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Peaches

I Feel Cream

Peaches wegen sexueller Direktheit bei I Feel Cream immer noch als bloße Provokateurin abzutun, ist ein konzeptionell kalkuliertes Missverständnis. Denn spätestens beim Blick auf die imposante Liste von Peaches Kollaborationen und Remixes wird mehr als klar: Mit I Feel Cream ist die wohl einflussreichste Künstlerin des Jahrzehnts zurück- inclusive überraschender Annäherung Disco-Sounds und Massenpublikum.

Wer Peaches Trash-Ansatz als Subkultur-Ghetto betrachten will, übersieht die enorme Breitenwirkung ihrer Sounds- und: Wieviele Electroclasher haben beispielsweise einen Beitrag zu oscargekrönten Filmen geleistet?
OK- vielleicht ein Randaspekt wie die Tatsache, dass Leslie Feist ihre Mitbewohnerin gewesen ist, was noch ein biografischer Zufall gewesen sein dürfte. Alles Andere aber nicht:

  • Collabo mit Karen O, plus
  • Remix der Yeah Yeah Yeahs als Haupteinfluss für deren aktuelle Revision ihres Kunstkonzeptes
  • Duett mit Pink
  • Remixes von und mit
    • Daft Punk
    • Basement Jaxx
    • The B52's
    • Yoko Ono
    • Queens Of The Stone Age
    • Nine Inch Nails
    • ...und Listen wie diese
  • Rocken mit
    • Iggy Pop
    • Joan Jett
    • Josh Homme
    • und Beth Ditto
  • Aktuellste Collabo mit Yo! Majesty und nicht zu vergessen: Anlernen von M.I.A.
    (...und im Vorprogramm von Marilyn Manson darf auch nicht jede auftreten).

Eine Liste mit derartig illustren Namen führt unweigerlich zu der Frage, warum sie nicht längst so reich ist wie Jay-Z und sich die Charts von oben ansieht. Peaches sagt selbst (zu Felix Bayer vom Spiegel): "Ich bin ein Popstar ohne ein Popstar zu sein. Alle Popstars kennen mich, aber Radio und Fernsehen akzeptieren mich nicht."
Das ist ein altes Lied: Trash-Sounds aus billigen Geräten und lautstarke Hardcore-Sex-Aktionen gepaart mit Frontalangriff auf gängige Schönheitsideologie führt immer noch in die Schmuddelecke und nicht in die Charts. Spätestens in diesem Jahrtausend durchaus schizophren in einer Branche, die eigentlich routinemäßig Sex verkauft...

Electroclash?

Ebensowenig wie vom Thema Sex ist Peaches als unbestrittene Pionierin von Electroclash zu trennen, auch wenn sie sich selbst dieser Tage eher als Zechprellerin der Richtung gibt.
Entsprechend üblicher Marktmechanismen bietet auch I Feel Cream wieder willkommenen Anlass, die Ansicht zu verbreiten, dass ein Stil nach 10 Jahren tot zu sein und Peaches diesen überlebt hätte. Die andere Seite des branchenüblichen Novelty-Zwangs bildet auch hier wieder der Versuch, von KünstlerInnen, die einmal bahnbrechendes leisten konnten, danach zeitlebens die permanente Revolution (hier: "Subversivität") zu fordern.
Rockende Elektronik braucht 2009 keine Revolution mehr, denn der Sound ist mehr als quicklebendig: Electroclash ist 2009 State Of The Art- die vielzitierte Wahl ihrer Mitarbeiter für I Feel Cream beleuchtet das deutlich. Die aktuell höchst erfolgreichen Vertreter der "Disco-Hooligan-Liga" (Soulwax, Simian Mobile Disco, Digitalism) wären ohne ihre Vorarbeit kaum so erfolgreich. Denn Peaches hat geschafft, was wenige erreichen: Eine stilbildende Grundlage für das gesamte erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zu legen. Weshalb sie sich nicht ohne Stolz als "Patin einer neuen Generation" sieht (und zwar zu Recht). Und Ariane von White Tapes listet bereits die nächste Generation. Klar, dass sowas dann auch wieder als "Fluch" (Bastian auf Touren) betrachtet wird.

I Feel Cream & Style

"Freunde rockiger Elektromusik" werden sicherlich "Säuseln aus der Italodisco" beklagen, was anscheinend nicht wenige an Kylie Minogue erinnert. Ironischer Weise ist die taz (der Peaches zu wenig über gesellschaftliche Machtverhältnisse diskutiert) dann aber die einzige Stelle, an der Peaches thematischer Bezugspunkt für I Feel Cream benannt wird: Disco-Queen Donna Summer ("I Feel Love"). "So klar und gerade hat sie sich noch nie in Richtung Pop gewandt", stellt Sven für die Rote Raupe fest. I Feel Cream ist insgesamt "weniger arty" (munitionen), aber es ist keineswegs "alles beim Alten" (crazewire), vielmehr ist der Schwenk so deutlich, dass beim Spiegel gar Spott befürchtet wird.
Denn ein "Synthiepop-Rührstück" wie "Loose You" ist schon verwunderlich bei einer nach wie vor bekennenden "stage whore". "Spektakulär" ist die Annäherung an "cheesy Eurodisco" trotzdem nicht wirklich. Der Witz ist vielmehr: Sie kann das. Denn "viel zu oft wird übersehen, dass Peaches nicht nur revolutionäres Rolemodel ist, sondern auch brillante Musikern", wie Natalie Brunner für den ORF kommentiert und zu I Feel Cream schlicht feststellt: "Es ist ein Dance-Album geworden". Eben- und das ist bei elektronischer Musik aller Couleur doch keineswegs weit weg.

Auffällig oft ist zu lesen, dass die zweite Hälfte von I Feel Cream nachlassen würde. Das mag von einer Rockerin enttäuschen, ich tendiere aber eher zur koelner Sicht: "Gegen Ende der Platte gehen bpm und Puls ein bisschen runter, für Peaches' Verhältnisse wird es geradezu chillig. Auch dies: durchaus gelungen".
Clash war gestern. Ob das nun gut ist oder schlecht, muss die Zeit erst noch zeigen. Bis auf Weiteres erscheint die Herangehensweise von I Feel Cream aber als sehr angemessen, denn schließlich wird rockende Elektronik dieser Tage quer durch sämtliche Großraumdiscos und Massenmedien gefeiert. Auch das kann im Moment noch berechtigte Verwunderung auslösen, passt aber zu Peaches' allgemeiner Wertschätzung nicht zuletzt unter Musikerkollegen. Und die Medien, über die Florence sich (im kinkimag) so wundert, freuen sich bekanntlich meistens über eine bunte Geschichte- die liefert Peaches jederzeit mühelos.

Unter bewusstem Verzicht auf ihren vormaligen "Revoluzzerinnen-Status" ist Peaches mit I Feel Cream ein Update gelungen, von dem spätestens bei den Jahrescharts noch viel die Rede sein wird. Ein "Angriff auf das Popgeschäft" ist I Feel Cream allerdings nicht. Es ist ein souveränes Statement einer Künstlerin, die dem State Of The Art gerade deswegen nicht hinterherlaufen muss, weil sie ihn zu einem guten Teil selbst mitdefiniert hat. Allerdings könnte der Schallplattenmann richtig liegen: "Ihre Musik klingt nach wie vor zu hart und rau für die Hitparade". Weswegen es zur ganz großen "Ikone" (White Tapes) außerhalb der Elektroszene wohl nicht reichen wird.
Aber warum auch...
(One day pop will kill us all ;-)


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