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Peaches

The Teaches Of Peaches

Ein Jahrzehnt nach The Teaches Of Peaches ist Peaches immer noch für die eine oder andere Kontroverse gut. Immer noch gibt es Leute, die ihre Performance-Kunst "plump" finden und ihre sexuelle Mission für billiges Marketing halten. Und Verständnis für minimalistisch rockende Elektronik ist eh Mangelware. Dabei zeigt allein die Frische, die The Teaches Of Peaches nach so vielen Jahren immer noch hat, dass hier eine echte Pionierleistung vollbracht wurde. Zunächst als Electroclash etikettiert, wurde die Tragweite erst ein halbes Jahrzehnt später richtig deutlich, als eine neue Generation mit dem Schlachtruf "We Are Your Friends" zu neuen Ufern aufbrach.

Es scheint die letzte große Legende nach 50 Jahren Pop-Geschichte gewesen zu sein: Recht pünktlich zur Jahrhundertwende beschloss eine kanadische Indie-Musikerin namens Merrill Nisker, die in einer Mucker-WG mit der angehenden Chansonette Leslie Feist wohnte, ihrem mehr elektronisch orientierten Kumpel Gonzales nach Berlin zu folgen. Ob sie das auch getan hätte, wenn sie geahnt hätte, dass kanadischer Indie aus dem Umfeld von Leslie's Band Broken Social Scene eins der Top-Themen der ersten Hälfte des neuen Jahrzehnts werden sollte, sei mal dahingestellt. Ihr stand der Sinn mehr nach Elektronik und die Techno-Welthauptstadt erschien wohl als passendes Forschungsgelände.
Es ist anzunehmen, dass Merrill in den späten 90ern blockrockin' Beats von den britischen Inseln vernommen hatte. Denn die Erfinder der Raves hatten dort seit Anbeginn der Techno-Ära offene Ansätze gepflegt und derartigen Crossover nicht erst seit Prodigy gefeiert, auch wenn man das im dogmatischen Deutschland mit seinen Reinheitsgeboten lieber naserümpfend ignorieren wollte.

Rock Show!

In Berlin angekommen besorgte sich Merrill erstmal die Drum-Machine von Gonzales. Eine alte Roland 505, ganze 3 Generationen älter als diejenige, mit der Juan Atkins und die anderen Detroiter über 10 Jahre zuvor Techno erfunden hatten. Sie unterzog das Ding in ihrem berliner WG-Zimmer einer gründlichen Testreihe, bis sie sie schließlich nach einer amerikanischen Hardrock-Legende der 60er MC5 taufte.
Rock?? Ein Sakrileg in der Hauptstadt der Techno-Päpste, wo ein E-Hooligan ein paar Jahre zuvor "no more fucking rock'n'roll" in vollem Ernst als Zukunftsperspektive über die Loveparade gebrüllt hatte. Es könnte transatlantische Ahnungslosigkeit gewesen sein, ebenso wie ein bewusster Aufstand im WG-Zimmer, dass die unerschrockene Dame mit technoiden Reliquien nicht nur Rock'n'Roll praktizierte, sondern auch das mit dem *äh* "fucking" sehr wörtlich und im übrigen auch sehr ernst nahm. Sie nannte sich ab jetzt nach einer slang-expression für das weibliche Geschlechtsorgan Peaches und zog los, um fortan mittels Trash-Elektro weiblich-sexuelle Selbstermächtigung zu predigen.

Ein nicht weniger klares Statement gab sie mit der Musik ab, was angesichts ihrer Performance bis heute gern überhört wird. Noch nicht einmal der Sound war wirklich old school, denn derartiges bildete die Grundlage aller elektronischen (Tanz-)Musik bis dahin. Und die Grundsubstanz beruhte auf neueren britisch-französischen Forschungsergebnissen. Peaches griff sich deutlich hörbar die rockenden Ansätze des elektronischen Sektors und tat, was gute Pop-Musik schon immer konnte, reduzierte das aufs Wesentliche. Das Ergebnis ist nicht so blockrockin' wie die Chemical Brothers, weniger lässig als Daft Punk und nicht so humoristisch wie Fatboy Slim oder Mr. Oizo, aber sie rockte- und zwar nicht wenig, soviel ist wohl unbestritten. "Ich will als einzelne Frau ein ganzes Kiss-Konzert geben", erklärte sie einem verdutzten Spiegel-Redakteur.
Blockrockin' in der Bedroom-Variante, wenn man sie so im selbstgedrehten Video bei Lovertits vor ihrem Spiegel hüpfen sieht. Das ist DIY, sympathische Optimierung beschränkter Möglichkeiten- und musikalisch ungefähr so "billig" wie Sign O The Times von Prince, um mal einen von ihr sehr geschätzten Künstler zu nennen. Dieser Welthit der ausgehenden 80er besteht bekanntlich hauptsächlich aus einer einzigen Bass-Figur (und man kann überdies auch durchaus den Verdacht hegen, dass Mr. Nelson seit Jahrzehnten den gleichen Beat verwendet). Trotzdem gibt es auch hier wieder selbst von ansonsten wohlgesonnenen Kritikern die üblichen Vorurteile. "Primitiv", "billig", "Karikatur"- schlechte Musik? Ewig grüßt das Murmeltier: Das alte Minimalismus-Problem, das die aktuelle Musik auch in diesem Jahrhundert nicht los wird.

Trotz prominenter Vorarbeiten aus Richtung Big Beat war die Entscheidung, mit Elektronik zu rocken, im Jahr 2000 eine ziemlich einsame. Vielleicht nicht ganz "wie eine Außerirdische mit extraterrestrischer Mission" (fluter.de) aber nach den im business üblicherweise vorherrschenden Ansichten war Big Beat zur der Zeit ein Trend von Vorgestern (und Flat Eric nur derjenige, der das Licht ausmachte).
Außerdem waren solche Sounds in der Techno-Hauptstadt keineswegs wohlgelitten. Selbst 10 Jahre später ist einem bekannten Elektro-Fachblatt nur von "diesen Rave-Bands" die Rede. In der berliner Clubszene waren nicht wenige froh, dass dem totalen Ausverkauf der Loveparade mit Minimal Techno überhaupt etwas entgegen gesetzt werden konnte. Da gab es nach der Rettung der Grundwerte wenig Bereitschaft, nun den "Feind" (a.k.a. Rock'n'Roll) reinzulassen- im Gegenteil. Und dass man im Umfeld von Daft Punk noch eine zweite Raketenstufe starten können würde, ahnte noch nicht mal Pedro Winter, der bis zur Gründung von Ed Banger noch 2-3 Jahre brauchen sollte.
Auch von DFA war in New York noch nichts zu sehen. Allerdings startete dort ein gelangweilter House-DJ (Larry Tee) zu der Zeit eine Reihe von Motto-Parties, die er "Electroclash" taufte. Dass er damit einen Nerv traf und in kürzester Zeit sogar einen weltweiten Trend setzte, erwies sich bald als Glücksfall für Peaches, denn so war wenigstens etwas vorhanden, dass dem staunenden Publikum die Einordnung erleichterte.
Ansonsten wies Electroclash eher zufällige Gemeinsamkeiten auf. Über 80ies-Retro waren ein paar Punk-Bezüge vorhanden, aber von Miss Kittin trennen Peaches trotzdem Welten. Auf I Feel Cream setzt sich damit auseinander: "I dined and dashed on Electroclash"- sie sieht sich als die Zechprellerin, für die Electroclash anfangs ganz nützlich war. Vor allem transportierte das endlich einigen Freigeist unter die E-Dogmatiker.

Aber Revolution? Wo denkst du hin. Und vor allem gegen wen?
Die berliner Techno-Großfürsten in den Türmen der Macht dürften wenig von den frühen Aktivitäten dieser zugereisten Rockerin mitbekommen haben. Denn erstens interessierte man sich eh einen Scheiß für Indie-Gelump und zweitens hatte man sowieso alle Hände voll zu tun, nach der Loveparade bei der Entsorgung der Müllgebirge die Geldscheine beisammen zu halten. Außerdem war Indie anno 2000 so tot wie die Loveparade nur wenig später.
Es sollte Jahre dauern, bis dem staunenden Publikum nach dem wohligen Porno-Schock von Peaches Live-Attacken allmählich dämmerte, dass die energische Dame die größte und vorerst auch einsamste Pionierleistung des gerade erst begonnenen Jahrzehnts vollbracht hatte.
Zunächst einmal hatte Peaches einige Mühe damit, ihr Material auf traditionellem Wege unterzubringen und den Sturm wenigstens ins Wasserglas zu quetschen. Für Techno-Label war ihr Stoff schlicht Teufelszeug (Rock Show!) und die übrig gebliebenen Indies fragten sich, was diese Elektro-Kiste überhaupt darstellen sollte. Sowas durften bestenfalls ein paar Hippies aus Weilheim, die Grenzüberschreitung mit intellektueller Bedächtigkeit praktizierten und sich zu der Zeit fragten, ob sie The Notwist nicht eventuell auflösen sollten.
So kam Peaches schließlich beim alteingesessenen Berliner Indie Kitty Yo unter (das wenig später pleite ging), wo man allerdings mit solchem Zeugs eher wenig anzufangen wusste, wie Peaches fast 10 Jahre später berichtete. Immerhin kam sie ja recht punky rüber, an sowas konnte man sich dort noch erinnern- außerdem war die hiesige Indie-Szene stets geneigt, Leuten aus Übersee einen Bonus zu geben. Man konnte also hoffen, die Presskosten vielleicht reinzukriegen.

Fuck The Pain Away

Als The Teaches Of Peaches im September 2000 endlich rauskam, erwies sich der Opener als zielsicherer Glücksgriff. Fuck The Pain Away gab die unmissverständliche Parole vor und Peaches dürfte selbst kaum geahnt haben, welche Resonanz das besonders in ihrer nordamerikanischen Heimat erzeugte.
Das Stück begann seinen Weg als eher unspektakulärer Live-Mitschnitt, den sie mit qualitativen Bedenken mit auf ihr Demo-Tape nahm. Tja, liebe Kinder ;-) heute muss man das erklären: Damals mussten Musikanten auf eigene Kosten ein Tonstudio anmieten, um eine klapperige kleine Tonbandkassette zu produzieren, für die kein PC ein Laufwerk hat, die dann mit der Post (!) für reichlich Porto an zahllose Plattenproduzenten verschickt werden musste, in der vagen Hoffnung, dort dann vielleicht irgendwann mal vorsprechen zu dürfen.
Bis eine gewisse Lily Allen via MySpace Berühmtheit erlangte, war es damals ja noch ein geschlagenes halbes Jahrzehnt hin. Von derartig futuristischen Möglichkeiten phantasierten in jenen Tagen nur ein paar nerdige Netzutopisten und Speed-Freaks, die erstmal die "new economy" an die Wand fuhren. Außerdem war die real verfügbare Bandbreite zum Datentransport im Zeitalter vor DSL ohnehin noch viel zu lahm für Multimedia und für eine schnellere ISDN-Verbindung (¼ der langsamsten DSL-Geschwindigkeit heutzutage!) brauchte man mindestens einen Studentenjob der gutbezahlten Sorte. Und flatrate? War das nicht der Koch vom Raumschiff Enterprise?

Trotzdem scheint Peaches schon vor dem Start des Albums ganz gut vernetzt gewesen zu sein. Old school: Über direkte Kontakte (mit Händeschütteln und so). Denn die Presse ihrer Wahlheimat meldete schon bei der Ankündigung des Vorstellungskonzertes von The Teaches Of Peaches, dass sie als Support für Elastica eingeladen worden sei- sowas kriegt kein Newcomer einfach so geschenkt.
Ähnliche Kontaktketten dürften dafür verantwortlich sein, dass Fuck The Pain Away anscheinend zu ihrem eigenen Erstaunen schließlich den Weg in den Soundtrack des später auch noch Oscar-gekrönten Hollywood-Films "Lost In Translation" (der Scarlett Johansson zu Weltruhm verhalf). Mit solcher Art Airplay waren die nächsten Support-Einladungen nur noch Formsache: White Stripes, Björk, und Marilyn Manson scheint ihr eine ganze Zeit lang höchstselbst hinterher gereist zu sein. Auch wenn sie unbestätigten Berichten zufolge von seinen Fans eines Tages fast verprügelt worden wäre. Gut bestätigt und oft berichtet ist, dass Madonna schließlich ihre Sit-Ups zu The Teaches Of Peaches praktizierte. Ob sie dann tatsächlich zum "role model" für Britney & Christina wurde, kann dahingestellt bleiben.
In jedem Fall allerdings beste Voraussetzungen für die mittlerweile lange Liste namhafter Collabos, die etwas später mit Pink, Joan Jett und Iggy Pop gestartet wurde.

Fast nebenbei funktionierte Fuck The Pain Away bestens als feministisches Grundsatzprogramm und erzielte auf spielerische Art und Weise einen Durchbruch in Sachen weibliche Sexualität, an dem sich viele Feministinnen zuvor die Zähne ausgebissen hatten. Im Netz lässt sich eine ganze Anzahl von Videos auffinden, wo Teenies offensichtlich als Mutprobe zu Fuck The Pain Away vor der Webcam posieren. Eine ganze Generation von Mädchen schien ein Vorbild gefunden zu haben.

Set It Off

Fuck The Pain Away bildete auch die klare Ansage für Peaches berühmt-berüchtigte Starkstrom-Sex-Show oder sagen wir mal: Sexuelle Befreiung als zentrale Mission für mehr als ein Jahrzehnt. Eigentlich ein Thema, das durchaus so alt ist, wie die Pop-Musik selbst. Zumindest könnte das ein durchschnittlicher Zeitgenosse meinen, der Peaches niemals live gesehen hat. Denn The Teaches Of Peaches sind kaum "je so konsequent ausformuliert worden wie hier: Die Figur Peaches ist die Personifikation aggressiver weiblicher Sexualität", wie Gerhard Stöger sofort nach Erscheinen bei skug.at kommentierte. Ihr massives Auftreten als "billig gemachten Porno-Pop" anzusehen, ist ein konzeptionell sehr bewusst einkalkuliertes Missverständnis. (Und dass dieses Missverständnis damals von einem hierzulande nicht ganz unbekannten Pop-Theoretiker über eine noch bekanntere Rock-Postille zum Besten gegeben wurde, ist mittlerweile ein Treppenwitz der Geschichte.)
Von der verhinderten Theaterregisseurin zur optischen Untermalung nicht weniger durchdacht ist das schrille Outfit, das auch das Cover von The Teaches Of Peaches ziert. "Pink is so girlie", erklärte sie dem eigens angereisten orf, "Just by wearing it, people go - arrg! That's a psychological thing."
Der selbe Sender dokumentiert auch die durchaus verstörende Wirkung, die ein "unkontrollierbares Bühnenmonster" entfalten kann, das spontan "mindestens drei eventuell lebensverändernde Hymnen in Sachen hysterisch ausgelebter Körperlichkeit" am Start hat.

Die ersten Reaktionen auf die Attacke von Rollenmustern und Schönheitsidealen scheinen hauptsächlich sensationistisch gewesen zu sein, was Peaches durchaus recht gewesen sein dürfte- sex sells.
Aus Netzperspektive mag es auch daran gelegen haben, dass aus der Zeit von web 1.0 wenig überliefert ist. Jedenfalls waren leidlich vorurteilsfreie Klärungen des Konzeptes Mangelware. "Billig" wurde Peaches noch längere Zeit selbst von wohlgesonnenen Kritikern angeheftet. "Wären da nicht die unglaubliche Energie und Verausgabung, die Seele, die sich Peaches bei ihren Auftritten aus dem Leib kotzt, gepaart mit einem heillos selbstzerstörerischen Zynismus, die sie zu einer großen Künstlerin machen" (kleiner Spaß am Rande: Sowas schreibt wer? Genau- die Bundeszentrale für politische Bildung ;-)
Erst Jahre nach The Teaches Of Peaches ist es anlässlich von Fatherfucker ausgerechnet die Zeit, die dem staunenden Bildungsbürgertum gründlich erklärt, was Peaches Performance mit den "burlesque parties" der schwul-lesbischen Szene Torontos zu tun hat und warum der provokative Effekt aus einer "typisch nordamerikanischen Tradition" hierzulande etwas weniger Sprengkraft entfaltete.
Trotzdem scheinen die Reaktionen auch in Europa heftig gewesen zu sein, wie Mikael Krogerus für die NZZ aus der Schweiz berichtet: "Das Publikum bespuckte sie und setzte sich aus Protest hin (in Zürich), rastete aus (in Paris) oder wollte sich am liebsten schon während der Show geschlechtlich vereinigen (in Moskau)."
Es mussten nochmals ein paar Jahre ins Land gehen, bis schließlich das dienstälteste hiesige Hardcore-Fanzine das Kunst-Konzept hinter Peaches Animationsshow aufklärte. Es geht durchaus darum, "dass Leute gar nicht mehr selber wissen was sie wollen, sondern es sich von anderen sagen lassen", was Peaches "richtig gefährlich" findet. Solche Art Pädagogik ist von einer Theater-Interessentin gar nicht mal so verwunderlich, denn dort ist sowas altbekannt. Lehrstück Marke Berthold Brecht- episches Theater, nichts weniger als die ganz große Bildungsbürger-Kunst. Dort erinnern sich manche möglicherweise an einen gewissen Frank Zappa, der in den 60ern des letzten Jahrhunderts mit ejakulierenden Stoffgiraffen hantierte, bevor er kakophonische Müll-Orchester auf das Publikum losließ, die ihn mit jahrzehntelanger Verspätung schließlich doch noch zum Liebling des Feuilletons machten.
Das wird Peaches wohl nicht widerfahren, falls sie nicht doch noch zum Theater geht, wie sie schonmal überlegte.

Ten Years After

Man könnte meinen, dass The Teaches Of Peaches eigentlich alles hat, was im Pop-Geschäft einen sauberen Karrierestart ermöglicht: Kickende Sounds, eigenen Stil, guten Sex, Underground-Credibility, Respekt der Kollegen, plus das eine oder andere Sensatiönchen, dass sich für Schlagzeilen eignet. Für Indie-Verhältnisse war der Erfolg auch durchaus großartig: 40.000 Exemplare hat Kitty Yo von keiner anderen Scheibe abegesetzt (was die Pleite trotzdem nicht verhindert hat). Was für das nächste Level allerdings bis heute fehlt, ist ein "echter" Hit zumindest mit Potenzial für die Top 40, sag ich mal. "Ihre Musik klingt nach wie vor zu hart und rau für die Hitparade", bemerkt der Schallplattenmann wohl recht treffend beim Erscheinen von I Feel Cream.
Außerdem ist im real existierenden Musikgeschäft leider immer noch nicht wegzudiskutieren, dass Peaches nun mal nicht aussieht wie Beyonce Knowles und altersmäßig die Mutter von LaRoux sein könnte. Da ist es auch heute noch ein Problem, wenn die Künstlerin wie hier bereits bei Erscheinen von The Teaches Of Peaches die extrem klischeebelastete Grenze von 30 überschritten hat. Sie sieht das selbst sowieso realistisch und wunderte sich schon beim Erscheinen des Nachfolgers (Fatherfucker), dass "ein so durchschnittliches Mädel mit einer Matte wie Billy Joel" so weit kommen kann. Von daher gibt's auch jenseits der 40 noch einiges zu tun- und: "Ich mach weiter, bis es niemand mehr schockierend findet", sagte sie schon vor Jahren.

Glücklicherweise ist Erfolg am Massenmarkt aber keine existenzielle Notwendigkeit. Peaches' weiterer Werdegang zeigt, dass sie selbst 10 Jahre nach The Teaches Of Peaches auch ohne Top 40 ganz gut über die Runden kommt. Aus Underground-Perspektive, wo viele idealistische Trash-Projekte kaum halb so lange durchhalten, ist allein das schon ein herausragender Erfolg.
Aber Peaches hat weit mehr erreicht, die lange Liste namhafter Collabos von Pink bis Josh Homme spricht da eine klare Sprache. Auch die Entdeckung von Maya Arulpragasam ist eine Tatsache, die sich andere Leute groß vor die Brust heften würden. Wo sie inzwischen auch von einer Generation jüngerer Kolleginnen wie Amanda Blank Peaches als Vorbild genannt wird, ist klar, dass Peaches die womöglich einflussreichste Künstlerin des ersten Jahrzehnts in diesem Jahrhundert ist.
The Teaches Of Peaches ist die Basis für diesen Erfolg und ein kraftvolles Statement mit jeder Menge eigenem Stil, was auch in der ereignisreichen Pop-Geschichte nur sehr selten vorkommt. Betrachtet man Peaches als Vorläuferin der rockenden Elektronik, die erst sehr viel später als "new rave" gehandelt wurde, muss man feststellen, dass The Teaches Of Peaches der Zeit ein halbes Jahrzehnt voraus gewesen ist. Mit einer fossilen Beatbox, ein paar Hot Pants, vorsintflutlicher Super8-Technik und damals auch ohne Rückenwind aus dem Internet dermaßen viel Zukunft zu produzieren, ist eine einsame Meisterleistung für die Geschichtsbücher.
Deswegen kann es nur eine geben:
The Teaches Of Peaches ist die Platte des Jahrzehnts.
Mindestens.


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