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Simian Mobile Disco

Temporary Pleasure

Der problematische Nachfolger: Simian Mobile Disco konnten sicher sein, als Mitinitiatoren der rockenden Elektrowelle nach einem Hitalbum unter besonders kritischer Beobachtung zu stehen. Vorsichtshalber wurde der aktuelle Tonträger Temporary Pleasure getauft. Realismus? Understatement? Womöglich beides- in jedem Fall liefern Simian Mobile Disco (geplant oder nicht) ein Statement zum Stand der Dinge und Möglichkeiten, auch wenn Temporary Pleasure so nicht gemeint sein will.

Es ist ein altes Lied: Von Trendsettern wie Simian Mobile Disco wird nach dem Knaller nun auf Temporary Pleasure nichts weniger als die Quadratur des Kreises erwartet. Wie Oliver Heyer für intro schreibt, "soll alles neu klingen und gleichzeitig gleich bleiben". Ob die Abwesenheit größerer Ausfallerscheinungen allerdings schon automatisch einen "Geniestreich" bedeutet, ist durchaus umstritten.
Vor allem aber ist Temporary Pleasure ein guter Anlass nachzusehen, was 2 Jahre nach der Euphorie von 2007 der Stand ist, im Staate Elektro (nicht zuletzt, weil z.B. auch Justice an Neuem werkeln). Einerseits sind Elektro-Sounds nach wie vor trendy und als Charts-Gaga ein weltweiter Verkaufsschlager. Was andererseits wie meist in solchen Fällen auch anzeigt, dass an der Basis wieder Realismus eingekehrt ist. Und der Titel Temporary Pleasure darf durchaus als Anspielung von Simian Mobile Disco auf eben diesen Prozess verstanden werden.

New Rave?
Realismus ist ja nie verkehrt: "New Rave oder nicht?" fragt Thomas Pilgrim via Plattentests in die Runde und liefert mit diesem Stichwort, das inzwischen kein Mensch mehr benutzt, nebenbei gleich ein Schlaglicht auf die Situation. Die Eigentumsrechte für den Aufkleber "New Rave" beanspruchen bekanntlich die Klaxons für sich. Ob nun zu recht oder nicht, ist mittlerweile egal, denn klar ist auf jeden Fall, dass sie diesen bunten Sticker auf einen Intercity klebten, der ohne ihr Zutun vorher bereits seit Jahren Kilometer fraß. The Teaches Of Peaches!
Immerhin: Medien und Öffentlichkeit waren dankbar für eine griffige Formel zum Thema rockende Elektronik- musikalisch mit Sicherheit das zentrale Metaprojekt im nun vergangenen ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Die Funktion des Sounds beschreibt die Bürgerpresse nüchtern als eine Musik, "die weniger alte Techno-Fans begeisterte, als minderjährige Indie-Fans dazu brachte, sich in Neon zu kleiden und Konfetti zu werfen". Oder freundlicher: Der Hype hat Elektro-Sounds einer neuen Generation zugänglich gemacht. Einer Generation, die nicht zuletzt Dank Internet keine Lust auf Purismus hatte und sich nicht mehr für jahrzehntlang gepflegte Dogmen und Genre-Grenzen interessierte. "Life In Marvellous Times" (so nennt Mos Def seinen mit Ed Banger-Hilfe gebauten Elektro-Track).
Trotzdem stimmt die Beobachtung, dass es sich bei alldem aus Techno-Perspektive um Einsteiger-Sounds handelt, die sich zum Teil deutlich hinter dem Stand der dortigen Grundlagenforschung bewegen. Die HAZ weiter: "Nie ist der Beat zu hart, das Gefiepe zu nervig, um Elektro-Einsteiger abzuschrecken". Stimmt. Macht aber nix- oder sagen wir mal: Ist halt Geschmackssache.

Vor solchem Hintergrund lässt sich auch die bisherige Arbeit von Simian Mobile Disco so realistisch einschätzen, wie Jan das bei alles-ist-pop tut: "Wenn man ehrlich ist, dann waren jene Songs ungemeines Stückwerk und Attack Decay Sustain Release auf Gesamtlänge nur bedingt spannend." Und es scheint durchaus Einigkeit zu bestehen, dass Temporary Pleasure demgegenüber nochmal einen Weichspülgang drauflegt- auch wenn's kaum wer laut (sorry ;-) sagen mag. Denn die Pop-Branche ist gegenüber Hitlieferanten und Erfolgsproduzenten durchaus bereit, erstmal weiter zu feiern- vor allem dann, wenn gerade kein anderer Knaller in Sicht ist. Hier fallen die Reaktionen von wenigen Ausnahmen (wie intro) abgesehen, doch eher verhalten aus. Da wird die stilistische Konsistenz gelobt und geflissentlich die ellenlange Gästeliste zitiert. Ausgerechnet die Zeit zählt zu den wenigen, die sowas nicht beeindruckt, sondern bei solchem Namedropping "nichts Gutes vermuten". Angesichts der Omnipräsenz von Simian Mobile Disco als Lieferanten mittlerweile zahlloser Remixe "verwundert es nicht, dass die Produktion ihres zweiten Albums Temporary Pleasure zur großen Integrationsorgie geriet", wie Dr. Wu bei den Jahrgangsgeräuschen ergänzt.
Der Eindruck von Temporary Pleasure "hängt davon ab, was man als deren Kernkompetenz bezeichnet" (westzeit) Und die liegt "im Fach klassischer Disco-Pop" (Jahrgangsgeräusche), was ja auch nichts Schlimmes ist. Der Beth-Ditto-Song (Cruel Intentions) ist wie Audacity Of Huge eine nette Pop-Nummer, nicht mehr und nicht weniger. Nur: "Räudig" ist da nun wirklich nichts, auch von Annäherung an Chemical Brothers (plattentests) ist weit und breit nichts zu hören- blockrockin beats gibt es hier gerade nicht. Oder wie es an Subkultur-Dogmatismus komplett unverdächtiger Stelle heißt: "Tanzbar? Wie Hölle! Massentauglich? Auf jeden Fall. Geballer? Eher Fehlanzeige." Alles-ist-pop auch hier neutral: "Gezähmter und eingängiger als das Debüt, aber auch dynamischer und ein wenig abwechslungsreicher. Dennoch hätte man sich von der Simian Mobile Disco mehr Mut gewünscht, da die Weiterentwicklung doch ein wenig zu gefällig geraten ist."
Und nochmal die Jahrgangsgeräusche: "Mehr Pop, weniger klassische Disco, mehr Modernität, weniger Retrospektion; mehr Hipness, mehr Stilmix, mehr Mehr, möchte man fast sagen", was auch mein Eindruck ist und mir eher unangenehm aufstößt.
Ich stelle beim Hören von Temporary Pleasure fest, dass Diplo, Switch und Amanda Blank wohl doch mein Elektro-Album des Jahres gemacht haben, gerade weil sie sowas gar nicht machen wollten. Sämtliche Sounds, die Simian Mobile Disco hier mit der Gießkanne ausschütten, gibt es dort auch zu hören- aber entspannt und zielsicher eingesetzt (und Amanda höre ich auch viel lieber zu, als dem hiesigen Staraufgebot).


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