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Erykah Badu

Mama's Gun

Ob geplant oder nicht: Erykah Badu brachte pünktlich zum Millenium mit Mama's Gun ein Monumentalwerk an den Start, dessen Dimension außerhalb der afroamerikanischen Community anscheinend nicht ganz deutlich wurde. Was nichts daran ändert, dass sich Mama's Gun einem solchen Anlass absolut würdig erwies und Erykah Badu mehrere Grammy-Nominierungen eintrug.

Mama's Millenium
Was 100 Jahre zuvor als regelrechte Zeitenwende empfunden wurde, war 1999 nur noch eine interessante Zahl auf dem Kalender. Das schlimmste, was in jenem Jahr befürchtet werden konnte, war Computer-Chaos aufgrund eines alten Programmierfehlers (y2k-Bug). Ansonsten schienen goldene Zeiten bevor zu stehen: Die Aktien der New Economy brachten mehr Geld als Immobilien-Fonds, was sogar die Telekom dazu motivierte, sich als "Volksaktie" zu positionieren. Als Anfang 2001 die letzten Jahrescharts veröffentlicht wurden, ahnte niemand, was im September bevor stehen sollte.
Meist genannt in diesen Charts war ein Teenie-Girl namens Britney, deren Freund Justin das Billboard zu gleicher Zeit mit seiner Boygroup unsicher machte. Noch mehr Mädchen: Christina Aguilera, Jenny from the block (Lopez), Pink. Rühmliche Ausnahme in dem Spiel war Madonna, die in ihrem dritten Frühling mit Music demonstrierte, dass die letzte Überlebende der 80er ein gewichtiges Statement zum Zeitgeschehen abliefern konnte. Ansonsten Spuren einer seltsamen Sportart, die ein Kappenträger namens Fred "NuMetal" genannt hatte und von der Insel artsy Indie Marke Coldplay und Radiohead.
Abseits des Billboards ahnte niemand, dass eine in Berlin gestrandete Exilkanandierin namens Merrill Nisker, die das dortige Szene-Publikum mit Porno-Performances zu schocken pflegte, einen Sound erschaffen hatte, der ein halbes Jahrzehnt später zum State Of The Art werden sollte. Vorläufig war sie erstmal froh, The Teaches Of Peaches bei einem Indie-Label untergebracht zu haben, dass eigentlich nicht wusste, was es mit NoFi-Tronic-Rock anfangen konnte.

Hiphop schien zu der Zeit aus Billboard-Perspektive etwas die Vision verloren gegangen zu sein, die Marshall-Mathers-LP machte Eminem zwar reich und berühmt, war aber stilistisch eher ein Ausnahmefall. Die positive Ausnahme zwischen Nelly, Ja Rule und Janet Jackson bildete die Crew von Erykah Badu's Ex- Outkast, während Jay-Z endgültig Big Pimpin ging. Ansonsten wieder Mädchen, diesmal lanciert unter dem Namen Destiny's Child.

Unter der Oberfläche des Big Biz war allerdings einiges im Gange. Der Niedergang von Rawkus hatte in den späten 90ern eine ganze Welle von Independent Hiphop verursacht, während zeitgleich die gute, alte Afrocentricity aus langjähriger Versenkung befreit und unter dem Stichwort Conscious Rap zum Gebot der Stunde wurde. Erykah Badu war daran nicht ganz unschuldig- ihr erstes Album Baduizm lieferte anno 97 ein erstes Ausrufezeichen, das Kollegin Lauryn Hill solgeich mit ähnlichem Erfolg beantwortete. Im Jahr darauf brachten Mos Def und Talib Kweli mit Black Star einen Meilenstein ins Rollen und The Roots aus Philly ein ebenso gewichtiges Statement ab, während sich in New York Pete Rock als Soul Survivor präsentierte. Ob es das war, das D'Angelo motivierte, seine Soulquarians nach dem Vorbild der Native Tongues zu bilden ist nicht überliefert. Fest steht allerdings, dass die zwar eher lose, aber vielfältige Zusammenarbeit von Leuten wie Common, Kweli, ?uestlove, Q-Tip & Co. Standards setzte, die auch 10 Jahre später noch Gültigkeit besitzen. Den Höhepunkt bildete die produktionstechnische Gipfelkonferenz von D'Angelo, Common und Erykah Badu, die an historischer Stelle zeitgleich an neuen Alben arbeiteten.

Mama's Gun
Allein Setting und Personalwahl sind eine wohldurchdachte Message, die schon überdeutlich daherkommt. Label: Motown, Studio: Electric Ladyland (gegründet v. Jimi Hendrix). Musiker neben den erwähnten Studionachbarn Common und D'Angelo auch Jazz-Trompeter Roy Hargrove, an den Drums ein gewisser Ahmir Khalib Thompson, besser bekannt als ?uestlove und Jay Dee, der sich erst etwas später J Dilla nannte und damals noch mit Slum Village unterwegs.

Wo in dieser Branche gern geschrieben wird, dass Mama's Gun in dieser Konstellation eigentlich nur ein Hit werden konnte, vermittelt das bei einer Künstlerin wie Erykah Badu einen etwas schiefen Eindruck. Denn ihr nicht selten bis zur Zerbrechlichkeit gefühlsbetonter Gesangsstil, der nicht ganz wenig an die früh verstorbene Jazz-Legende Billie Holiday erinnert, ist meilenweit weg von irgendeiner Move-Your-Ass-Attitüde.
Erykah Badu hat für Mama's Gun einen Style entwickelt, der das stimmliche Talent optimal unterstreicht. Milden Funk mit einer Menge Jazz und Soul auf der Basis klassisch-afroamerikanischer (Motown-)Sounds der 70er. Das ist mitnichten bloß nachgespielt- vielmehr greift Erykah Badu hier zielsicher zu den zentralen Essenzen, die ohne jahrzehntelange Beat-Science in so reiner Form nicht destilliert werden konnten. Und beweist souveränes Stilbewusstsein, das auch ein Jahrzehnt später immer noch beeindruckt.
Höchste Sympathiewerte auch deshalb, weil Mama's Gun komplett ohne irgendeine Seht-her-ich-bin-die-Queen-Pose auskommt- erst recht wird nicht zwecks Verkaufsförderung mit sekundären Geschlechtsmerkmalen gewackelt, was im Hiphop ja leider nur allzu üblich ist.
Entsprechend bewegen sich sämtliche Songs ohne den kleinsten Ausfall konstant auf Top-Niveau. So konstant, dass man hier einen Nachteil sehen könnte: Es gibt auf Mama's Gun (fast) kein Stück, das hitverdächtig heraussticht. Der Opener "Penitentiary Philosophy" ist zwar der schwungvollste Track, ansonsten bleibt aber alles auf bestem Soul-Niveau ("smooth", wie man in solchen Kreisen sagt). Erstaunlicher Weise ist mit "Bag Lady" das ca. zweitlangsamste Stück für Single und Video auserkoren worden und noch erstaunlicher, dass solch entrückter Afrozentrismus ohne jeden Party-Faktor in MTV's besten Zeiten tatsächlich ein Hit wurde- Top 10 im Billboard, wo Mama's Gun in den R&B-Charts 7 Wochen an Nummer 1 gelistet wurde- Platin-Status 8 Wochen nach Erscheinen. Berechtigt, doch irgendwie verwunderlich, dass derartig sensible und durchaus komplexe Kunst im real existierenden Show-Biz tatsächlich so hoch dotiert wurde. 2 Grammy-Nominierungen komplettieren das Bild.
Es scheint allerdings, dass dieser außerordentliche Erfolg eine speziell afroamerikanische Angelegenheit gewesen ist. In europäischen Bestenlisten des Jahres 2000 wird ausnahmslos das im Electric Ladyland Studio nebenan entstandene Voodoo von D'Angelo gelistet. Sicherlich auch sehr zu Recht- vielleicht liegt darin die Sympathie mit einem, der vom großen Erfolg Erykah Badus wenig abbekam und auch nicht soviel Power wie der dritte Studionachbar Common hatte, der 2000 zwar auch keinen Top-Seller landete, Like Water For Chocolate aber trotzdem als kommerziellen Durchbruch verbuchen konnte. Schließlich ist Common leider auch der einzige des 2000er Conscious-Triumvierats, der bis heute erfolgreich ist.
Denn auch Erykah Badu selbst konnte das Level von Mama's Gun nicht halten. Zuerst war nach der folgenden Tour von Frustrationen zu lesen, danach kam auf Worldwide Underground immerhin noch sehr respektables Session-Material. Danach wurde es leider sehr still um Erykah Badu, was nicht nur an den 2 Kindern gelegen haben dürfte, die sie in dieser Zeit bekam. Erst ein halbes Jahrzehnt später kam 2008 ein neues Album auf den Markt.

Eryka Badu's Großtat besteht bis heute darin, mit dem Wissen eines halben Jahrhunderts afroamerikanischer Musikkultur und genauer Kenntnis aktuellen Hiphops der Zeit ein Statement zu machen, das all dies nicht nur zusammen denkt, sondern darüber hinaus eine eigene Perspektive für die Zukunft entwickelte. Derartiges ist große Kunst für die Ewigkeit und auch in jedem anderen Jahr schlicht ein Jahrhundertwerk.


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