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M.I.A.

Kala

M.I.A. hätte mit Kala 2007 problemlos sämtliche Jahresbestenlisten toppen können, wenn solche Charts nach der Zahl der Besprechungen generiert würden. Vom kleinen e-zine, über die einschlägige Musikpresse bis hin zu den bürgerlichen Printmedien- alles applaudierte M.I.A.'s Kala. Zu bunt die Mischung, eigener Style galore, politisches Bewusstsein on top und diesmal auch Support von Hit-Garant Timbaland, der mittlerweile auch schon als "US Chartsmonopolist gebrandmarkt wird.

Die eben zitierte Berliner Zeitung steht damit für die breitestmögliche Resonanz auf M.I.A.'s Kala und liefert damit trotz einiger seltsamer Zuschreibungen ("solider Nervfaktor", "albern, sinnlos und definitiv nur im Club zu ertragen") eine der differenziertesten Kritiken des Jahres, mit der Markus Schneider Hype-Faktor, Style-Mechanismen, "glamouröse Pop-Militanz" und Folklore ganz nett zerlegt. Gnadenlos abfeiern wie von crazewire lässt sich Kala genauso gut.

M.I.A. & die Weltmusik

Apropos Folklore: Am Thema "Weltmusik" ist bei M.I.A. nach wie vor kein Vorbeikommen. Als kleinen phonetischen Treppenwitz der hiesigen Presselandschaft präsentiert tatsächlich die Welt die griffigste Erklärung für bisherige Verdauungsbeschwerden mit diesem Thema: Bildungsbürgerlich-"westliches Publikum, das Beethoven und die Beatles nicht mehr hören kann" lässt sich geflissen traditionalistische Musik servieren, die "von den Jugendlichen des Landes, aus der sie stammt, längst als hoffnungslos gestrig verlacht wird", wie Jan Kedves dort feststellt. "Panflötenpop" wird sowas bei der Zeit genannt. M.I.A. selbst lässt sich via Zündfunk dazu so vernehmen: "World Music hört sich für mich immer ziemlich kitschig an. Ich will eher, dass meine Musik futuristisch klingt." Was als geglückt betrachtet werden kann, wo die bereits zitierte BZ den Sound "so folkloristisch wie ein Autostau in Bombay" findet.
M.I.A.'s biografischer Hintergrund hängt selbstverständlich eng damit zusammen und wird anlässlich von Kala nochmals inflationär heruntergebetet (wer das nochmal braucht, findet eine neutrale und recht vollständige Darstellung beim ORF, wo auch bekannt ist, dass Arular bereits der zweite Longplayer von M.I.A. ist und Peaches einen nicht unerheblichen Anteil an ihrem Sound hatte).
"Ein Einwandererkind aus Sri Lanka mit Terror-Hintergrund in den Ghettos von London: Das ergab einen guten Nährboden für Geschichten, wie sie die globalisierte Gesellschaft gerne hört, solange sie sich hinterher bedenkenlos wieder ihr Schnitzel am heimischen Herd braten kann"- die treffende Bilanz zum Thema M.I.A. & Weltmusik von Tina Manske für die Gästeliste.

Die Spex analysiert die stilistischen Konsequenzen und vermerkt: "Ihre Beats klingen nicht deshalb aggressiver, weil Arulpragasam vor dem Bürgerkrieg flüchten musste." Walter Wacht sieht dort auch die Person realistisch: "Hier hat man keinen verbitterten Flüchtling vor sich, sondern eine dreißigjährige, modisch überakzentuierte Britin, die um die Welt jettet und in ihren Musikvideos unzählige »Boyz« für sich tanzen lässt."
Also doch Konzeptkunst- was manchen flach vorkommt, fällt dem Tiefkultur-Blog treffend als Spiel mit "Macho-Klischees, Gang-Style, Militanz und etwas betont schlechtem, prolligem Geschmack" auf. Chavy Style, den Lady Sovereign noch wesentlich plakativer bringt. Aber wo Grime doch eher eine Randnotiz gewesen ist, erinnert sich inzwischen kaum noch wer daran.

Ansonsten scheint das lebende Mixtape reihenweise schreibendes Volk zu Stilblüten aller Art zu reizen- mit bonmots wie "Tupperparty" und Sounds "aus den Trödelmärkten der Weltmusik" (Plattentests), ließen sich hier noch einige Seiten füllen. Eine lesenswerte Einordnung zwischen Timbaland-Mainstream und Realness hat Jochen Meyer vom Mixtape-Zine.

In allem Applaus für M.I.A.'s Kala gab es durchaus auch Kritik- bei Nerdcore beispielsweise mit netter Disko drunter oder purerock, wo die treffende Frage formuliert wird: "Was genau erwartet man schon von einer Platte, die Timbaland featuret?"- besser gesagt ursprünglich von selbigem gefeatured werden sollte. Die Mitwirkung des omnipräsenten Ex-Innovators wird übrigens fast unisono als Ausfall betrachtet (bis auf Firma laut).
Kompetente Abarbeitung mit Kritik bringt auch der erwähnte Walter Wacht bei der Spex. Eine "musikalische Sensation" (wie er meint) gelingt M.I.A. mit Kala dann aber doch nicht- schließlich stellt er selbst die Erwartungshaltung der Hörer fest.
Geil (wie purerock doch noch schreibt) finde ich's trotzdem und schließe mich deren Schlusssatz an: "Möglich machen das die Sesamstraße, die richtigen Tanzschritte, und Knarren."


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