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Carl Craig & Moritz von Oswald

Recomposed

Ob es für Recomposed von Carl Craig und Moritz von Oswald keinen Superlativ gibt, "der übertrieben wäre" (groove), ob die "Karajan-Boys" tatsächlich den "ganz großen Wurf" gelandet haben, "Kickdrum im Konzerthaus" das neue Ding wird oder ob das Ergebnis der Soundforschung von Carl Craig und Moritz von Oswald eher "zwiespältig" ausfällt und solche "Wohnzimmermusik" doch eher ein "Techno/Klassik-MashUp" geworden ist, muss sich noch zeigen. Auf jeden Fall: Die Fachwelt staunt mehrheitlich, auch wenn 2008 vergleichsweise wenige der üblichen Berufsbesprecher von Recomposed Kenntnis nahmen.

Bei Carl Craigs und Moritz von Oswalds Recomposed hat das Feuilleton doch tatsächlich die vielleicht größte Analyse-Sause des Jahres 2008 verpennt, wo viele bedeutungsschwere Details zu beleuchten gewesen und gewichtige Fragen zum Fortgang der Kultur des Abendlandes zu stellen gewesen wären. Aber anscheinend war man im Herbst 08 zu sehr beschäftigt mit AC/DC und Metallica.
Und nebenbei hat sich unter denen, die das Werk von Carl Craig und Moritz von Oswald gebührend würdigten, nahezu unbemerkt der gute alte Pop-Diskurs wieder eingeschlichen- wie (fast) jedes Jahr. Diesmal in der grundlegenden Variante: E- und U-Musik, Avantgarde, Hochkultur- hallo Elfenbein, es türmt sich weiter.

Aber der Reihe nach:
Wie viele Remixe ist Carl Craigs und Moritz von Oswalds Werk ist eine Auftragsarbeit. Denn wie die Rheinische Post erläutert, ist es seit Jahren eine wichtige Marketingstragie der altehrwürdigen Deutschen Grammophon, neue Publikumsschichten für die Klassik zu erschließen. Und weil teilweise einige Verwunderung über die Wahl des Materials herrscht: Die Auswahl traf der Säulenheilige Dirigent Karajan, der überdies Ende der 80er vorausschauend genug war, digitales Mehrspurmaterial zu hinterlassen, was einen Remix sehr erleichtert. Recomposed ist also Karajans Auswahl gespielt von den hochwohllöblichen Berliner Philharmonikern. Und letztere scheinen die Remix-Bewerber einer rigorosen Begutachtung unterzogen zu haben, von der Carl Craig zur örtlichen Presse sagt "es ist, als würdest du Remixe für Jesus machen". Und Kollege Oswald ist sich sicher, dass das Ergebnis nicht gefallen hat. Was für den Freigeist der beiden spricht und die Leistung eher noch größer macht.
Moritz von Oswalds Hauptmotiv für das oberflächlich erstmal leicht abseitig erscheinende Projekt war, dass Ravels Bolero als "archetypischer Dance-Track" (zur NZZ) gesehen werden kann. Die Zeit findet mit Klangforschung und Eigenbrötlerei noch eine "ästhetische Übereinkunft" zwischen Klassik und Clubmusik.

In diesen beiden Subkulturen wird Recomposed von Carl Craig und Moritz von Oswald mit schlichter Begeisterung aufgenommen. Genaue Analysen des Werks finden sich entsprechend bei Klassik-Akzente und De:Bug wo Ausgangspunkte und Arbeitsweisen so genau betrachtet werden, dass man es nicht nochmal herbeten muss. In den Worten von Craig und Oswald selbst auch im Interview mit der BZ.

Spannend dabei ist die künstlerische Mission, die Klassik-Akzente so benennt: "Dieses als Fahrstuhlmusik und durch Autowerbung zum Klischee seiner selbst erstarrte Werk zurück zu führen zum Ursprung seiner musikalischen Idee".
Somit ist das "Sex Machine der Orchestermusik" (taz) interessanter Weise eigentlich genau das, was allseits beliebte Vorurteile gern "dem Pop" zuschieben. Pop-Therotiker Martin Büsser führt (für intro) aus:
"Nicht die elektronische Musik von Craig und Oswald wirkt hier standardisiert, abgegriffen und banal, sondern den Versatzstücken der Klassiker haftet ein Ruch von Kulturindustrie an". Trotzdem sind die alten Kategorisierungen längst nicht überwunden, beispielsweise meint der Tagesspiegel immer noch, es ginge bei Recomposed darum, "Hochkultur" zu vermitteln. Was einmal mehr zeigt, dass der sogenannte "Popdiskurs" bislang herzlich wenig erreicht hat.
Und solange sind Statements vom Gewicht von Carl Craigs und Moritz von Oswalds Recomposed dringend notwendig. Fast wäre zu hoffen, dass daraus ein Trend würde, der die Diskussion am Laufen hält. Denn die Mehrheit aus Musikpresse und bürgerlichem Feuilleton hat von alledem nichts mitbekommen.


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