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Hot Chip

One Life Stand

Hot Chip sind die Vordenker der rockenden Elektronik, was sich für One Life Stand als Hypothek erweist. Allerdings wissen das Hot Chip selbst am besten und pokern mit bewährter Unschuldsmiene, während sie den Frickel-Faktor bei One Life Stand auf ein Minimum reduzieren. Zwar kein Stilbruch, aber für Freunde der Verschrobenheit durchaus enttäuschend.

Hot Chip haben ein Pop-Album gemacht- wundert das tatsächlich irgendwen? One Life Stand konzentriert sich mit großer Ernsthaftigkeit auf diesen Teil ihres Könnens. Daher gibt es weniger Knarz und Gerumpel und auch weniger Späße, aber das war ja schon auf Made In The Dark ähnlich. Den vielgeliebten Humorismus zurückzufahren ist durchaus weise, denn Witze nutzen sich nunmal ab.
Etwas überraschender ist schon, dass auf One Life Stand die bislang allerseits gefeierte Nerdytronic nicht mehr die ganz vordergründige Rolle spielt, wie zuvor gewohnt. Das ist allerdings nur an der Oberfläche so, bei der Wahl ihres Ausgangsmaterials sind und bleiben Hot Chip die Auskenner schlechthin. One Life Stand ist tatsächlich das "ausgefeilteste Album" von Hot Chip, wie der Spiegel bemerkt- "komplex, aber nicht mehr so wild zusammenschraubt" heißt es in der Spex. Hauptreferenzpunkt ist die "Ära von britischer Eleganz und Understatement" (einslive) a la Eurythmics, Human League, Heaven 17, ABC- soviel ist wohl durchaus Konsens. Allerdings fällt eine deutliche Mehrheit der Reaktionen zu One Life Stand ziemlich verhalten aus.

"Das hier ist nicht mehr der heisse Scheiß", befindet neosounds. Die taz vermisst "Leidenschaft" und stellt fest, dass Hot Chip hier "überhaupt nie nach etwas Neuem" klingen, "sondern immer nur nach interessanten Klangkombinationen". Das war schon immer die Schattenseite jeder Frickelei, ironischer Weise scheint das jetzt Hot Chip gerade in dem Moment zu ereilen, wo sie den Spinnkram auf ein Minimum zurück nehmen.
Bei näherem Hinhören hat solcher Pop eigentlich schon immer 50% des Hot-Chip-Sounds ausgemacht, die Erweiterung dieses Anteils auf gefühlte 90% fördert aber zu Tage, dass sie vor allem wegen visionärer Sturzflüge durch alle Londoner Plattenflohmärkte gefeiert wurden- einfach nur den "Status absichern" (derstandard.at) ist da für viele zu wenig. One Life Stand scheint in Richtung "mainstream-pop" (roteraupe) zu tendieren, zwar in clever aber womöglich einfach nur noch "nett- nicht mehr"(feingut). "Schön, aber auch ganz schön unspektakulär" ergänzt die Wiener Zeitung.

Allerdings ist das auch so gewollt, denn Hot Chip wissen viel zu gut, dass sie keine Rocker sind wie Justice und Alexis Taylor ist auch nicht Robbie Williams. Ihr Dancefloor war schon immer der kleine Club um die Ecke, wo man allemal einen sehr unterhaltsamen Abend unter Freunden verbringen kann ("do you stand by your man?"), aber die große Ekstase war in ihrem Fall schon immer anderswo.
Trotzdem darf man Hot Chip wie Roland bei echoes-online jederzeit zugute halten, dass One Life Stand "originell und unverwechselbar genug" bleibt. "Dieses pophistorische Schlaumeiertum, die Akribie der Auskenner so wohldosiert in den infizierendsten Songs anzuwenden ist die (eigentliche) Kunst von Hot Chip" (Karl Fluch im Standard) und diese Kunst ist womöglich noch gewachsen. Die Frage ist allerdings, was sich Hot Chip dafür tatsächlich kaufen können, wenn's keiner merkt.

Die Durchblicker-Brille scheint diesmal allerdings einen blinden Fleck zu haben: Elektropop ist auch 2010 immer noch der schickste Gaga der Saison- auf diesem Laufsteg ist mit intellektuellem Understatement kein Blumentopf zu gewinnen. Interessant wäre eventuell die Frage, inwieweit sich La Roux-Fans auf One Life Stand einigen können, das wäre dann tatsächlich "Bulletproof".
Auch auf Indie-Seite ist das Terrain besetzt durch Leute wie den auffällig oft herbeizitierten Erlend ∅ye und andere, die auch ohne Ironie kuscheln können. Denn in allem Schöngeist ist die Frickler-Ironie von Hot Chip nur schwerlich aus dem Subtext herauszubekommen- Alexis Taylor funktioniert nicht ohne.
In solcher Gemengelage von "scheitern" zu sprechen (auftouren) passt da für mich nicht so ganz, weil Hot Chip sich "definitiv nicht komplett neu" erfinden wollten, wie Alexis Taylor gegenüber einslive betont. Auch weil das niemand besser weiß, als die Auskenner selbst, ist One Life Stand durchaus mehr als "metrosexueller Mittelstandssoul, der zu tief ins Latte-Macchiato-Glas geschaut hat", wie Maurice Summen in der taz meint. Es ist das konzentrierteste Hot Chip-Album, sie schaffen Elektro-"Pop wie er vielleicht in den 80ern gemeint aber nicht geschaffen wurde" (neosounds).
Andersrum: Warum sollten Hot Chip eigentlich kein Coffee-Table-Album machen? Der bis auf Weiteres erstmal letzte Witz ist: Die können das (ohne sich ihre Bastlerehre allzu sehr zu ramponieren). "Nur weil kein 'Shake a fist' mehr dabei ist, sind die Londoner keine Unterwäschebügler" (Plattentester Stephan Müller). Das wird sich zeigen.


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