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The Whitest Boy Alive

Rules

The Whitest Boy Alive hat Rules nachgelegt. Die "Vorzeige-Schluffi-Boygroup" mit norwegischem Sänger in Berlin, aufgenommen in Mexiko liefert genug bunte Aspekte, dass die Berufszuständigen nach dem Überraschungserfolg 06 nun alles gründlich Widerkäuen können. The Whitest Boy Alive ernten auch für ihre Rules wieder soviel Lob, dass es manchem schon zuviel wird. Ob sie deswegen den Indie-Pop neu definieren?
Och nö- nicht schonwieder...

Entsprechend oft wird auch die Bedeutung der Rules von The Whitest Boy Alive rezitiert: Disco-/Tanzmusik unter den Bedingungen analoger Reproduzierbarkeit für eine Live-Band. Wie eine "House-Band" eigentlich funktionieren soll, klärt thelastbeat netterweise und was es bei Rules an substanziellen Neuigkeiten zu vermerken gibt das Fachblatt für elektronische Lebensaspekte. Derartiges ist anno 2009 nur noch für die FAZ "ungewohnt". Nach zahllosen Vorarbeiten eines ganzen Jahrzehnts von Electroclash bis New Rave, von Notwist bis Hot Chip (ist eigentlich schonmal irgendwem aufgefallen, dass Erlend Oye und Alexis Taylor beim gleichen Optiker Gesangsstunden genommen haben?) war schon Dreams 2006 eine eher kleine Überraschung. Die durchaus inflationär praktizierte Fusionierung von Indie und Club geht mittlerweile einigen nicht ganz zu unrecht auf die Nerven. Was der Kollege von Auf Touren allerdings bewusst nicht auf The Whitest Boy Alive bezieht, die die "üblichen Dummheiten und Plattitüden deines x-beliebigen Dancepunk-Electroclash-Acts" höchst entspannt vermeiden. Von Ed Banger trennen The Whitest Boy Alive Welten.

"Weniger Rock'n'Roll geht nicht" kommentiert Plattentester Thomas Pilgrim. Die "knochentrockenen Popsongs" werden von Dance-Floor-typischem Minimalismus regiert, die Rules sind "fast so streng wie das Dogma-Manifest", da hat die FAZ nun nicht ganz unrecht. Die Strenge bezieht allerdings ausschließlich auf die Wahl der Mittel, Wärme und Entspanntheit sind so präsent, dass "Frühlingsmusik" fast die Standardassoziation zu Rules bildet.
"Irgenwie lieb" findet die SZ (und "irgendwie zum poppen" der rbb). Auch schön: "Ihre Musik ist informationsökonomisch, überfordert niemanden, ist zum Tanzen genauso gut geeignet wie zum Kaffeetrinken, vermittelt Lebensfreude, und die realromantischen Texte sind auch ganz in Ordnung" (Rabea Weihser im Zeit-Blog). Was die taz zu der Befürchtung verleitet, solch "melancholische Säuselmusik" könnte demnächst aus allen "Kaffeestuben und Mädchenzimmern dieser Republik" tönen. Auch um die Ecke ist "man sicher, dass dieses Album demnächst aus jeder Coffee-Lounge herausschallt". Die Schattenseite solcher Sounds wird dort an anderer Stelle deutlicher benannt: "Es ist Musik, die immer passt und niemals stört. Dieser Gleichklang ist nach mehrmaligem Hören aber ein wenig zu unaufgeregt". Wenn's gar "belanglos" wird, ist Fahrstuhlmusik die nächstliegende Assoziation. Was auch bei Groove gesehen wird, wo Rules aber trotzdem "souveräne Frühlingsplatte" wird.
"Eine Art studentische Analyse von Dance", bilanziert hdschellnack, der sich gründlich mit der scheinbaren Leichtigkeit auseinandersetzt und es schließlich so auf den Punkt bringt: "Es ist ein Album, über das man eigentlich nicht streiten kann, weil es nett und schmalschultrig daherkommt, schüchtern und sympathisch, etwas unbeholfen in der Ecke tanzend, aber meist in der Ecke sitzend."

Sympathisch für mich: Die Musik von The Whitest Boy Alive ist im direkten Wortsinn Selbst-bewusst- sie weiß sehr genau um die eigenen Stärken und Grenzen und hat eine klare Vorstellung davon, was man damit machen kann. Mit minimalistischem "House-Realsimus" (FR) tatsächlich "ein kleines philosophisches Manifest", dessen Tragweite deutlich wird, wenn man mal das andere Elektro-Indiepop-Konsenswerk des Frühjahres 09 daneben stellt: Animal Collective. Diese klingen im direkten Vergleich tatsächlich überladen und angeberisch mit ihrem Krampf, sowohl experimentell als auch easy listening sein zu wollen und nebenbei noch die Beach Boys updaten.
Das ist trotz stilistisch ganz ähnlicher Baustelle das Gegenteil von The Whitest Boy Alive, deren Rules sich daneben wie friedlicher Zen-Buddhismus ausnehmen. Zwar kein Geniestreich für die Geschichtsbücher, aber ein "kleines Meisterwerk des unangestrengten Indiepops" auf jeden Fall.


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