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Gil Scott-Heron

I'm New Here

Gil Scott-Heron hat fast alle Pioniere seiner Generation überlebt. Nach eineinhalb Jahrzehnten Schweigen ist I'm New Here nur wenig Ironie- mit dem aktuellen Tagesgeschäft hat er nichts zu tun. Auch zur Legende taugt er weniger, dazu ist ein harscher Bürgerrechtler nicht glamourös genug. Trotzdem ist unbestritten, dass Gil Scott-Heron wesentliche Grundlagen für den Hiphop gelegt hat. I'm New Here ist eine Stimme aus der vergangenen Zeit, die erstaunt feststellt, dass es in diesem Jahrtausend noch einiges zu sagen gibt.

Zu den großen Zeiten von Gil Scott-Heron gab es einen Science-Fiction-Film, in dem Peter Ustinov den letzten alten Mann der Menschheit spielte, während alle anderen an ihrem 30. Geburtstag ermordet wurden. Im berufsjugendlichen Pop-Geschäft, dass sich immer noch nur zu gern kindgerecht inszeniert, wirkt Gil Scott-Heron wie dieser alte Mann. Einer der letzten Aborigines der afroamerikanischen Kultur: "Wenn es jemanden gibt, der schon immer da war, dann ist es sicherlich er", schreibt Tobias Hinrichs für die Plattentests.
Der Titel I'm New Here ist trotzdem weder Understatement noch Witz wie manche meinen. Niemandem ist so bewusst wie Gil Scott-Heron selbst, dass er mittlerweile fast aus der Vergessenheit heraus auftaucht. Nicht nur, weil er über die zweite Hälfte seines Lebens bestenfalls eine Platte pro Jahrzehnt gemacht hat. Die letzte ist von 1994, als die Native Tongues zerfielen, Public Enemy sich verabschiedeten und kein Mensch ahnen konnte, dass ein halbes Jahrzehnt später etwas wie Conscious Rap ein großes Thema werden würde. Und selbst diese Rapper, die sich selbstverständlich auf ihn berufen würden, wenn sie jemand danach fragte, sind dieser Tage öfters Ziel von Spott wegen Spaßbremserei.

Danach war Gil Scott-Heron "zeitweise verschwunden vom Angesicht der Erde", wie die Frankfurter Rundschau fast poetisch formuliert. Dort ist Tobias Winkler der Einzige weit und breit, der konkret erläutert, was das mit der real existierenden amerikanischen Drogenpolitik zu tun hat (dem endlosen "war on drugs", wo Leute wegen Bagatellmengen eingesperrt werden).
Nach alldem kann tatsächlich vermutet werden, dass Gil Scott-Heron mindestens für die Goldkettchen-Fraktion im Tagesgeschäft "höchstwahrscheinlich nicht existiert" (laut). Für gewisse Fachkreise stimmt das allerdings nicht, wie der Tagesspiegel über die Reaktionen auf eine neuere Großmäuligkeit von Kanye West berichtet.

Hört sich nach einem medialen Sturm im Wasserglas an, ist aber nachvollziehbar, denn der "Jahrhundertsong" (Uh Young-Kim im Spiegel) "The Revolution Will Not Be Televised" (1970) zählt zu den klar identifizierbaren Wurzeln von Rap, war Inspirationsquelle für Kool DJ Herc und Grandmaster Flash beim Quantensprung in Richtung Hiphop, ebenso wie für Chuck D's mittlerweile ebenfalls historischen Ausspruch von "black CNN" Jahrzehnte später.
Ein derartiges Jahrhundertwerk ist erfahrungsgemäß für die meisten Künstler später eine schwere Hypothek- Gil Scott-Herons Lebensweg macht da keine Ausnahme. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht sogar ein Vorteil, anderthalb Jahrzehnte weg gewesen und ein Außenseiter zu sein, von dem niemand Größeres erwartet, als vielleicht ein Lebenszeichen. Deswegen ist der Titel I'm New Here tatsächlich eine treffende Beschreibung dieser Position.

Teil 2 der Vorgeschichte von I'm New Here ist endlos zitiert: Es machte sich der Hauptanteilseigner der schicken XL Recordings auf, dem Robinson Crusoe der afroamerikanischen Kultur im Knast ein Angebot zu machen. Womöglich, weil es besonders schick ist, einen echten Pionier im Portfolio zu haben. Trotzdem erkannte man, dass die Returns On Investment besser sein könnten, wenn man Gil Scott-Heron nicht einfach nur retro-mäßig restauriert, sondern ihm ein Update mit aktuelleren elektronischen Sounds angedeihen lässt. Und tatsächlich, auf I'm New Here klappt das auch recht gut.
Denn ebenso gut wurde erkannt, dass Gil Scott-Herons musikalisches Alleinstehungsmerkmal im Minimalismus zu sehen ist, der nach übereinstimmenden Einschätzungen auch mit elektronischen Mitteln angemessen umgesetzt wurde. Es werden nur noch "Restbestände von Gospel und Blues" (FR) diagnostiziert und eine nicht unpassende Parallele zu Burial als einem ähnlich düsteren Minimalisten gezogen.

Das Ergebnis überzeugt mit stilistischer Konsequenz, die dem Status von Gil Scott-Heron entspricht: I'm New Here will und muss nichts beweisen, außer dass Botschaften aus popgeschichtlicher Vorzeit noch Aktualität besitzen.
Da ist es eher überflüssig, vorzurechnen, dass nur 3 neue Stücke (BZ) enthalten sind. Ist nebenbei auch ein Missverständnis, denn der Mann ist vorrangig Beat-Poet der alten Schule und erst im Nebenberuf Sänger- und frisches Textmaterial gibt es auf I'm New Here genug.
Außerdem besitzt Gil Scott-Heron auch nach harten Zeiten im fortgeschrittenen Alter noch genug Stil, Coverversionen so klingen zu lassen, als ob sie 2010 nur für ihn geschrieben worden seien und erhebt im Gegensatz zu frühen Zeiten auch nicht den Anspruch, irgendwen belehren zu wollen. Dass deswegen (laut FAZ) gleich "neue ästhetisch-moralische Maßstäbe gesetzt" würden, ist aber schon allein deswegn überzogen, weil der realistische Gil Scott-Heron derartiges nie vorgehabt hat.
Für alte Soul-Fans ist I'm New Here ein "düsteres und staubiges Werk", verglichen mit üblicher technoider Darkness erscheint es eher in diffusem Neonlicht, was bestens zu einer verlorenen Seele passt. Die nächtlich-großstädtische Wirkung fasst Björn auftouren in passende Worte. Sogar das Wagnis, einen Blues-Klassiker des 1937 verstorbenen Robert Johnson mit Video-Unterstützung ins Computerzeitalter zu hieven, klappt ohne peinliche Nebenwirkungen.
Ob I'm New Here deswegen tatsächlich zeitlos wird, ist im Moment noch nicht abzusehen. Muss auch nicht, denn das hier ist Blues 2010 ohne Retro-Nostalgie- das ist schon erstaunlich genug.
Also auch Daumen hoch für den Chef-Einkäufer vom schicken Trend-Label, wenn man einen Veteranen aus der Versenkung holen will, ist das tatsächlich der richtige Weg.
(Und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet im wildstyle-mag schoki über den Veteranen Gil Scott-Heron das absolut Netteste verfasst, dass ich seit Jahren über Musik gelesen habe...)


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