatten.

No more?

Mindestens aus hiesiger Techno-Perspektive war eine derartige Maueröffnung keineswegs zu erwarten gewesen. Bundesdeutsche Ländereien mit elektronischer Klangerzeugung waren über ein Jahrzehnt lang besetzt von Leuten, die ihre Errungenschaften als Opposition zu Rock verstanden. Ein Typ namens Westbam hatte "no more fucking rock'n'roll" über die Loveparade gebrüllt und in der ersten Euphorie hatten sehr Viele sowas auch gern glauben wollen. Selbst die Intellektuellen von der Spex sprachen verschämt bestenfalls noch von "Postrock" und ließen angesichts der Machtergreifung von Techno alles fallen, was ihnen vorher wichtig gewesen war (mit langjährigem Niedergang als Konsequenz).
Bei alledem wurde vergessen, dass Rock und Elektronik in den 80ern eine lange Strecke zusammen gegangen waren, ohne die "the originator" Juan Atkins in seiner frühen Inkarnation als Cybotron womöglich niemals auf Techno gekommen wäre. Und nebenbei beleuchtet die afroamerikanische (!) detroiter Keimzelle, dass es auch im frühen Hiphop wichtige Grundlagenforschung geleistet wurde- schon allein, weil sämtliche DJ-Technik von dort kam. Aber auch ein Jazzer namens Herbie Hancock hatte mindestens einen Hit geliefert, den Hiphopper und Elektroniker gleichermaßen zu ihren roots zählen- der Titel mutet 2010 wieder prophetisch an: "Rock It".

Rave: Anarchy In The UK

Während man sich in Berlin (wohl auch zu Recht) Mitte der 90er als Weltmarktführer betrachtete, geriet zusehends in Vergessenheit, dass die Urheber des ganzen grundlegenden Rave-Irrsinns, der die deutschen Love-Paradisten überhaupt erst auf die Idee gebracht hatte, auf den britischen Inseln Ihre ganz eigenen Ansichten zum Thema Elektronik pflegten. Und zwar für deutsche Reinheitsgebieter ziemlich undogmatische.
Beispielsweise waren die Protagonisten der großen Rave-Welle zu Anfang der 90er mehrheitlich ehemalige Indie-Rocker, wie Happy Mondays, Charlatans oder Primal Scream. Auch das Publikum war entsprechend bunt gemischt. Selbst der hier gefeierte Visionär Aphex Twin war zumindest äußerlich ein langhaariger Rocker-Typ, was hierzulande nicht am Türsteher vorbei gekommen wäre. Dann machten sich The Prodigy auch noch daran, Punk ganz direkt mit neuesten Dancefloor-Beats zu verquirlen, was viel mehr rockte, als in deutschen Hauptquartieren erlaubt war. Alten Überlieferungen nach wurde bereits zu Beginn der 90er für derartiges ein Begriff geprägt, der zum Ende des Jahrzehnts noch reichlich Nachhall erzeugen sollte: Big Beat.
Denn das war genau das Ding, auf das die nächste Gang von britischen Indie-Rockern ab Mitte der 90er aufsetzte- übrigens sehr zum Missfallen der deutschen Puristen, die derartiges nach Möglichkeit zu ignorieren trachteten. Im britischen Indie-Lager hatte man nach wie vor keine Probleme, sich in Richtung Dance-Floor umzutun und es hat fast den Anschein, als ob man einerseits Styling und Aggression von Keith Flint/Prodigy und andererseits dem schnell zu Europop degenerierten Techno-Zirkus etwas freundlich-massives entgegen setzen wollte.
Die ersten Ausrufezeichen kamen von Underworld, deren Sänger dann auch den Kollegen von Chemical Brothers die Parole lieferte, die um die Welt ging, weil sie den Nagel auf den Kopf traf: "It's the time for the blockrockin' beats!"
Als kommerziell erfolgreichster Vertreter entpuppte sich zunächst das Spaß-Projekt eines Altpunks aus den 80ern, der als Fatboy Slim unterwegs war. Sein Hit wird aus irgendwelchen Gründen bis heute immer noch gern zur Untermalung von Fernseh-Reportagen verwendet. Der Titel des zugehörigen Albums kann wieder als Vorahnung betrachtet werden: "You've Come A Long Way Baby".

French Touch

In der britischen Hexenküche war man gut befreundet mit ein paar Franzosen, die sich den Rock gleich explizit auf die Fahne schrieben und ihr Projekt Daft Punk nannten. Es muss nicht unbedingt strategische Planung gewesen sein, dass man den Big Beat dort mit ein paar geschickten Drehungen am Filter etwas clubmäßiger in Richtung House pitchte, während die Chemical Brothers bis heute noch vieles wegbolzen könnten, was sich eine dicke Sonnenbrille aufsetzt.
Schließlich bekamen Daft Punk einen Aufkleber mit dem Titel "Filter-House", was sich als Angelegenheit entpuppte, auf die sich auch aufgeschlossene Techno-Jünger einigen konnten. Mit bekannten Resultaten und Auswirkungen bis heute. Was auch damit zu tun hatte, dass ein Studienabbrecher namens Pedro Winter als Manager verpflichtet wurde, der sein Ein-Mann-Unternehmen "Headbanger Entertainment" taufte.
Den Sack zu machte anno 99 schließlich ein schräger Filmstudent, der erklärtermaßen keine Ahnung von Turntables hatte und sich trotzdem nicht abhalten ließ, zum Spaß als Mr. Oizo einen Track zu schrauben, den er "Flat Beat" nannte und sich hinterher köstlich amüsierte, dass ein weltbekannter Hosenfabrikant das Gebastel schließlich für einen Werbefilm einkaufte. Ein Deal, wie er im deutschen Techno-Biz als Gipfel lang durchdachter Strategie galt, kommt aus Frankreich als Spaßguerilla- und der Typ sackt die Kohle ein, nur um gleich wieder in der Versenkung zu verschwinden (wo er übrigens bis heute zufrieden haust). Im dunklen Turm von Berlin war man not amused.
Dies war wohl der Treibstoff, mit dem sich in jenen Tagen eine wohlbekannte Indie-Musikantin aus Kanada mitten ins Kriegsgebiet aufmachte, um die Bonzen The Teaches Of Peaches zu lehren.

Hateparade

Doch selbst hinter der hiesigen Techno-Fassade war bereits einiges ins Rutschen gekommen, was später einen Schritt zurück nach vorn ermöglichte. Denn die schlichte Großmannssucht, mit der hierzulande ehemalige Techno-Pioniere fast jeden Rave an die Zigarretten- und Getränkeindustrie verhökerten, während sie gleichzeitig die Eintrittspreise für das Fußvolk in aberwitzige Höhen trieben, die Charts mit Kinderliedern fluteten und schließlich noch die Tourismus-Branche enterten, um in Entwicklungsländern zu raven, hatte schnell Gegner gefunden.
Diese riefen prompt eine "Hateparade" als Gegenveranstaltung aus und gründeten vor allem eigene Clubs und Labels, die sich abseits des Massenmarktes hielten, um der elektronischen Grundsubstanz wieder mehr Gewicht zu verleihen. Das womöglich schnellste "back to the roots" der Musikgeschichte führte auch hier wieder zu puristischen Anwendungen, für die der Detroiter Robert Hood bereits 1995 das programmatische "Minimal Nation" als Stichwort etabliert hatte.
Es scheint nur oberflächlich paradox, dass gerade die Minimalisten Elektronik auch (wieder) als Klangforschung betrieben und so durch Rückbesinnung Grenzöffnungen ermöglichten. Bestes Beispiel ist die mittlerweile legendäre Compilation-Reihe von Mille Plateaux: Clicks & Cuts, die zur Jahrzehntwende ein bis heute weltbekanntes Schlagwort für experimentelle Elektronik lieferte.
Das fiel auf der anderen Seite des Atlantiks nahe der Detroiter Ursprünge im benachbarten Kanada auf fruchtbaren Boden. Dort demonstrierte Akufen mit "My Way", wie man mittels Mikrosampling auch aus obskuren Radio-Sounds noch freundliche und sogar tanzbare Musik generieren konnte.
Zeitgleich machte um die Wende ins neue Jahrhundert ein Ding namens "Bastard-Pop" kurzzeitig die Clubs unsicher- ein erstes strikt ideologiefreies Mash-Up von so ziemlich allem und jedem, solange der Beat nur spaßig genug kickte. Im Zuge des zu der Zeit auch anderswo immer mehr um sich greifenden 80er-Recyclings wurden solche Ansätze dann schließlich unter Electroclash summiert- ein bis heute umstrittenes Phänomen.
Zwischendurch konnten informierte Zeitgenossen erleben, dass ein Sportsfreund mit bürgerlichem Namen Marco Haas sich den Kriegsnamen TRaumschmiere zulegte, um mit einem Monster Truck der Marke Motörhead durch Berlin zu brettern, dass Peaches ihre helle Freude daran gehabt haben dürfte. Das aus heutiger Sicht Verwunderlichste: Er wurde dafür vor allem auch aus elektronischer Richtung gefeiert- sogar vom prinzipientreuen De:Bug-Herausgeber.
TRaumschmiere rockte schon 2002/3 ziemlich genau das, was erst ein halbes Jahrzehnt später mit Umweg über Britannien und Frankreich wieder zurück flutete.

Electroclash

"Und dann kam Electroclash", sagte mal jemand in einem Fachblatt für elektronische Lebensaspekte, als es darum ging, einen Hauptverdächtigen für die Flaute in den Elektro-Clubs zu benennen. Was zuerst als kurzfristiger Partyspaß eines New Yorker House-DJs gedacht war, bekam immer mehr Beine und wuchs sich alsbald zu einem faustdicken Trauma der elektronischen (Tanz)Musik aus.
Dass es soweit kommen konnte oder sogar musste, hat viel damit zu tun, dass die Techno-Generation der 90er meinte, das Copyright für Fortschritt & moderne Zeiten in der Tasche zu haben. So fehlte vielfach selbst für so etwas wie Retrofuturismus jedes Verständnis, weil es in der schönen neuen Dancefloor-Welt unter aufgeklärten Techno-Individuuen per defenitionem keinen Blick zurück geben konnte. Alles neu und basta.
Da war die Verwunderung groß, als ein allgemein akzeptierter Künstler namens DJ Hell schon 1998 seine Munich Machine plötzlich mit 80er-Sounds bestückte und das keineswegs als Partyspaß für zwischendurch, sondern im Gegenteil als Mission Statement für sein International Gigolo-Label verstand. Wo dann bekanntlich sofort Miss Kittin & The Hacker propagiert wurden, die bis heute als Electroclash-Pioniere gelten. Es dämmerte langsam: Elektronik hat Geschichte, Traditionen und ist damit retrofähig- sogar Techno.
Der entscheidende Schritt zur Wortschöpfung Electroclash war allerdings tatsächlich nur der erwähnte kleine Partyspaß des New Yorker House-DJs Larry Tee. Und der begann schon mit einem zutiefst lästerlichen Gedanken.
Wie er De:Bug berichtete, war er Ende der 90er zutiefst gelangweilt vom Dancefloor-Einerlei (sakra: Gelangweilt auf dem Mutterschiff des Fortschritts!). Also beschloss er, die Sache fortan möglichst schräg anzugehen- und nichts war zu der Zeit schräger als die 80er(-Klischees). Wie sich schnell zeigte, hatte er damit einen Nerv getroffen- es hatten sich offensichtlich schon andere gelangweilt. Aufgrund der stets guten Vernetzung von DJ-Szene und Modeindustrie wurde solcher Retro-Style dann aber schnell zum schicken Modegag für die Laufstege der Welt. Obendrein ließ sich auch die immer stärker kriselnde Musikindustrie eine solche Steilvorlage nicht entgehen, schnell nochmal ein paar lustige Sachen aus der Mottenkiste zu versilbern.
Da der böse Rock'n'Roll ja verbotenes Terrain war, ahnte im Techno-Land kein Mensch, dass die dortige Szene keineswegs ausgestorben war, sondern sich vielmehr sogar bester Gesundheit erfreute. Schlimmer noch: Eine neue Generation Elektronik-Interessierter hatte nach wohlwollender Durchsicht der Möglichkeiten festgestellt, dass sie recht gerne rocken ging. Und anderswo ging Punk wieder ziemlich frisch über den Thresen, wobei nicht wenige The-Bands 80ies-Sounds feierten.
Man ahnt das Resultat: Ging alles bestens zusammen, Spaß-Punk kam schnell von überall, der Mainstream ließ sich nicht mehr aufhalten und die Umsätze der Zulieferindustrie stiegen beträchtlich. Seitdem kannst du bei jedem Dorffriseur einen Iro kaufen und die passende Garderobe wird schnellstmöglich aus Billiglohnländern eingeflogen. Uncooler Nebeneffekt einer durchaus nutzbringenden Neubearbeitung.
Ein scheinbar banaler Grund dafür, dass man das Phänomen Electroclash dann nicht mehr los wurde, dürfte wohl gewesen sein, dass es schlicht als hübsches Schlagwort für undogmatische Elektronik aller Art zu gebrauchen war.
Während Peaches längst mit Iggy Pop in Gegenden rockte, wo sich kein Mensch für Befindlichkeiten und Debatten der elektronischen Tanzmusik interessierte. Im elektronischen Outback wurde zur Jahrzehntmitte langsam kritische Masse erreicht- wer da mal gegen wen und ganz woanders geclasht hatte, wurde nebensächlich und das Wort geriet in Vergessenheit.

DFA

In New York war ein nach üblichen Pop-Klischees alternder Indie-Rocker namens James Murphy von einem liberalen Briten elektronisch angefixt worden und hatte mit diesem sein Label DFA angeschoben, um dort mit Elektronik experimentierende Rockbands wie The Rapture rauszubringen. Während er gleichzeitig sein LCD Soundsystem startklar machte und einen Hit landete, in dem er sich über sein Alter lustig machte.
Es mag an den guten Beziehungen seines Compagnons zu dessen britischer Heimat gelegen haben, dass alsbald ein Kontakt zu ein paar ulkigen Bedroom-Fricklern aus der Londoner Vorstadt zustande kam: Hot Chip- die Sensation 2006 (neben Gnarls Barkley, aber das ist eine andere Geschichte). Durch die Bank so possierlich-verspulte Indie-Typen, dass ihnen noch nicht mal aus den Resten der Elektro-Szene ernsthafte Ablehnung entgegen schlug. Was auch nichts genützt hätte, denn mit diesem Phänomen, auf dass sich die Rockszene mit aufgeschlossenen Elektronikern einigen konnte und dass in aller Niedlichkeit auch Teenie-Girlies auf die Tanzfläche zog, war der Duchbruch rockender Elektronik am Massenmarkt nicht mehr aufzuhalten.
The Warning:

Hooligan Disco

Parallel dazu hatte in Frankreich vor allem einer keine Lust, Daft Punk's Errungschaften ad acta zu legen: Deren Freund & Manager Pedro Winter. Sein voriges "Headbanger Entertainment" wurde für sein eigenes Label leicht eingedampft 2003 und als Ed Banger um spürbaren Spaßfaktor ergänzt. Und der Instinkt trog ihn nicht. Gleich die zweite Single war "We Are Your Friends".
Allerdings ist die Entwicklung dieses Smash-Hits nicht ganz uninteressant: Sie begann im Jahr 2003 als kleiner Sommerhit, der den üblichen Weg solchen Liedgutes in Richtung Vergessenheit zu gehen schien. Es ging erstmal nur um's unbeschwerte Rumspacken und im Interview mit der Spex streiten sich die Protagonisten, ob die Auflage des Machwerks nun 1000 oder 4000 Stück gewesen ist- egal wie: Diese Anfangsdimension ist in jeder Hinsicht lächerlich klein für ein Ding, das ein Jahrzehnt-Hit werden sollte. Mit Verspätung: DJ Hell stieg erst ein geschlagenes Jahr später drauf ein und selbst da war es ganz offensichtlich immer noch etwas zu früh für eine Welle.
SMD hießen noch Simian und das LCD Soundsystem hatte auch noch nichts davon verlauten lassen, dass Daft Punk in ihrem Haus spielt. Ed Banger hatte noch etwas Basisarbeit zu leisten, bevor "We Are Your Friends" 2005 im zweiten Anlauf dann tatsächlich besser durchstartete als beim ersten Mal.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass bis dahin auch einige Schützenhilfe von außen kam, die immer mehr Leuten die Ohren öffnete: Peaches tourte stetig und hatte M.I.A. angelernt, die mit "Arula" sofort eine Ansage machte, New York hatte The Rapture und LCD Soundsystem am Start (und man war dort ebenfalls gut mit DJ Hell befreundet) und Britannien erlebte unter dem Stichwort Grime eine Elektro-Hiphop-Koalition, die mit den traditionellen Dancefloor-Dogmen nichts zu tun hatte. Außerdem hatten Simian nun die Mobile Disco angeworfen und Hot Chip liefen sich bereits warm für The Warning.
Im Jahr vor dem Hype gab Pedro Winter auch De:Bug ein entspannt-bescheidenes Interview, das nebenbei auch deutlich machte, dass es in Frankreich noch mehr Labels gibt, als Ed Banger und Kitsune (was dann alsbald in Vergessenheit geriet).
Während dessen sahen sich Justice immer noch mehr als Producer und es sollte nochmal ein weiteres Jahr verstreichen, bis sie schließlich mit einem Longplayer herauskamen. Unter dem Strich verging also ein halbes Jahrzehnt vom Start bis zum großen Durchbruch.
Diese Strecke entspricht ziemlich genau dem Weg von Grunge von der Gründung von Sub Pop bis zum Abheben von Nirvana oder von Grandmaster Flash's ersten Gehversuchen bis hin zu "Rapper's Delight". Faszinierend lang in einer Branche, die die Geschwindigkeit für sich gepachtet zu haben meint.

New Rave?

Die Masse macht's: Nach langjähriger Vorarbeit nahm der Hype 2007 als Koalition von Justice, SMD und Digitalism seinen unvermeidlichen Lauf (passend zusammengefasst von xifan-yang für die Süddeutsche). Ein breites Publikum war mehr als gewillt, sich den Spaß nicht entgehen zu lassen, den TBA zur Rückkehr von Mr. Oizo beschreibt: "Dancefloor-Surrealismus (...), der zu 100 Prozent aus Hooklines besteht. Rumms, Wumms, Hurra – und wieder von vorn." Die Hooligan Disco pogt der in Manirismus erstarrten Club-Mentalität mit Humor auf die Tanzschuhe.
Ein massentauglicher Name für die Feierei wurde ausnahmsweise mal von einer Band lanciert. Zumindest beanspruchten die Klaxons (gibt es die eigentlich noch?) das Copyright für die Überschrift "New Rave" für sich. Ihres Zeichens Kunststudenten, die die Entwicklung in den Medien genau verfolgten und sich hinterher köstlich amüsierten, ein neues Buzz-Word lanciert zu haben. Das ging für ca. eine Saison, in der wohl auch ohne diesen Aufkleber schrille Retro-Outfits London unsicher gemacht hätten, wo sich die Kids mit Konfetti-Werfen verlustierten. Immerhin: Erfolgreich ein derartiges Stichwort zu liefern, kann auch nicht jeder.
Der Hype wuchs schließlich so an, dass sich De:Bug hierzulande schließlich zu einem Schwerpunktheft genötigt sah. Bei der zugehörigen Redaktionskonferenz kamen dann womöglich zum letzten Mal die alten Befindlichkeiten der Techno-Zeit zum Ausdruck. Dass solche Dogmen keineswegs ausgestorben waren, bekamen auch Justice zu spüren, als sie es wagten, auf einem hiesigen Elektro-Event ihren Lieblingshit von Rage Against The Machine aufzulegen. Wie sie intro ("Bad Party" am Schluss des Artikels) berichteten, wurden sie dermaßen ausgebuht, dass sie schließlich die Bühne verlassen mussten...
Wie der Hype ohne Dogmatismus zu kritisieren ist, demonstriert Mr. Oizo, der verblüfften Journalisten verkündet, dass solche "Affenmusik" bei ihm zuhause nicht auf den Plattenteller kommt und beim Bayrischen Rundfunk nochmal nachlegt: "Vor zehn Jahren war Pedro noch ein Arsch. Aber das weiß er auch. (...) Mit Justice zu arbeiten würde mir nichts bringen (...) es ist auch etwas Leeres an ihnen (...) Uffie steht für die Dummheit ihrer Zeit – aber auf eine gute Art und Weise." Ob er gewusst hat, dass Grantler in Bayern wohlgelitten sind?
Anyway- all das bildete die Basis dafür, dass Elektro-Sounds 2009 in Charts und Massenmarkt wieder mehr als trendy waren. Solange aber Leute wie Amanda Blank souverän Bubble-Gum-Effekte vermeiden, können die in solchen Fällen üblichen Untergangsfantasien zu Hause bleiben. Und ganz nebenbei hat die Welle womöglich verhindert, dass der brave Clubber in 10 Jahren als lustig-staubiges Tanzfossil zum retro-amüsieren ausgestellt wird.

Wo mit so viel Unerschrockenheit und Kreativität lang vergessene Energiequellen kurzgeschlossen werden besteht Grund zu der Hoffnung, dass noch einige spannende Sachen passieren werden. Oder wenigstens die neue Leichtigkeit erhalten bleibt, wenn Sounds nicht mehr in irgendwelchen Theoriegebäuden mikroskopiert werden.
Bessere Zeiten also auch für die kommenden Generationen im zweiten Jahrzehnt: Wo zuvor im (Sub)Kulturkampf verbissen Territorien verteidigt und erobert, Denk- und Hörverbote aufgestellt wurden, kann nun alles zusammen abgefeiert werden- das ist messbarer Fortschritt. Ich bin mir sicher: Da geht noch mehr. Hybride Rockelektronik wird mindestens den Großstadt-Sound der kommenden Jahre definieren.

Peace & Love


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