Equalizer byte-funk.de

Blogs & Mags:

+++
a010_Congstar Logo 80x80

[amazon]

Autechre

Oversteps

Technikpioniere sind zurück: Die Erwartungen an Autechre sind nach wie vor hoch, was sie mit Oversteps spürbar zu relativieren versuchen. Visionär waren sie vor 15 Jahren, dieser Tage bleiben Nonkonformismus, Beharrungsvermögen und als Überraschung streckenweise chillige Gelassenheit. Macht das Oversteps zu einem großen Werk oder sind das normale Parameter der Autechre-Formelsammlung?
Kommt auf die Programmiersprache an.

Im Jahr des einhundersten Geburtstages des hiesigen Computer-Erfinders Zuse erinnert man sich daran, dass dieser vor 70 Jahren auch eine erste Programmiersprache erdachte, die er "Plankalkül" nannte. Hätte auch von Kraftwerk sein können und macht sich auch als Beschreibung von Autechre's neuestem Output Oversteps recht gut.
Denn erstens haben Autechre nie einen Hehl daraus gemacht, ihre Musik als Mathematik zu betrachten und zweitens geht Oversteps einen deutlichen Schritt zurück zu den "ambientösen" Anfangstagen. Diese jederzeit spürbare "Gelassenheit" (laut) aus Richtung Old School liegt offensichtlich recht quer zu den Erwartungen vieler Rezensenten, die von Autechre sperrige Robotik und fraktalen Dekonstruktivismus geliefert haben wollen. Aber Oversteps klingt gerade nicht wie "hundert Jahre Maschinenwinter" (wie die Spex meint). Auch "Antimusik" und "auditive Selbstkasteiung" (Plattentests) geht für mich völlig anders. Im Gegenteil: Man wollte tatsächlich "organischer, natürlicher klingen", wie Sean Booth dem verblüfften De:Bug-Autor zu erklären versucht, was der zurecht "irgendwie absurd" findet, denn Autechre sind während der letzten zwei Jahrzehnte die womöglich radikalste Verkörperung des alten Kraftwerkschen Mensch-Maschine-Konzeptes gewesen und damit jeder "Natürlichkeit" soweit weg wie Lady Gaga von den Hiphop-Roots.
Also naheliegend und zweckmäßig, wenn Autechre hier Entmystifizierung versuchen, wie De:Bug weiter übersetzt.

Schließlich wissen Autechre selbst am besten um die Entwicklung der letzten Jahre und nicht zuletzt auch um ihre eigenes (Projekt-)Alter, was anderswo als "Rockopa" beschrieben würde. Nicht ganz uninteressant in einem Sektor, der ehedem für sich in Anspruch nahm, den Fortschritt fest einprogrammiert zu haben. Das war vor Jahren.
Nun muss man nicht gleich mit Motörhead kommen (wie De:Bug), es ist aber richtig, dass Autechre ihre Grundkonstrukte vor allem während des letzten Jahrzehnts eigentlich bestenfalls dezent variiert haben, weswegen es auf Oversteps "keine wirklich neuen musikalischen Akzente" (echoes-online) zu hören gibt. Dass Autechre bislang kein generationsbedingter Gegenwind ins Gesicht bläst, liegt einerseits an ihrem Außenseiter-Status, aber hauptsächlich wohl weniger an ihnen selbst und ist eher meta: Radikaler als radikal geht nunmal eher schlecht und die permanente Revolution war auch schon Vorgestern zuende. "Ich hätte mir vor 15 Jahren nicht vorstellen können, wie langweilig elektronische Musik heute sein wird", sagt der desillusionierte Sean Booth zu De:Bug. (Ich finde, sie rockt.) Aber auch dieser Pop ist längst überall und wird auch überall verstanden: Was ehedem Antimusik gewesen ist, klingt heute höchstens noch teilweise chaotisch und ist durchaus "Elektro, den man gerne beim chillen zuhause hören kann" (evewithoutadam). Klar- warum denn nicht...


Creative Commons

Bei allen Services (Mister Wong, Yigg, Infopirat etc.) bookmarken