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Reflection Eternal

Revolutions Per Minute

Reflection Eternal sind eine durchaus legendäre Crew, der Titel Revolutions Per Minute ist zwar etwas hochgegriffen, aber branchenüblich und vor allem: Reflection Eternal knüpfen recht mühelos an das Level an, das sie anno 2000 selbst gesetzt hatten. 2010 ein Lichtblick in der Ödnis des Hiphop-Mainstreams, der Applaus verdient hätte, aber die beruflich Zuständigen Schweigen mehrheitlich. Was einmal mehr das beleuchtet, was seit einiger Zeit als "Krise des Hiphop" herbeizitiert wird. Entsprechend ist das mit den Revolutions Per Minute hier so eine Sache...

Als Reflection Eternal Train Of Thought herausbrachten, konnten sie dies in einem fruchtbaren Umfeld tun, das nicht nur Aufmerksamkeit der Hiphop-Headz garantierte, sondern auch mediale Beachtung bot. Aufstieg und Fall des Rawkus-Labels hatten Ende der 90er Independent Hiphop zu einem vieldiskutierten Thema gemacht und damit zum bislang letzten Mal Qualität und Perspektiven von Hiphop allgemein auf die Tagesordnung der Community gesetzt.
Nicht zuletzt Talib Kweli selbst hatte zusammen mit seinem Schulfreund Mos Def anno 98 ein epochemachendes Werk (Black Star) vorgelegt, dass manchem, was wenig später als "conscious rap" gehandelt wurde, den Weg bereitet hatte. Zum Start des letzten Jahrzehnts hatte Kollegin Erykah ein ziemliches Jahrhundertwerk vorgelegt, während Common parallel seine Karriere mit einem Stoff startete, der dem nur wenig nachstand. The Roots waren auf dem Zenit ihres Schaffens, Dialated Peoples stark im Kommen und J Dilla ein steigender Stern.
Parallel sah es jahrelang so aus, als ob Hiphop und NuSoul "die" Popmusik des Jahrzehnts sein würden: Die Charts waren übervoll davon- Jay-Z von der einen Küste und das Dre-Camp mit Eminem von der anderen Küste, flankiert von den Neptunes und Missy & Tim fuhren eine Million nach der anderen ein und wider besseres Pop-Wissen war man offensichtlich der Meinung, dass das ewig so weiter gehen könnte.
Aber wie an allen anderen Märkten folgte auch hier wieder mal auf Goldgräberstimmung die Rezession. Das fiel Jahre später auch in den Dienststuben der hiesigen Bürgerpresse auf, wo man sich von den Wirtschaftredaktionen nebenan auch die zugehörigen Geschäftszahlen besorgen konnte. Die Gewinnmargen für Hiphop-getriebene Spekulationsgeschäfte an der Musikbörse waren eingebrochen. Kronzeuge: Sportsfreund Fiddy, dessen Umsätze von 10 auf 1,5 Millionen zurückgegangen waren. Sicherlich unzweifelhafte Fakten, aber was sagen uns solche Zahlen eigentlich? Ist irgendwer bestürzt darüber, dass sich die Goldkettchen-Fraktion 1-2 Stretch-Limos weniger leisten kann?
Wie viele Scheiben brachte die Lena dieses Jahr unters Volk, um Platin zu erreichen? Irgendwas bei 400.000, meine ich (und sie wird sich wohl nicht über zu wenig Taschengeld zu beklagen haben)...
...da wird der Kollege mit der vierfachen Menge immer noch einige 50Cent mehr eingesackt haben. Will sagen: Solche Klage über "bescheidene" Absatzzahlen ist offensichtlich Jammern auf extremem Niveau. Das sagt sicher einiges aus über den berufsbedingten Realitätsverlust von Multimillionären im Showbiz, die einen operettenhaften Lebensstil neumoderner Sonnenkönige für selbstverständlich halten.
Ebenso klar ist, dass solche Entwicklungen auf den Bilanz-Pressekonferenzen der globalisierten Musikkonzerne für betretene Mienen sorgen. Die Fakten sind korrekt, nur was sagt sowas über "den" Hiphop aus? Doch wohl erstmal nur, dass sich die Chancen, mit Hiphop Millionengewinne einzufahren, in letzter Zeit etwas verschlechtert haben.

Business Standard Sound

Auch wenn es in der Szene berechtigten Ärger über solche spezielle Einäugigkeit der Berichterstattung gibt, lauert im Hintergrund aber doch ein wahrer Kern. Es ist was dran an der Perspektive, dass Hiphop insgesamt nur noch mit den standardisierten Massensounds der Charts identifiziert wird.
Eine durchaus Besorgnis erregende Entwicklung ist schon, dass nicht wenige der Newcomer der letzten Jahre kaum noch eigene Sounds entwickelt haben. So manche sahen ihre Aufgabe nur noch darin, standardisierte Vorprodukte der Industrie-Marken Timberland, Neptunes, etc. etwas bunter zu lackieren. Der eine Zeit lang gefeierte "Party-Sound" aus dem Süden ist ein gutes Beispiel. Man wollte erklärtermaßen nur ein wenig feiern und die große Kunst anderen überlassen.
Nichts gegen eine gepflegte Feier, aber für die Kunst fühlten sich alsbald nur noch J Dilla und ein paar alte Kämpfer bei Stones Throw zuständig. Dilla's tragisches Ableben war vor diesem Hintergrund tatsächlich ein Schicksalsschlag mit Symbolcharakter: Der letzte große Stilist, der sich abseits von Zockerei und Spekulantentum eine eigene Position zutraute, verschied tragisch und unspektakulär. Ohne seinen verdienten Legendenstatus ankratzen zu wollen, ist seine herausragende Position auch das Versagen der Anderen, die im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts nur noch Fließbandsounds produzierten. Und wenn einer der Hauptverantwortlichen von oben herab auf solche Weise tönt, ist das nur Zynismus, der über den realen Hiphop nichts aussagt.
Er zielt vielmehr auf den Massenmarkt- und der hat in den Charts seine eigenen Gesetze. Dort ist bekanntlich nichts uncooler als der Modegag des letzten Sommers. Nachdem eine handvoll Top-Producer einige Jahre sämtliche Kombinationen aller Bauteile durchgetestet hatte, während sich vorne eine ähnlich überschaubare Zahl von MCs gegenseitig das Mic in die Hand drückte, blieb schließlich nur noch Einheitsbrei. Aus der Perspektive von Charts und Mega-Sellern wohlgemerkt.

Unbestritten: Die fetten Jahre sind anscheinend erstmal vorbei. Und das ist womöglich auch hier mal wieder ganz gut so. Denn ich möchte schon meinen, dass sowas in allen anderen Branchen immer wieder ein guter Startschuss für neue Aktivitäten gewesen ist. Für Hiphop ist das erstmal eine neue Erfahrung, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein paar Multimillionäre eine ganze Kulturform kaputt managen (Bei aller Selbstbelustigung mit Verschwörungstheorien: So mächtig sind auch Hiphop-Millionäre nicht).

Normal 2.0

Allerdings scheint erstmals in drei Jahrzehnten Hiphop-Geschichte nicht mehr so viel Neues nachzukommen, wie man das bislang gewohnt war. Das ist aber in anderen Musikzweigen schlichte Normalität- kein Mensch beschwert sich über zu wenig Punk (wer welchen will, macht es halt).
Nur im deutschsprachigen Raum gab es eine Sonderkonjunktur, die mal wieder viel mit der Erkämpfung der musikalisch nicht unproblematischen Muttersprache zu hatte. Der Nachweis, das man sich in Landessprache sehr locker machen kann, war in der vermeintlich "goldenen Ära" Ende der 90er geglückt. Auf Friede, Freude, Eierkuchen folgte per Aggro-Boom nun noch die Ergänzung, dass man jetzt auch auf deutsch fließend alles zuprollen kann, was nicht bei drei die Knarre im Anschlag hat. Dass Abstieg und Ende des zugehörigen Labels ziemlich parallel zur Entwicklung des nordamerikanischen Massenmarktes liefen, dürfte als historischer Zufall zu betrachten sein.
Als unerfreulicher Nebeneffekt von alldem ist hierzulande eine doppelte Ermüdung festzustellen: Einerseits von den Industrie-Sounds aus USA, wo ein kleiner Elektro-Trend sehr gelegen kam, um das Fließband nochmal richtig auszulasten. Andererseits vom hiesigen Aggro-Style, der trotz grundsätzlicher Berechtigung in Sachen Styles & Skills wenig Eigenes entwickelt hat, außer sprachlichen Messages. Auch dort vermerkte Dendemann eines Tages launig (sinngemäß), dass die jetzt auch kompliziertere Reime hinkriegen. Die Abwesenheit solch freundlicher Ironie im real existierenden DHop sagt einiges aus über den hiesigen Stand der Dinge, wo es vor lauter Gangstaizm jenseits der humoristischen Brechstange nichts mehr zu lachen gibt.

Revolutions Per Minute?

Am Beginn des nächsten Jahrzehnts sind Reflection Eternal Rufer in der Wüste. Hinter der Front aus Multimillionären und Börsennotierungen, erscheint Train Of Thought inzwischen als "underground", wie SnoopFrog anmerkt und als Hypothek für Revolutions Per Minute benennt, dass "Titel an Zeiten erinnert, in denen Qualität im HipHop noch dichter angesiedelt war". Weswegen die Befürchtung, dass ein Team wie Reflection Eternal an hohen Erwartungen scheitern könnte, in solchen Zeiten nicht von der Hand zu weisen ist.
Aber: Das Einzige, was Reflection Eternal enttäuschen, sind die unguten Vorahnungen. Selbst die sonst gern kleinlichen amerikanischen Zines loben Revolutions Per Minute unisono. Reflection Eternal erscheinen fast mühelos auf dem Level von 2000, was interessierten Kreisen allerdings womöglich auch deswegen so großartig erscheint, weil es anno Zwanzigzehn ansonsten nichts vergleichbares gibt. Außer vielleicht Erykah Badu's introvertiertem Privatvergnügen (ihr aktueller Lebensabschnittspartner gibt sich hier übrigens auch die Ehre).
Kennzeichnend für Reflection Eternal bleibt auch 10 Jahre später immer noch die "unglaubliche Gelassenheit" (hiphop-jam), die HiTek in seinen besten Momenten liefern kann. Solche Unaufgeregtheit ist manchen Bouncern zu sensationslos, ähnlich wie Kweli's Reimkunst, die keinem mehr was beweisen muss. Derartig entspannte Selbstsicherheit ist die Basis für die eigene Position, die Reflection Eternal mit Revolutions Per Minute locker behaupten können- das ist und bleibt gerade in solchen Zeiten eine Großtat. Bekanntlich scheitern nicht nur im Hiphop derartige Comebacks mit schöner Regelmäßigkeit.
Daher lässt sich durchaus mit Erleichterung feststellen, dass es auf Revolutions Per Minute weiterhin "eben nicht um textlichen Einheitsbrei" (allesreal) mit den üblichen Klischees geht. Allerdings: Allein deswegen von "innovativ" zu sprechen, ist zwar nett gemeint, geht aber am Kern vorbei. Derartiges galt sogar 2000 schon weniger- das Gute ist, dass sich Reflection Eternal über sowas hörbar wenig Gedanken machen. Sie wissen, was sie können und kicken das. Und selbstverständlich klingt das auch nicht mehr so frisch wie vor 10 Jahren (wie sollte das auch gehen?) Snoopfrog nennt Revolutions Per Minute "zurückgenommen", was auch mein Eindruck ist. Selbst das ist dieser Tage nicht wenig. Weswegen das Einzige, was ich zu bemängeln hätte, der unpassend lautsprecherische Titel ist (falls da nicht eine Ironie ist, die mir entgangen sein sollte).

P.S.: Die Sache mit "underground" scheint mal wieder eine europäische Wahrnehmung zu sein, denn die englische Wikipedia listet die Positionen in den Billboard-Charts- eingestiegen auf 18, Top-Position 5. Auch wenn langsam in Vergessenheit gerät, was das mal war, Subkultur ging anders. (Und Kwalität zahlt sich doch nochmal aus ;o)


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