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Mos Def

The Ecstatic

Mit The Ecstatic findet Mos Def als längst verloren geglaubter Hoffnungsträger der goldenen Conscious-Generation vom Ende 90er zu alter Stärke zurück. Ein so gewichtiges Statement hatte schon lange niemand mehr von Mos Def erwartet. Ihn deshalb gleich zum Retter des Hiphops auszurufen, ist dann aber doch zu überschwänglich.

Sicherlich war Hiphop schon vor der Weltwirtschaft in der Krise oder sagen wir mal im Leerlauf. Muss man nicht ganz so dramatisch sehen, wie Linus Volkmann bei munitionen, aber die brüchigen Beats Marke "Get U'r Freak On" (Missy/Timbaland, 2002) schienen lange Zeit das letzte Grundlagenxperiment der Beat Science gewesen zu sein. Ansonsten machen die üblichen Verdächtigen bis heute unter sich aus, wer die wichtigsten Neuerscheinungen mit Standardbeats möblieren darf. Schon bevor schließlich mit J Dilla einer der größten Visionäre den Planeten verließ, hatten andere den Hipop längst für tot erklärt.
An Klagemauer und Kassenschalter wurde fast übersehen, dass ein paar Andersdenkende unverdrossen weiter schraubten- sie hatten sich zwischenzeitlich nur wie Gnarls Barkley als Anstaltsinsassen kostümiert. So hatten Cee-Lo und Danger Mouse 2006 mit dem programmatischen Titel "Crazy" dem Mainstream die Ohren für seltsame Sounds geöffnet. Was auch nicht von ungefähr kam, denn Danger Mouse hatte kurz zuvor mit MF Doom gearbeitet, der wiederum länger mit Madlib kollaborierte, womit sich der Kreis zu J Dilla und Stones Throw schließt.

Genau diese Entwicklung scheint Mos Def aufmerksam verfolgt zu haben und hat für The Ecstatic genau dort seine Akkus aufgeladen. Schließlich liegt Mos Def's Arbeitsplatz Hollywood ja auch fast vor der Haustür von Stones Throw. Dort hält man sich konsequent fern vom 08/15-Bounce für die Hitlisten und pflegt statt dessen lieber Lofi-Jazz, B-Film-Schnipsel und Sounds aus abgelegenen Schwellenländern ("Schurkenstaaten" sind das nicht alle).
Weil Mos Def bekanntlich ein Mann mit Stil & Verstand ist, hat er alsbald erkannt, dass eine solche Mixtur bestens zu seiner fragmentarischen Arbeitsweise passt und obendrein sein politisches Anliegen nicht weniger gut untermalt.
Die Wahl des Downtown-Labels ist ebenfalls ein geschickter Move, denn das ist zwar klein, aber dort werden nicht zuletzt Gnarls Barkley oder Santigold betreut und obendrein ein Major-Vertrieb mitgeliefert, wie Markus Schneider für die BZ erläutert.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich dann The Ecstatic nicht ganz so innovativ aus, wie Linus Volkmann meint, zumal Kollege Doom ja kurz zuvor ein vielbeachtetes Album rausgebracht hat, das mit dem gleichen Antriebssystem unterwegs ist. Und der Vergleich ist nicht ganz uninteressant: Während der Maskenmann sich unwirsch als letzter Undergrounder präsentiert, gibt sich Mos Def als weltoffener Soul Survivor. Verglichen mit Born Like This ist The Ecstatic nämlich sehr eingäng, auch wenn man "richtige Hooks" tatsächlich "über weite Strecken vergeblich" sucht. Deswegen muss sich Jay-Z keineswegs anstrengen (wie der Tagesspiegel meint), er spielt in einem ganz anderen Stadion.

Ähnlich genau wie Madlibs Arbeiten scheint Mos Def auch die Versuche mit neuerer Elektronik verfolgt zu haben und beweist auch hier Instinkt. Statt das Rad nochmal neu zu erfinden, kauft er für "Life In Marvelous Times" lieber gleich einen Ed Banger von der Quelle. Siehe da: Es passt- es muss nicht gleich alles andere auf den Müll, sondern kann sich ergänzen.
Deswegen widersteht Mos Def auch der Versuchung der Kollegen Common & West, wegen ein paar Synthies gleich die Revolution ausrufen zu wollen. Wär ja auch Blödsinn- schließlich stand der frühe Hiphop während der 80er viel dichter an zeitgemäßer Elektronik als heutzutage. Im Rahmen von The Ecstatic erhält das Stück eher einen netten Old-School-Touch. Feiner Zug: Mos Def tönt nicht groß rum, sondern lässt die richtigen Taten sprechen.

Auch wenn einige Hater "Hollywood Mos" schon immer gern anderes unterstellen, gibt er sich auch zu Promotionszwecken recht bescheiden. Bei The Ecstatic handele es sich "einfach um eine Sammlung von Beobachtungen ohne stringenten narrativen Faden", teilt er dem Spiegel mit und verzichtet ansonsten auf das übliche Promo-Getöse. Durchaus selten in einer Sportart, wo Großkotzigkeit zum guten Ton gehört. Mos Def "redet über das Tagesgeschehen, nicht über das -geschäft", wie Jennifer Depner für die Plattentests feststellt.
Entsprechend ist Fans von "linientreuen Hooks" The Ecstatic mal wieder zu anstrengend. Ebenso ist die Frage zum "state of the art" (intro) hinfällig, den denn genau hat Mos Def ja auch gar nicht hingewollt.
Allerdings ein leicht unfairer Auszug meinerseits, denn Martin Riemanns Ansage im intro bezieht sich nicht ganz zu unrecht auf die auch anderswo gelistete Tatsache, dass Mos Def sich 2-3 ältere Titel fast originalgetreu zu eigen gemacht und lediglich nochmal drübergerappt hat. Verglichen mit den anderen Spielzügen sicherlich eher weniger geschickt, solange sich solche Sounds aber noch so deutlich vom Einheitsbrei des Big Biz abheben, ist das ziemlich nebensächlich, denn die Vorteile überwiegen. Mos Def hat für The Ecstatic eine sehr gute Wahl getroffen. Es passt einfach- zu seinem Style, zu seinem Anliegen, seiner Arbeitsweise als Nebenerwerbsrapper und zu seinem Status im Geschäft- schließlich ist Mos Def auch nicht Jay-Z, das weiß niemand besser als er selbst. Sympathischer Weise versucht The Ecstatic auch nicht ansatzweise, bei solchen Massenmarktstrategen mitzuspielen.
Nach langen Jahren hat Mos Def anscheinend endlich den Weg gefunden, alles unter einen Hut zu bringen: "Looks like we finally got the Mos Def we were waiting for." (pitchfork). Word.

Allerdings ist Martin Riemanns Grundsatzfrage nicht unspannend: Was ist denn der Stand der Dinge kurz vorm Beginn des nächsten Jahrzehnts? Neptunes-Beats? Leichtbekleidete Verkaufsagentinnen? Mehr Autotunes?
Es steht zu befürchten, dass solche Fragen noch länger offen bleiben, wo die größte Hiphop-Sensation des Jahres 2009 die Rückkehr von Eminem zu sein scheint.


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