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Efdemin

Chicago

Klassik? Provokation? Sowas steht tatsächlich auf dem Zettel, wenn ein Spätgeborener wie Efdemin die goldene Chicago-Ära referenziert. Anno 2010 irgendwie verwunderlich, aber nett. Efdemin ist mittlerweile der Star des undogmatischen Hamburger Dial-Labels, das seit ein paar Jahren mit entspanntem Nonkonformismus für frischen Wind sorgt.

Der Titel Chicago als Bezug auf die streckenweise mythisch verklärten Pioniertage der elektronischen Tanzmusik ist "als unglaubliche Frechheit gedacht", wie Efdemin der taz erläutert. "Das funktioniert erstaunlich gut", so Efdemin dort weiter. Und es ist genau dieser Aspekt, der mich im nächsten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts doch irgendwie wundert. Denn Nicht-Szenegängern könnte es schon so scheinen, als ob es bereits größeren Electro-Clash gegeben hätte als Chicago. Gerade dieses Jahr hat da beispielsweise M.I.A. einen Vorschlaghammer ausgepackt, neben dem sich Efdemin's Chicago wie der Soundtrack zum Teekränzchen ausnimmt.
Zugegeben: Das vergleicht die sprichwörtlichen Äpfel mit Birnen, denn außer Elektronik haben die beiden nichts gemein. Was in diesem Fall wohl mehr über die Haltung der Clubszene aussagt, als über M.I.A., die sich weitab vom House-Floor bewegt und dort womöglich auch nicht wahrgenommen wird.
Aram Lintzel charakterisiert die Situation in seinem taz-Artikel recht höflich mit der Feststellung dass "der Club" (das legendäre E-Nirvana) heute "für sich" steht und "sich nicht wortreich zu erklären braucht". Was nichts anderes meint, als dass man sich dort nach den aufreibenden Grabenkämpfen der 90er in einen entrückten Mikrokosmos zurückgezogen hat. "Schon der leiseste Anschein von Bedeutungsproduktion kann in dieser Diskursleere als Anmaßung aufgefasst werden", kommentiert Lintzel.
Wie realitätsnah eine derartige Haltung ist, hat der Sommer 2010 mit besonderer Härte demonstriert, als nach der Loveparade-Katastrophe alle alten Lebenslügen wieder ans Tageslicht kamen (der taz-Artikel erschien 6 Wochen vorher). Dass hinterher niemand Lust hatte, (nochmal) drüber zu sprechen, macht die Sache nicht besser.
Wie unschwer zu erkennen ist, gäbe es durchaus einiges zu besprechen- wenn denn irgendwer Lust dazu hätte. Aber vor allem jüngere Generationen finden die alten Debatten allerdings meist zu krampfhaft und gehen in letzter Zeit (mindestens genauso gut auch) lieber rocken, was den Graben zur Techno-Generation der 90er sogar noch größer macht, denn die erklärte sowas ja einst für Teufelszeug.
Eigentlich durchaus Pop-Normalität, aber es beschleicht einen das Gefühl, dass manches leichter (und womöglich besser) ginge, wenn die alten Utopien & Missverständnisse realistisch abgefrühstückt, statt betreten totgeschwiegen würden.

Mit Efdemin hat das alles nur am Rande zu tun, denn er hat mit Chicago keine Grundsatzerklärung abgeben wollen. Aber einiges von der beabsichtigten Provokation spielt sich durchaus vor diesem Hintergrund ab. In der taz kritisiert er, dass "ein unglaublicher Funktionalismus" zu einer Gleichförmigkeit geführt hat, die "keine Musik mehr" ist. Und De:Bug ergänzt, dass "95 Prozent aller 12"s, die von immer den gleichen DJs mit immer den gleichen Floskeln abgefeiert werden, (...) sich gleichen wie ein Ei dem anderen". Dort erklärt Efdemin auch, dass er sich vor diesem Hintergurnd bewusst gegen einen "klar identifizierbare(n) Peak" entschieden hat. "Eine Neu-Erfindung dessen, was House sein kann" (sounds-like-me) ist das trotzdem nicht, aber "eigene Soundvisionen" (etf) sind vorhanden und das ist auch nicht wenig.
"Efdemin baut sich hier ein neues Chicago, ein idelles. Eines, das weniger klassisch ist, aber trotzdem auf eigentümliche Weise jazzig", fasst semantic fact zusammen. Er gönnt sich den nicht zu übertriebenen Spaß, die Erwartung von "Jackhousekrachern" (intro) ins Leere laufen zu lassen. Die Provokation von Chicago hält sich allerdings in überschaubaren Grenzen. Verglichen mit M.I.A.'s Guerilla-Pop ist das hier tatsächlich "pochende Eleganz" (sounds-like-me). Gerade deswegen dürfte aber Efdemin's Kritik aktueller Club-Sounds schwerer wiegen, denn hier spricht ein respektiertes Aushängeschild der Szene.
Und verglichen mit der kritisierten Funktionsmusik bietet Chicago jede Menge erweiterten Horizont. "Mikrotonale Experimente" (nzz) plus Jazz bringt "clubtaugliche elektronische Tanzmusik jenseits des Mainstreams" (jahrgangsgeräusche) Das kann mindestens dieses Jahr keiner sonst- erst recht nicht so entspannt und selbstironisch.


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