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Loveparade: Todespop

(Alone In The Superunknown)

Die Loveparade (010) ist die größte Katastrophe der Popgeschichte. Sie wird in den kommenden Geschichtsbüchern als Mahnmal für den totalen Sell-Out einer ganzen Kulturform geführt werden. Der Kollaps von Techno, der "Missbrauch" des Kindes von Dr. Motte, wirft gleichzeitig auch ein sengendes Licht auf den gedankenlosen und verächtlichen Umgang mit Popkultur insgesamt.

Die Zeiten größerer popkultureller Katastrophen schienen lange vorbei zu sein. Es ist fast exakt 40 Jahre her, dass beim Rock-Festival von Altamont ein Ordner beim Auftritt der Rolling Stones einen Fan erstach. Ein halbes Jahr nach dem aus anderen Gründen ebenfalls aus dem Ruder gelaufenen Woodstock-Festival war damals einer ganzen Generation sofort klar, dass die goldenen Zeiten angesichts derartiger Massenmarkteffekte unwiederbringlich zuende waren.

21 Tote und hunderte von Verletzten in Duisburg sind eine völlig andere Dimension.

Solche Dimensionen sind auch eine Schattenseite des weltumspannenden Siegeszuges von Pop und der nahezu vollständigen Durchdringung des Alltags/Lebens mit popkulturellen Techniken und Produkten. In Zeiten, wo der US-Präsident seinen Wahlkampf wie die Tour einer Rock-Band betreibt und Techno-Fans des gesamten Planeten mit dem Flugzeug zu einer globalisierten Tanzveranstaltung einfliegen, sind auch Pop-Aktivisten wieder überfordert.
Denn das Verständnis von Popkultur hat mit dieser weltweiten Entwicklung nicht schrittgehalten. Wer immer noch der verbreiteten Meinung anhängt, Pop sei nur ein quietschbunter Freizeitspaß für den Nachwuchs, der sich mit einfachen Mitteln managen und abkassieren ließe, steht 2010 hilflos vor einem Scherbenhaufen.

Die eigentliche Katastrophe ist es, millionenfachen Zuspruch als Freibrief für besinnungslose Ausbeutung zu betrachten. Die zweite Katastrophe ist, dass die bildungsbürgerliche Politik es nicht nur versäumt hat, dem entgegen zu wirken, sondern obendrein noch tätlich dabei mitgewirkt hat in der Hoffnung, auch ein Stück vom Kuchen ergattern zu können.
Die Ursachen liegen im weiterhin grassierenden Unverständnis der Kunstform Pop und von Popkultur als integraler Kommunikationsform des Informationszeitalters. Eins der wichtigsten Kulturgüter der Menschheitsgeschichte ist so zuerst zum Wegwerfartikel und dann zu Zivilisationsmüll geworden. Was die frühen Punks der Gesellschaft noch als Zerrspiegel vor Augen hielten, meinte die Generation Techno tanzend ignorieren zu können. Schlimmer noch: Die einstigen Kellerkinder aus dem Berliner UFO-Club hatten kapitalistische Marktinstrumente im Freudentaumel für futuristische Wunderwaffen gehalten, mit denen sie sich eine "Raving Society" zusammenmixen könnten. Vor allem die Organisatoren der Massenveranstaltung namens Loveparade haben bereits vor 20 Jahren einen Zug auf die Schiene gesetzt, den sie seit dem Verkauf 2006 selbst auch gar nicht mehr stoppen konnten.
So bleiben nach der Tragödie von Duisburg beim Lesen von Dr. Mottes Statement einige Zweifel, ob man ihm die rührende Naivität tatsächlich abnehmen soll. Aber vielleicht ist es wirklich so, dass es für ihn nur um "Selbsterkenntnis" ging und darum, "die Menschen glücklich zu machen" mit einem "Fest der Menschheit".
Gerade deswegen hätte man allerdings meinen können, dass zumindest diejenigen, die die Loveparade in den 90ern mit der Parole "No more fucking Rock'n'Roll" nach vorne peitschten, tatsächlich etwas weiterentwickeln wollten, das vorherige (Sub)Kulturen nicht geschafft hatten. Doch der Ansatz war wohl wirklich naiv: Weltverbesserung durch schlichtes Weglassen einer Band. Spätestens aus der Perspektive von Duisburg entpuppt sich das als Trugschluss im Drogennebel, der zu einem popkulturellen Rückschritt geführt hat.

Wo Jahrzehnte zuvor nach Altamont sehr klar war, dass dort auch eine Ära zu Grabe getragen wurde, ist 2010 nach Duisburg überhaupt nichts klar. Denn popkulturell gibt es fast nichts mehr zu beerdigen. Das Kind von Dr. Motte ist schon lange tot- unbemerkt von seinen Eltern kollabiert hinter einem namenlosen DJ-Pult.
Wenn es eine kulturelle Schuld an dem Desaster gibt, dann ist das Vernachlässigung. Die Eltern des Kindes müssen sich fragen lassen, warum sie mehr als 10 Jahre lang vor dem kulturellen Siechtum die Augen verschlossen haben.
Und falls es eine popkulturelle Öffentlichkeit gibt, die sich fragt, wie solche Katastrophen in Zukunft vermieden werden könnten, sollte dort nicht über Verwaltungsvorschriften diskutiert werden (denn die gibt es längst genug).

Death From Above

Der Schwerpunkt der öffentlichen Wahrnehmung liegt im August 2010 bei Verwaltung und Juristik- das (pop)kulturelle Phänomen Loveparade scheint nicht mehr zu existieren. In den einschlägigen Musikmagazinen herrscht betretenes Schweigen, was in der ansonsten debattierfreudigen Musikszene seltsam anmutet.
Bei näherem Hinsehen zeigen allerdings Gründe. Der erste wäre, dass sich die Loveparade bereits seit langen Jahren völlig losgelöst von allen musikalischen Szenen und Entwicklungen als schlichter Sommerkarneval bewegte. Als Jürgen Laarmann, ehemaliger Herausgeber des Techno-Zentralorgans Frontpage und Anteilseigner der Loverparade GmbH, Ende der 90er frustiert ausstieg, bilanzierte er: "Musikalisch hat die Loveparade überhaupt keine Bedeutung." (zur FAZ). Wohlgemerkt: Dieses netterweise immer noch archivierte Zitat stammt aus dem Jahr 2001 (und sein Ausstieg aus der Loverparade GmbH lag da auch schon 2 Jahre zurück).
Der Hauptgrund für das bisherige Schweigen der Musikmagazine dürfte aber sein, dass die Kritik altbekannt ist- sie liegt seit über 10 Jahren auf dem Tisch: Im Jahr 2001 wurde eine der Zentralfiguren des deutschen Techno der 90er noch wesentlich deutlicher als der zu diesem Zeitpunkt schon distanzierte Laarmann. Der von dancecharts.at dankswerter Weise immer noch verfügbar gehaltene Brandbrief von Sven Väth bringt einige zentrale Ärgernisse vieler ursprünglicher Techno-Fans unmissverständlich auf den Punkt. Das soundtechnische Wettrüsten der ewig gleichen DJs und vor allem das wahllose Verhökern von Werbeflächen an die Freizeit- und Getränkeindustrie, sowie private Fernsehsender und politische Nachwuchsorganisationen.
Niemals zuvor in der ein halbes Jahrhundert währenden Pop-Geschichte ist ein Sell-Out derart offensichtlich gewesen. Sven Väth: "Die Love Parade hat ihren Spirit verkauft, und das im wahrsten Sinne des Wortes."
Die von dancecharts.at ebenfalls archivierte Antwort der Loverparade GmbH ist auch nicht uninteressant. Der erste Satz: "Die Loveparade zu dissen ist populär geworden wie es scheint." Die immer zahlreicher und lauter werdende Kritik hat dort anscheinend im Jahre 2001 niemanden allzu lange ins Grübeln gebracht. Man war not amused, beim Legendärsein gestört zu werden und verlegte sich darauf, Sven Väth Populismus und Profilierungsgelüste vorzuwerfen.
Nur: Der womöglich erste Superstar des Techno hatte beides schon längst nicht mehr nötig.
Der zweite Kritikpunkt, dass Väth sich schließlich selbst bereichert hätte, ist ein Bumerang. Falls das richtig gewesen sein sollte, hätte es Väths Breitseite umso glaubwürdiger und ehrenwerter gemacht. Wer verzichtet sonst freiwillig auf eine solche Geldquelle. Ich bin allerdings eher geneigt, ihm zu glauben, dass er vorher aus Idealismus draufgezahlt hat.
Wo aber die Hateparade (später Fuckparade) bereits 1997 gestartet war, hätte man auch Sven Väth durchaus mal fragen können, warum es eigentlich fast ein halbes Jahrzehnt gedauert hat, bis er Kritik anmeldet. Selbst Dr. Motte hatte schon 1997 Erfahrungen gemacht, die manche Leute zu der Überlegung geführt hätte, dass etwas Grundlegendes schiefläuft.

More Fucking Rock'n'Roll

Diesen Time-Lag kann man auch Betriebsblindheit nennen, die die Techno-Ideologie selbst produziert hat. In der Frühzeit des Techno war die Hoffnung verbreitet, dass DJism allein schon neue Zeiten und bessere Welten garantieren könne. Der rasante Markterfolg schien das ja zu bestätigen. Zentral war die Vorstellung, die Pop- und damit auch gleich die Weltkultur zu demokratisieren, indem die Superstars auf der Bühne abgeschafft und statt dessen die Tanzenden selbst zu Stars werden, die sich jede Nacht selbst definieren. Bis heute immer noch ein interessanter Gedanke, der manches für sich hat.
Wenn man diese Arbeitshypothese allerdings im Überschwang zu ernst nimmt, wird daraus zuerst das Missverständnis, dass mit dem Aufstellen von Turntables schon alles getan sei und wenig später eine Ideologie, die sich schnell als Lebenslüge entpuppt:
Denn wer tanzt, kann nunmal nicht gleichzeitig Platten auflegen und ist daher notwendigerweise als Konsument von Beatlieferanten abhängig. Und die werden wie überall im Pop-Business sehr schnell sehr groß- spätestens dann, wenn alle den neuen, heißen Scheiß haben wollen.
Entsprechend beobachtet DJ Mijk Van Dijk bereits 1991 "einsetzenden DJ-Star-Kult".
Zwei Jahre nach dem Start der Loveparade mit 150 Figuren war damit auch der Pop-Star schon wieder back on stage. Was auch durchaus frühzeitig kritisiert wurde, wie der Mitgründer von Raveline, Marcel Feige, in seinem Ende der 90er erschienenen Buch "Deep In Techno" ausführlich anhand von Fanzine-Artikeln dokumentiert. Lange bevor die Teilnehmerzahlen der Loveparade überhaupt die 100.000er-Grenze überschritten hatten, zogen die Ersten bereits ein ernüchtertes Fazit: Die vermeintlich reaktionäre Rock-Band war nun durch einen "gottgleichen" DJ ersetzt worden, der seine tanzenden Schäfchen mit dem Zeigefinger dirigierte.
Es waren anscheinend nur wenige selbstkritisch veranlagte Leute, die diese Entwicklung ins Grübeln brachte. Im Gegenteil wurde alles noch schlimmer: Die Protagonisten schienen der Ansicht zu sein, dass in den neuen Zeiten mit dem neuen Sound alles soviel anders und besser sei, dass im Tech-Nirvana nichts mehr hinterfragt werden müsste. Sowas hätte man von den (Rock-)Subkulturen der vorigen Jahrzehnte durchaus lernen können, falls man diese nicht auf den Müllhaufen der Geschichte phantasiert hätte.

techno.biz

Es wurde sogar noch viel schlimmer: Als mit dem Erfolg die Massen kamen, begannen die Pioniere des SciFi-Sounds, sich auch als die Raumschiffkapitäne des futuristischen Business zu sehen.
Anscheinend wurde das BWL-Anfängerhandbuch zur Existenzgründung überflogen und zwecks Wahrnehmung der Markenrechte zusammen mit der "Technomedia GmbH" ein Unternehmenskonsortium aus Frontpage, Low Spirit-Label, Mayday und Loveparade GmbH geschraubt, mit dem man die Kontakte zu "Werbepartnern" koordinierte und sich für ein paar Jahre im schnieken West-Berliner Domizil in Ku'damm-Nähe die Großaufträge gegenseitig zuschieben konnte.
Ein popkulturell weiterhin einmaliger Vorgang: Exakt diejenigen, die gerade noch als Subkultur gestartet waren, gründeten eine Vermarktungsgesellschaft- es dürfte bis heute nicht wenige Musik-Fans geben, die derartiges im wahrsten Sinne des Wortes als kulturelles Kapitalverbrechen betrachten (jetzt erst recht).
Das alles in der Frühphase, während in der Techno-Heimatstadt Detroit die Underground Resistance regierte, die angetreten war, um genau die wirtschaftliche Ausbeutung des Sounds mit allen Mitteln zu verhindern. In der "Disco Deutschland" (Westbam) war plötzlich nur noch BWL cool.
Man muss sich das mal vorstellen: Eben dieser Westbam äußert sich direkt nach der Katastrophe von Duisburg im Interview mit Raveline anerkennend über den "Mut" des hauptverantwortlichen Unternehmers Schaller: "Schaller ist ein Entrepreneur, ein Spieler, der auch immer bereit war, große Risiken einzugehen und immer damit Erfolg hatte. (...) Ich respektiere ihn dafür, dass er sich was traut."
Respekt für Zockertum mit großen Scheinen- ob es noch einen Musiker gibt, den Westbam ähnlich bewundert?
Die Durchsage ist leider kein Witz, denn gegenüber der Zeit macht Westbam ähnliche Äußerungen. Dort sieht er bei den Organisatoren eine "kleine menschliche Schwäche". Und findet, dass Schaller "kein böser Mensch" sei.
Es ist exakt dieses Denken, das der Katastrophe den Weg bereitet hat.
Und der Versuch, (im Zeit-Interview) als Erklärung für das blutige Ende einer großen Utopie "unser aller menschliches Versagen" anzubieten und damit jede Verantwortung ins Nebelhafte zu verlagern, ist durchaus heuchlerisch.

Da mutet es fast harmlos an, dass in den 90ern auch andere ein Stückchen von dem ofenfrischen Kuchen abhaben wollten. So wurden mit Warp-Geschwindigkeit landauf, landab die Namensrechte für jeden zweiten Provinz-Rave an Sponsoren vertickt. Kein halbes Jahrzehnt nach dem hoffnungsvollen Start der Bewegung trug die durchschnittliche Tanzveranstaltung Produktnamen von Energy-Drinks oder Zigaretten.
Highway To Hell- die Rocker wussten wenigstens, auf welchen Trip sie sich begaben...

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Parallel dazu empfanden es die hiesigen Strippenzieher des Techno Mitte der 90er als Riesengaudi, Schlagermelodien mit schnell und billig zusammengeschusterten Bumm-Bumm-Beats zu unterlegen. Was bei Pionier-DJane Marusha ("Somewhere Over The Rainbow") gerade noch als Witz durchgehen konnte, entwickelte sich zügig zu einem gewinnbringenden Geschäftsmodell mit dem Titel "Eurodance". Auch in den Nachbarländern wurden eiligst Tanzgruppen gecastet, die zu Beats vom Band lustige Weisen trällerten, während im hiesigen Binnenland schließlich Kinderlieder und Volksmusik elektronisiert wurden. Der letzte Auswuchs dieser Entwicklung ist immer noch bekannt und firmiert als "DJ Ötzi". Dass schließlich Gotthilf Fischer auf der Loveparade auftauchte, war kein Betriebsunfall, sondern folgerichtig.
Die Erfinder des Techno-Sounds aus dem fernen Detroit waren schon Anfang 1994 schlicht entsetzt, dass von ihrer Innovation, die als Gegenentwurf gedacht war, nur noch Fließbandsound und besinnungsloses BummBumm übrig geblieben war.

Was in anderen Subkulturen immer wieder gern verschwörungstheoretisch debattiert wird, war im Techno-Sektor mit Lichtgeschwindigkeit zur bösen Realität geworden. Dem "neuen" Big Biz ging es nur noch um die Massen, das Fernsehen und die Werbepartner, die den Jet-Set-Lifestyle der Protagonisten zu finanzieren hatten.
Das Resultat beschreibt die FR dieser Tage treffend als "Ballermannisierung". Denn das alles zog logischerweise Publikum an, das sich für die Musik nur noch am Rande interessierte. Was massenweise anmarschiert kam, waren im ganz direkten Wortsinn sensationsgeile Leute, die die Loveparade als kostengünstigen Freiluft-Porno betrachteten. Hier war Mottes Utopie vom "Freiraum" für jeden, "egal, wie er tanzte oder aussah" besonders schnell realitätsfern geworden. Denn die Loveparade war nie eine FKK-Parade, wo sich etwa ganz normale Leute nackich machten- ganz im Gegenteil. Wiedrum nur folgerichtig, dass als nächstes der "Muskel-Raver" (FR) auf der Szene erschien und schließlich ein Fitness-Unternehmer der Letzte war, der beim Räumungsverkauf noch Geld in die Hand nehmen wollte.
Kein Stil der Pop-Geschichte ist je zuvor (und hoffentlich nie wieder) mit derartiger Geschwindigkeit derartig bedingungslos kommerzialisiert worden. Und zwar von den Pionieren höchstselbst, die kurz zuvor im Underground für eine bessere Welt gekämpft hatten.

Public Enemy 21

Es ist wenig diskutiert worden, dass diese Entwicklung auch der Pop-Kultur insgesamt großen Schaden zugefügt haben dürfte. Es ist bekanntlich weiterhin populär, Pop als billiges Massenprodukt zu betrachten und die Kunst als primitiv und kommerziell zu diskreditieren. Der Techno-Sell-Out hat der fast schon überwunden geglaubten bildungsbürgerlichen Ignoranz gegenüber dieser zeitgenössischen Kunst wieder neue Energie gegeben.
Allein Zustand und Entwicklung des entsprechenden Wikipedia-Artikels, wo man vor lauter Vorurteilspflege auch nach Jahren nicht dazu kommt, überhaupt nur den Entstehungszusammenhang von Pop-Musik zu benennen, spricht eine deutliche Sprache.
Vor diesem Hintergrund bestätigt eine mit schlichtem Bums beschallte Porno-Parade, die in den ohnehin zu wenigen städtischen Grünanlagen eine Spur der Verwüstung hinterlässt, die schlimmsten Vorurteile. Schlimmer noch, nach den Todesfällen von Duisburg dürfte die Zahl derjenigen, die Pop im Allgemeinen und Freiluft-Disco im Besonderen für gefährliche Volksverdummung halten, wieder mal zunehmen.

Hier liegt die Verantwortung der Politik, von man in einer Demokratie erwaten dürfte, dass sie auch jüngere kulturelle Errungenschaften pflegt und schützt. Das setzt allerdings voraus, dass die Entscheidungsträger in der Lage sind, popkulturelle Werte überhaupt zu erkennen. Es ist das Versagen der Kulturwissenschaft und vor allem der Musikwissenschaft, während der vergangenen Jahrzehnte wenig zum Verständnis der größten und vielfältigsten Kulturform des 21. Jahrhunderts beigetragen zu haben (Material: Populäre Musik und Ästhetik: Die historisch-philosophische Rekonstruktion einer Geringschätzung). Das Resultat ist in etwa so, als ob ein Goethe Zeit seines langen Künstlerlebens nur als Volksschriftsteller angesehen worden wäre, der abgesehen von etwas belangloser Massenbelustigung nichts zur kulturellen Entwicklung beigetragen hätte.
Solange man meint, Kulturgüter, für die in diesem Falle tatsächlich Millionen demonstrierten, als billigen Kinderspaß betrachten zu können, den man bedenkenlos irgendwelchen Spekulanten überlassen kann, ist das Unheil vorprogrammiert. Es ist die bildungsbürgerliche Einäugigkeit, die den zuständigen Politikern beim Ignorieren der kulturellen Mehrheitsverhältnisse Vorschub leistet. Solches Denken zwingt letztlich kulturelle Idealisten, von beliebigen Leuten Geld zu nehmen, ohne viele Fragen zu stellen. Die Katastrophe von Duisburg ist auch eine Katastrophe eines Bildungsbürgertums, das meint, Pop-Kultur verächtlich behandeln zu können.

Auf dem Boden der verwaltungsrechtlichen Tatsachen nehmen sich die Vorbehalte gegenüber der Loveparade als prominenter Repräsentantin der Pop-Kultur wie Ausreden aus, die verfassungsmäßige Rechte verletzen: Praktisch darf auf dem Lande jeder Schützenverein selbstverständlich seinen Umzug veranstalten, dürfen Karnevalisten jedes Jahr eine Woche lang ganze Landstriche lahmlegen, während die Fußball-Bundesliga Woche für Woche nur mit massivem Polizei-Einsatz spielfähig ist.
Nur ein paar Beispiele einer längeren Liste von Großereignissen mit erheblichen Folgekosten (sollen wir es mal wirtschaftliche Schäden nennen?), die den Verantwortlichen selbstverständlich nicht in Rechnung gestellt werden. Nach Duisburg ist das schlimme Fazit: Die Pop-Kultur hat anscheinend immer noch keine Lobby, die Akzeptanz und Gleichbehandlung mit anderen Kulturbereichen durchsetzen könnte. Pop muss statt dessen für Zocker-Typen Kohle (oder wenigstens Image-Gewinn) ranschaffen- so wird die billige Wegwerf-Kultur zur Self Fullfilling Prophecy.
Solange sich in Wahrnehmung und Wertschätzung von Pop nichts ändert, solange Pop-Kultur nicht mit ähnlicher Selbstverständlichkeit gefördert wird wie jedes Opernhaus, bleibt die zeitgenössische Kultur ein Spekulationsobjekt und das Ausbleiben von Katastrophen letztlich bloßer Zufall.

Zukunft?

Auch wenn man es nach diesem blutigen Ende nicht wirklich positiv nennen möchte, ist aber immerhin erkennbar, dass einiges stehengeblieben ist, was in Zukunft wichtig sein wird:
Elektronische Musik ist allgemein soweit Teil aller (Pop-)Kultur, dass auch eine solche Katastrophe daran nichts ändern wird. "Die Guten" im Spiel haben sich ohnehin vor über 10 Jahren von Loveparade und drumrum losgesagt und betreiben eigene Labels und Clubs, die vielleicht ja jetzt sogar wieder etwas mehr Zulauf bekommen, wenn sich einige Leute auf die Suche nach Elektronik mit mehr Tiefgang machen. Dass das semilegendäre "Berghain" zur touristischen Attraktion werden konnte, kann ja auch mal als Hoffnungsschimmer betrachtet werden- gute Arbeit setzt manchmal doch durch. Und es gibt offensichtlich auch Bedarf für mehr davon.
Ansonsten gibt es bekanntlich Jahr für Jahr zahllose Open Airs, bei denen niemand zu Schaden kommt und die Botschaft ist durchaus, dass sich immer noch viele Menschen über mehr elektronisch orientierte Festivals freuen würden.
Sogar von den Karnevalisten lässt sich lernen, dass es tatsächlich möglich ist, zu Hunderttausenden feiernd durch die Städte zu marschieren, wenn man das dringend braucht. Die klare Bedingung ist aber, dass die Verantwortung nicht einem Einzelnen aufgebürdet wird und die politischen Entscheidungsträger begreifen, dass eine erfolgreiche und friedliche Großveranstaltung auch von ihrer Seite Vorleistungen benötigt (die selbstverständlich nichts mit Beseiteschieben von Sicherheitsvorschriften zu tun haben).
Wem es nach der Katastrophe unangemessen vorkommt, schon wieder an die nächsten Feiern zu denken, kann sich vielleicht an die Roots erinnern: Denn (Detroit-)Techno ist tatsächlich eine afroamerikanische Erfindung. Und die afroamerikanische Kultur hat zumindest in New Orleans die Tradition, die Toten mit Hilfe einer Marching Band tanzend zu ehren. Eine Form der Erinnerung, die mir auch hier angemessen erscheint.

R.I.P.


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