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Amanda Blank

I Love You

Medienerfolg schafft Amanda Blank lässig- I Love You ist die womöglich meistbesprochene Platte 2009. Wie immer ist dann von Hype die Rede- aber Amanda Blank unterscheidet so einiges von Skandalnudeln und Klatsch-Promis. Und von allen derzeit trendigen Elektromädels hat I Love You schonmal den fettesten Sound am Start.
Doch der Reihe nach.

Nicht zuletzt, weil es Amanda Blank selbst wohl auch amüsieren würde, O-Töne zum Unvermeidlichen:
"Wollen wir über Sex reden - oder lieber nicht?" (Spiegel)
"Sie (...) macht gleich klar, wer oben liegt" (focus)
"Zwischen Pussy-Alarm und Männersprüchen" (radio-unicc)
"Stripshow-Feminismus (…) mit selbstverfassten Borderline-Pornonummern" (nzz)
"Nette böse Mädchen schmecken am besten" (BZ)
"Guter Sex war noch nie so tanzbar" (triggerfish)
"Es geht im Grunde nicht nur um Sex." (plattentests)
"Doch es ist nicht alles Sexismus, was so eindeutig auf den Unterleib zielt" (Zeit)
"Zurück zu den Partytracks und den schönen Seiten am Schlampendasein" (crazewire)

Ist das nun Hiphop?
Ich schätze, das ist Amanda Blank herzlich egal- und das ist auch gut so. Die hörbar punkige Attitüde, alles Interessante zu einem bunten Spaß zusammen zu trashen ist immer noch eine Haltung, die mit afroamerikanischen Ansätzen eher wenig zu tun hat. Entsprechend schwer tun sich Hiphop-Rezensenten mit I Love You. Was allerdings mehr über den Zustand des real existierenden Hiphop 2009 aussagt, als über Amanda Blank. Andererseits sind solche Fragen dort auch bereits vor langer Zeit beantwortet worden. Und zwar sehr klar: Sprechgesang alleine macht keinen Hiphop. Und warum auch? Muss ja nicht.
Die Sache nun hilfsweise als "Post-Hiphop" auszurufen, wie es die Spex tat, ist ein eher hilfloser Versuch von dort, an einflussreichere Zeiten anzuknüpfen. Derartiges verkennt die Tatsache, dass Amanda Blank im Hiphop nichts represäntiert- auch Kollege Spank Rock und Freundin Santi White sind dort lediglich Randerscheinungen. Es bringt Sympathiewerte, dass Amanda Blank anscheinend wenig Ehrgeiz hat, dort irgendwelche Blumentöpfe gewinnen zu wollen. Denn eine "neue amerikanische Dance-Rap-Szene" (intro) gibt es auch nicht wirklich.

Außerdem hat ihre Mannschaft (Diplo & Switch) den Sound deutlich nach Europa ausgerichtet und zeigt sich bestens orientiert, was hier gerade en Vogue ist. Nicht zuletzt dank Vorbild Peaches ist die Grundsubstanz von I Love You 100%ig Elektro. Irgendwie erstaunlich, dass Dennis Drögemüller bei den Plattentests weit und breit der Einzige zu sein scheint, der das Stichwort "Ed Banger" fallen lässt. Denn danach klingt der Sound von Diplo & Switch deutlich mehr, als nach den vielzitierten M.I.A. und Santigold. Damit liegt I Love You womöglich etwas quer zum amerikanischen Markt, kommt aber um längen frischer als der letzte Trend-Krampf des Herrn West, der auch schonmal in Frankreich einkaufte.

Da stehen selbstverständlich wieder viele parat, die sofort fehlende Basisinnovationen und allgemeines Zuspätkommen bemängeln. "Was der Qualität dieses Albums aber keinen Abbruch leistet", wie Roland bei echoes-online passend feststellt. Oder Renate von crazewire, die trocken bilanziert: "Amanda Blank hat nunmal richtig gut geklaut". Eben: Gerade sowas muss man erstmal hinbekommen. Und eine "fröhliche Soundtauschbörse" (Silvia Frollman bei lachsauge) erfreut erstmal mit einer lockeren Grundhaltung.
Der entstandene Hybrid-Sound löst dann geteiltes Echo aus. Die Einen empfinden sowas als "Genrekuddelmuddel" die Anderen als "erfrischend ideologiefrei". Ich gehe da konform mit der Süddeutschen, die ebenfalls bemerkt, dass I Love You "keinesfalls beliebig, sondern gut durchdacht" wirkt- was bei solchen Sound-Strategen im Hintergrund auch fast selbstverständlich ist. Und nebenbei finde ich Amanda Blank's Stimme (vielleicht nicht ganz ;-) so "fantastisch" wie Christina Mohr. Im Gegensatz zu den E-Girlies, die in dieser Saison von den britischen Inseln piepsen, ist hier mal eine richtige Frau zu hören.

Abseits allen Pros & Cons scheint durchaus Konsens zu sein, dass Amanda Blank mit I Love You ein topaktueller Sound geglückt ist, der den State Of The PopArt des Jahres 2009 so treffend auf den Punkt bringt, wie kaum ein anderes Album. Und nochmal Silvia Frollmann: "Erfreulicherweise hängt sie sich nicht zu sehr an Unkonventionalitäten oder an verkrampft gewollten super-kreativ-Kombinationen auf"- das nenn ich künstlerisches Selbstwusstsein. Denn Amanda Blank weiss sehr genau um ihre Vorkämpferinnen Madonna und Peaches und ist stilsicher genug, sich Jahre nach dem großen Ed-Banger-Hype nicht mit der Neuerfindung des Rades zu blamieren. Die Botschaft von I Love You ist 2009 vielmehr, dass es sich abseits des Novelty-Terrors entspannt und zeitgemäß feiern lässt. Das gelingt hier um einiges lässiger als bei Gossip, fetter als bei LaRoux und rockt Lady Gaga sowieso mühelos aus der Glitzergarderobe und "vor allem mit der Strategie, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen" (Süddeutsche). Allerdings ist der nicht zu unterschätzende mediale Nachteil, dass die Anderen nunmal früher auf der Szene waren, weswegen sich Amanda Blank wohl mit einem kleineren Stück vom Kuchen begnügen muss.

Eher nüchternes Fazit also: Den Ehrenpreis für Grundlagenforschung hat sie Peaches nie streitig machen wollen. Und wie diese ist sie für den Massenmarkt zu schlau und zu tough, auch vom Sound her. Außerdem werden die Charts in diesem Jahr mit Gaga geflutet, da hat Amanda Blank für Durchschnittskonsumenten zu wenig Alleinstehungsmerkmale (zumal ihr Vorbild auch ganz kurz vorher wieder auftauchte).
Trotzdem toppt sie die Riege der Elektromädels mit Witz, eigenem Stil und einem deutlichen Kick mehr Rock'n'Roll. Für mich: Die womöglich sympathischste Platte des Jahres (aber dafür wird sich Amanda Blank wohl nichts kaufen können...).


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