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Erykah Badu

Return Of The Ankh

Erykah Badu kann sich entspannt zurücklehnen, von einer "Soul-Queen" erwartet glücklicherweise keiner die Revolution der Saison. Wohl aber etwas Besonderes- das schafft auch Return Of The Ankh wieder mühelos. Erykah Badu muss sich nicht mehr anstrengen, um den Nachweis zu führen, dass Afrocentricity ein modernes Konzept sein kann. Mehr noch: Return Of The Ankh driftet in Richtung Zeitlosigkeit.

Erykah Badu- Diva, Hohepriesterin?

Mit Return Of The Ankh kommen auch wieder branchenübliche Klischees zurück, mit denen profilierte Künstlerinnen spätestens dann behangen werden, wenn sie die 30 überschritten haben (und Erykah Badu wird 40).
Dabei kann sie womöglich viel weniger für ihren Ruf als "Hohepriesterin des Soul" (Spiegel), als viele meinen. Ich werde den Verdacht nicht los, dass einer selbst- und modebewussten Stilistin standardmäßig das Etikett "Diva" aufgepappt wird. Erst recht, wenn sie die übliche Fleischbeschau so lässig ins Leere laufen lässt. Sicherlich ist allerdings Fußnägelbeschau (die der Zünfunk anscheinend im Interview erlebte) weniger souverän als ihre Bühnen-Performance. Und kommt auch nicht so cool wie Sade, die nicht nur bei der Pediküre einfach keine Interviews gibt. Trotzdem sind es immer wieder Frauen, denen bei solchen Eigenwilligkeiten schnell psychische Probleme angedichtet werden ("leichte Überspanntheit" ist da noch die milde Variante). Und welchem Typen werden eigentlich 3 oder 4 Promi-Affären nachgerechnet? Da kann auch Madonna höchstens müde lächeln und mindestens 50% der männlichen Branchenvertreter wären aus solcher Perspektive reif für die Gummizelle.
Egal wie: Erykah Badu ist sicher Profi genug um zu wissen, dass solches Gerede kein Nachteil für Return Of The Ankh ist. Und einer derartig stilsicheren Künstlerin ist auch abzunehmen, dass ein kleines Skandal-Video nur nebenbei als Guerilla-Marketing funktioniert. Außerdem: Im erzkonservativen US-Bundesstaat Texas (the home of Bush) am Rande des berüchtigten "bible belt" splitterfasernackt an einem der symbolträchtigsten Orte der Geschichte herumzulaufen- das muss Frau erstmal bringen. Erst recht in einem Alter, wo sich manche Kolleginnen noch nichtmal mehr trauen, kurze Röcke zu tragen. Vor allem ohne auch nur ansatzweise einen mediengerechten Designer-Body vorzeigen zu wollen, sondern mit der Figur einer ganz normalen Frau- eine womöglich gar nicht mal beabsichtigte Message, trotzdem aller Anerkennung Wert. Und nebenbei möchte ich mal bezweifeln, dass Madonna sich sowas getraut hätte (und will auch gar nicht wissen, wie Rihanna dabei wirken würde).

Return Of The Ankh

Um es vorweg zu nehmen: Return Of The Ankh ist Erykah Badu's konzentrierteste und stilistisch konsequenteste Arbeit seit 10 Jahren- falls man denn das ein so kantiges Wort wie "Arbeit" auf einen derartig milden Funk-Flow anwenden mag. An das Jahrhundertwerk Mama's Gun kommt Return Of The Ankh natürlich nicht ganz heran, das hat die hellsichtige Künstlerin aber auch spürbar vermeiden wollen und stilistisch eine andere Grundrichtung gewählt. Wo Mama's Gun eher 60ies ist, kommen auf Return Of The Ankh weniger Jazz und dafür mehr (70ies-)Funk zum Einsatz. Nach fast 10jährigem Zickzack-Kurs ist eine Rückkehr auf dem Level von 2000 durchaus keine kleine Überraschung, aber die Berufsbesprecher in den Feuilletons winken Return Of The Ankh eher nüchtern durch, was auch mit einigen Missverständnissen zu tun hat, wenn eine wie Erykah Badu Mythen türmt.

Missverständnis Nr. 1: Innovationen

Auch wenn die Sache mit dem "Geheimtipp" wohl doch übertrieben ist, stimmt die grundsätzliche Beobachtung des Bayrischen Rundfunks, dass der Status von Erykah Badu in Nordamerika komplett anders ist als hierzulande. Dort wird sie von der afroamerikanischen Community getragen, die ihre Soul/Jazz/Funk-Sounds seit einem halben Jahrhundert zu ihrem kulturellen Erbe zählt. Hier genießen Erykah Badu und ihr Team höchsten Respekt, weil sie ihre Fundstücke nicht etwa retromäßig zur Belustigung ausstellen, sondern die Ursubstanz vielmehr feinfühlig aufpolieren und in einem stimmigen modernen Kontext zu nutzen wissen. Dieser souveräne und zeitgemäße Umgang mit den Errungenschaften der vorigen Generationen, der in der afroamerikanischen Kultur eine völlig andere Bedeutung hat, als in Europa, der Einsatz dieses Wissens ist schon immer die große Stärke und Kunst von Erykah Badu gewesen. Wenn überhaupt irgendwas an ihrem Gesamtwerk im direkten Wortsinne "innovativ" gewesen ist, dann der moderne Umgang mit dem historischen Originalmaterial. Nachdem der Nachweis von Aktualität der Roots gelungen war, laufen die branchenüblichen Innovationserwartungen seit 10 Jahren ins Leere.

Missverständnis Nr. 2: Hits

Ebensowenig sind von einer derartig sensiblen Künstlerin fette Hits zu erwarten- ihr größter Chartserfolg, das ätherische "Bag Lady" von Mama's Gun war schon damals eher eine Ausnahmeerscheinung. Allerdings eine, die Mehrheiten schafft: Erykah Badu hat Respekt in Old- und New School und ist überdies noch ein strahlendes Role Model einer selbstbewussten Künstlerin, die es gar nicht nötig hat, deswegen viel Geschrei zu veranstalten.
Und in Sachen Smoothness geht Return Of The Ankh weiter als je zuvor- es ist als geplante Introspektive Erykah Badu's persönlichstes, fast schon intimes Album geworden. Wem sowas zu soft ist, der wird sich natürlich langweilen, allen anderen wird demonstriert, wie vielschichtig ein Album der leisen Töne sein kann- ob sie nun dem Gefühlsleben "huldigt" (wie die dpa vermeldet) sei mal dahingestellt (aber Smoothies kann Return Of The Ankh süchtig machen ;-)

Dilla & The Mothership Of Funk

Es geht "um das, was unterhalb der Oberfläche passiert" (propzcity). Unter den sanften Wellen Return Of The Ankh befindet sich tiefes Wasser mit einer Fülle von Ideen, Zitaten und Verknüpfungen. Zu klassischen Soul-Alben, ihrer eigenen (Beziehungs-)Geschichte und Kollegen wie natürlich auch hier wieder J Dilla, dessen Arbeit und Inspiration Erykah Badu mehr schuldet als irgendjemand sonst. Wer's nicht glaubt, höre zum Vergleich mal dessen vorletztes Album The Shining (2006)- Return Of The Ankh klingt wie die direkte Fortsetzung davon. Weit mehr als das: Erykah Badu zeigt sich hier als hochkompetente Künstlerin, die diese Vorlage nicht nur mühelos aufnimmt, sondern mit ihren eigenen Styles erweitert und Experimente vermeidet, die The Shining etwas zerfasern ließen.
Was übrigens keineswegs heißt, dass auf Return Of The Ankh nicht experimentiert würde. Sie werden nur nicht so in den Vordergrund geschoben, wie auf New Americah Pt. I, sondern dienen hier als lockere Interludes mit Session-Charakter.
Was ebensowenig heißt, dass sich auf Return Of The Ankh nichts tanzbares finden würde. Get Munny ist wohl der lässigste P-Funk, der seit Jahren zu hören gewesen ist und so locker kommt, als ob es sich um originalen Treibstoff für Clintons altes Mutterschiff handeln würde (das hier auch seinen Namen zu Recht tragen könnte). Und während sich Bootsy Collins noch ärgert, dass ihm diese Bass-Line vor ca. 35 Jahren nicht selbst eingefallen ist, entpuppt sich Erykah Badu überraschender Weise als Spaßvogel und fragt im Abspann der coolsten Nummer von Return Of The Ankh nach der Telefonnummer von "diesem anderen Bassisten". Mit einem guten Video könnte Get Munny schon ein Hit werden, schätze ich...
Apropos Hit: Die ihre Platzierungen in den (US!)Album-Charts sind top- laut Wikipedia erreichte das vermeintlich schwierige New Amerikah Pt. I dort Platz 2- nach mehrjähriger Abwesenheit. Was zeigt, dass sie auch bei der nächsten Generation wieder problemlos Anerkennung findet. Bester Beleg ist auch die Zusammenarbeit mit Georgia Ann Muldrow, einer kommenden Power-Frau, die von Mos Def in den höchsten Tönen gelobt wird.
Apropos Video: Was man hierzulande ähnlich schlecht mitbekommt wie Erykah Badu's heimische Chartspositionen, sind die heftigen Reaktionen auf ihr Video zu "Window Seat". In (Janet Jackson's) Nipplegate-Country ist Nacktheit anscheinend immer noch so skandalös, das mtv die Existenz lieber ganz verschweigt. Politisch ist das verständnislose Echo der bürgerlichen Medien allerdings weniger verwunderlich- schließlich ist ein nackter Auftritt an der Stelle von Kennedy's Ermordung mindestens so schwerwiegend wie ein Striptease im Bundestag. Und rein stilistisch war es womöglich nicht die optimale Entscheidung, ausgerechnet das melancholischste Stück von Return Of The Ankh derartig aufzuladen. Ganz nebenbei ist das Video ein Zitat, was bei artschoolvets selbstverständlich bestens bekannt ist.

New Amerykah Pt. II

Konzeptionell ist Return Of The Ankh das Gegenstück zu 4th World War- es geht um die Beziehung zwischen Privatem und Politischem, esoterisch interessierte können darin einmal mehr die Verkörperung des Yin-Yang-Prinzips sehen. Wie die enge Verzahnung der beiden Alben funktioniert, erläutert die FAZ. Die "Beschreibung dysfunktionaler Beziehungsverhältnisse spiegelt auf persönlicher Ebene den Zerfall einer Gesellschaft in Partikularinteressen", doziert der Tagesspiegel und tut damit wohl zuviel des Analytischen.
Das "reifere Mama's Gun" (rap.de) ist Return Of The Ankh wohl nicht so ganz, aber es ist möglicherweise so, wie Worldwide Underground 2003 gemeint war- als Anknüpfung an die Großtat von der Jahrhundertwende mit leicht veränderter Grundrichtung. Wo 4th World War nach längerer Pause streckenweise noch Kraftakt klang, der es allen nochmal zeigen sollte, hält Erykah Badu das Niveau jetzt wieder mit Leichtigkeit. Zurück ist die fast traumwandlerische Stilsicherheit mit der souveränen Gelassenheit einer Frau, die weiß was sie kann und wohin sie will. So kann Erykah Badu die klassischen Roots noch ewig remixen- mal mehr Jazz, mal mehr Funk, mal experimentell, mal eingängig. So schafft sie etwas, was im Hiphop kaum wer hinbekommt- sie bleibt weiterhin aktuell, weil sie sich auf mittlerweile zeitlosen Bahnen bewegt.

Das neue Ding?

Die leicht überraschende Hochform von Erykah Badu und Umfeld veranlasste die Spex nun, mit einem mehrseitigen Schwerpunkt-Artikel einen neuen Trend auszurufen. Woher die sowas haben, ist eher unklar, sieht aber stark nach Eigennutz aus. Denn die Homies von Erykah Badu sind mit einer Ausnahme alles alte Bekannte. Das sind vor allem ?uestlove, Madlib, Sa-Ra und selbst posthum immer noch Dilla- langjährige Aktivisten also, die wie sie selbst bereits seit den 90ern unterwegs sind. Das Ausnahme-Talent, was in diesem Umfeld die Regel bestätigt, ist Georgia Anne Muldrow, die mit Anfang 20 schon nicht mehr wirklich als Newcomer durchgeht und 2009 den Markt mal eben mit 3 neuen Alben überforderte. Mos Def hat wohl recht: Von der wird noch so einiges zu erwarten sein.
Mit Mos Def ist Erykah Badu selbstverständlich ebenso gut befreundet, wie mit dem Rest derjenigen, die mit dem Stichwort Conscious Rap vor 10 Jahren frischen Wind an die Verkaufsschalter des Hiphop-Biz brachten. Die Lufthoheit behielten allerdings Big Pimps und Kleingangster, die für Jazz, Soul und politische Ideale nur Spott übrig hatten. Mittlerweile zeigt sich aber, dass diejenigen, die ihre dicke Hose nur deswegen vorzeigten, weil da mehr Dollars in die Taschen passten, längst weg sind. Während es im Dunstkreis der verhöhnten Conscious-Szene Leute wie Madlib gibt, die über die Jahre konstant an undogmatischer Grenzöffnung arbeiten und so Sounds erschließen, die immer wieder für eine Überraschung gut sind. So kollaborierte Dangermouse wohl nicht von ungefähr mit (MF)Doom (als Dangerdoom), der zu der Zeit mit Madlib arbeitete (als Madvillan) und baute danach Gnarls Barkley auf genau diesen Sounds auf- der Rest ist Geschichte: Ein Welthit namens "Crazy".
Aus dieser Perspektive war Conscious Rap nie weg, repräsentierte allerdings im real existierenden Hiphop-Biz wenig bis nichts. Als dann Erykah Badu vor 2 Jahren mit 4th World War zurückkam, während Madlib und Doom ohnehin weitermachten, Georgia Anne Muldrow ein Album nach dem anderen rausbrachte und schließlich im letzten Jahr auch Mos Def nochmal zu großer Form auflief (anscheinend arbeitet sogar Talib Kweli wieder mit Hi-Tek an neuen Taten), kann man eine kleine Welle verzeichnen, wenn's einen denn weiterbringt. Nur: Neu ist an alledem eigentlich nichts. Warum auch? Neu ist schon eher, dass MusikerInnen jenseits der 30 nicht mehr zwangsverrentet werden, das ist im berufsjugendlichen Pop-Biz ein messbarer Fortschritt.
Erykah Badu kümmert sowas eher wenig, sie hat ihre Basis ohnehin etwas Abseits von Denkschulen und Trendyness. Und diese Basis trägt auch Return Of The Ankh wieder hoch in die (US-)Album-Charts. Angeblich hat sie sogar schon ihr nächstes Album fertig- wenn sie dieses Level weiter hält, wird sie hoffentlich spätestens dann mit Grammies überhäuft.


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