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Four Tet

There Is Love In You

Warum bei Four Tet ein geschlagenes halbes Jahrzehnt verstreichen musste, bis There Is Love In You herauskam, weiß wohl nicht mal Kieran Hebden. Er hatte anderes zu tun- ausgerechnet in einer Phase, als Frickeltronic boomte wie nie zuvor. Beim Hören von There Is Love In You dämmert schnell, dass Four Tet eins der zentralen Forschungslabore des letzten Jahrzehnts gewesen sein dürfte. Und keiner hat's so richtig gemerkt- das hat Gründe.

Bescheidenheit und Freundlichkeit sind Charaktereigenschaften, die Kieran Hebden fast überall zugeschrieben werden und sein Projekt Four Tet hat das auch schon immer ausgestrahlt. Allerdings wohl noch nie so klar und deutlich, wie bei There Is Love In You. So oft, wie das Wort "organisch" in den Rezensionen auftaucht, muss man fast Angst haben, dass sich bald Berufsökologen für Four Tet interessieren könnten. "Weicher, wärmer, eklektischer" (whiskey-soda), unaufgeregt (plattentests)- die Wortsammlung ließe sich noch länger fortsetzen. Das Beste daran: Alles stimmt, There Is Love In You ist absolut passend- "eine Art unpeinlicher 'Wir haben uns alle lieb'-Effekt" findet man bei der Spex. Dort ist man auch erstaunt über die neue Leichtfüßigkeit beim "sonst of schlaumeierischen" Four Tet-Projekt. "Zu lahm, zu verfrickelt, zu kopflastig", heißt es gar beim Tagesspiegel über das bisherige Schaffen von Four Tet.

Eine Wortwahl, die anno 2010 seltsam bekannt erscheint- und siehe da: De:Bug erzählt Kieran Hebden, dass Hot Chip die gleiche Schule besucht haben wie er. Nur, dass er mit Four Tet ein halbes Jahrzehnt früher am Start war als Goddard & Taylor. Four Tet praktizierte bereits Folktronic, als letztere sich noch mit Freak-Folk versuchten.
Bereits zu Beginn des letzten Jahrzehnts hatte Hebden mit seinem Four Tet-Projekt die Grundlagen der Elektronik aufgebohrt und mit Indie kurzgeschlossen, während Peaches noch alleine um die Welt tourte, zwei Spaßvögel in Paris noch nicht wussten, dass sie sich demnächst Justice nennen würden, Ed Banger noch nicht gegründet war und von DFA/LCD Soundsystem auf dieser Seite des Atlantiks noch nichts zu hören war. Nicht zuletzt wegen Aufwachsen im selben Kiez darf vermutet werden, Hot Chip ohne Four Tet vielleicht nicht Hot Chip geworden wären.
Aber der überall als bescheiden bezeichnete Kieran Hebden ist wohl der letzte, der deswegen mit stolzgeschwellter Brust herumlaufen würde. Das bringt Sympathiewerte, für die man sich oftmals nicht viel kaufen kann. Im Gegensatz zu verbreiteten Innovatorenschicksalen waren und sind die Qualitäten von Four Tet in Fachkreisen bekannt und geschätzt- Remixes für Radiohead und Bloc Party sprechen Bände. Und für James Bond darf auch nicht jeder arbeiten.

Auch hier war Hebden wieder unlustig- wo andere wohl längst ihr Konto als großmächtige Producer füllen würden, frickelte Hebden lieber mit dem Free-Jazzer Steve Reich um die Wette. Dass er dann trotzdem zum Resident-DJ des semilegendären Londoner "Plastic People"-Clubs erkoren wurde, ist da schon fast verwunderlich.
Genau dieser Umstand hat seine Skills für There Is Love In You im Vergleich zu früheren Bastelarbeiten fokussiert und geerdet- es geht "ungewohnt rhythmisch zu, gleichmäßig und, ja, geradeaus", notiert Jan Kühnemund für die Zeit.
Ein Dance-Album ist trotzdem was anderes, aber Four Tet gelingt die Gratwanderung zwischen Frickel-Basis und Tanzbarkeit erstaunlich mühelos- die Songs dürfen "atmen, sich Zeit lassen" (Raphael bei allschools).
Eine Meisterleistung, die Hot Chip nicht so recht glücken wollte. Mit There Is Love In You können sich interessierte Musikfreunde den deutlichen Unterschied zwischen Auskennern und einem, der sich einfach nur gut auskennt, vor Ohren führen. Four Tet weiß und kann mindestens genauso viel wie die Schulkollegen, baut seine Kenntnisse aber ohne viel Aufhebens mit britischem Understatement als "kleine Querverweise" (lachsauge) in seine Sounds ein. Hier wird Grundlagenforschung nicht ausgestellt, sondern produktiv genutzt. Wo die dauergrinsenden Hot Chip ständig "He, Jungs- hört mal!" zu krähen scheinen, kommt There Is Love In You mit einem für Fricklerverhältnisse schlicht überraschenden Flow, der obendrein noch eine friedliche Gelassenheit ausstrahlt, die an Selbstvergessenheit grenzt. Obendrein gibt es noch Melodie-Einsprengsel von stiller Schönheit, die Alexis Taylor nur mit selbstironischem Unterton hinbekommt.

Entsprechend häufen sich die kuscheligen Formulierungen bei den Besprecher-Kollegen: Es gibt nirgendwo ein böses Wort über Four Tet (selbst kritische Anmerkungen nur vereinzelt). In aller berechtigten Anerkennung "freundlicher Bescheidenheit" (jahrgangsgeräusche) ist Tobias Stalling bei alternativenation der einzige, dem Four Tet's Arbeit mit "synthetischer Musikgeschichte" auffällt. Ja, genau: Vornehmlich Krautrock. Cluster höre ich bei There Is Love In You etwas weniger, dafür aber deutliche Anleihen bei Can. Deren lyrische Momente (z.B. "Contrary Mary" oder "Paper House") passen in gebrochener Schönheit hier bestens ins Konzept. There Is Love In You ist gefühlvoll, aber nicht naiv. "Glückseligkeit", wie Hebden sogar selbst formuliert, ist mir etwas zu hoch gegriffen und ob das nun "Popmusik für eine bessere Zukunft" (tba) ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.
Aber Kieran Hebden ist und bleibt der nette Typ von nebenan, das ist im real existierenden Showbiz immer noch eine große Leistung (auch wenn er sich dafür gar nicht anstrengen musste). There Is Love In You hat die Größe, stillvergnügt zu pluckern, wo andere groß dahertönen. Das kann wohl nur Four Tet und so lässt sich tatsächlich vermuten, dass dies für viele die Platte des Jahres werden wird. Mindestens.


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