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Kanye West

808s & Heartbreak

Dass 808s & Heartbreak Hiphop wäre, würde auch Kanye West nicht behaupten. Waren schon seine Raps bislang eher umstritten, herrscht bei seinem Gesangsversuch Einigkeit: Es grenzt ans Unerträgliche- das ist auch mit modischer Software nicht zu kaschieren. Und dass der Gebrauch von Mainstream-Pop-Sounds irgendwie revolutionär wäre, glaubt eigentlich auch keiner.

Kanye West's biografische Gründe für 808s & Heartbreak (Todesfall + Verlustfall) sind textbedingt offensichtlich und in der Presse hinlänglich breitgetreten- "handelsübliches Liebesgejammer" (laut) fasst die mehrheitliche Meinung zusammen.
Eine Kehrtwende vollführt er eigentlich auch nicht, denn alle Elemente lagen seit Graduation bereits auf dem Tisch. Für mich sieht's eher so aus, als ob Kanye West mit 808s & Heartbreak schnell nochmal den Payback für die dort getesteten Skills mitnehmen will- Ökonomie in Zeiten der Krise.

Ebenso offensichtlich ist seine sattsam bekannte Großmannssucht, der nach Überrundung von Kollege 50 im Hiphop die Sparringspartner ausgehen- also wird nun der untote Elvis herbeizitiert.
Dass Kanye West einfach nur mal wissen will, "ob er sich tatsächlich alles leisten kann", wie tba vermutet, darf bezweifelt werden. Denn der Mann ist kein lustiger Anarcho, sondern will die Weltherrschaft (Pete Townsend von The Who sagte mal über seine Haltung der frühen Jahre: "I rule the world, I'm Adolf Hitler").
Witziger Weise wird nur hier erwähnt, dass Kanye West sich nun Sportsfreund Timberlake als nächsten Angriffspunkt ausgesucht hat.
Und das zeigt die eigentliche Stoßrichtung von 808s & Heartbreak: Denn Timberlake's langjähriger Geschäftspartner ist bekanntlich ein gewisser Timbaland. Stilistisch und ökonomisch zielt Kanye West in genau diese Richtung- King Of Pop und King Of Producers in einem (aber der Titel "Obama des Hiphop" scheint ihm tatsächlich peinlich zu sein).
Und genau deswegen ist an 808s & Heartbreak nichts weltbewegend Neues, sondern genau das, was old Timbo schon seit Jahren macht.

Da ist der streckenweise beklagte Gegensatz von Hiphop und Pop eher seltsam, denn er ist seit ca. 10 Jahren Geschichte. Mindestens in diesem Jahrzehnt toppt Hiphop so selbstverständlich und durchgängig die Charts, dass es längere Zeit so aussah, als wäre Rap der neue Mainstream. Was sich angesichts aktueller Geschäftsberichte möglicherweise erstmal erledigt hat.
Die Frage ob Hiphop Pop ist, kann als erledigt betrachtet werden, nur im Sprachgebrauch macht das gelegentlich noch Probleme ("lupenreiner Alles-Pop").
Allerdings stimmt wohl die Beobachtung, dass Kanye West ähnlich wie Madonna Hiphop nur noch als kleine Zutat zur Markterweiterung verwendet.
Über das Ergebnis herrscht weitgehende Einigkeit in der Kritikerschaft:

Kunst darf unangenehm sein, hier benötigt man trotzdem Kopfschmerztabletten
"Kunst ist halt geschmackssache! Ganz kurz gesagt, es ist Müll!"- Markus findets nicht delicious
Hier die neue Wortschöpfung als Gegensatz zu "angereichert": "Angeärmert" wobei die Musik nicht "wirklich übel" geraten ist
Die neue Cher ist auch öfter zu lesen
Kanye West "spielt gegen seine Stärken und jeden gesunden Menschenverstand", heißt es bei den Plattentests
"Luft raus, Synthies rein", wird in Berlin getitelt
Apropos Berlin: "Dünkel, verfehlte Ironie und Weinerlichkeit"
"Zuerst durfte man es für einen Scherz halten", findet man in Österreich
Mr. West dürfte das wenig stören, denn die Verkaufszahlen sind unzweifelhaft, wie der hiphopjudge bemerkt.

Überraschend ist eher, dass Hiphop-Zines 808s & Heartbreak relativ gelassen nehmen:
"Überraschenderweise ist dies weniger unangenehm als es zu befürchten war", meint hiphopjudge.de
Und rap4fame.de meint zwar "808s & Heartbreak hat mit einem Rapalbum ungefähr so viel zu tun, wie Paris Hilton mit Politik", doch "liefert Kanye West zwar keine großartige Arbeit, aber auch nicht den von mir befürchteten groben Unfug, ab".
rap.de: "Das ist wahre künstlerische Freiheit. Das ist 'ich mache, was ich will' in Reinkultur und die Welt steht fassungslos davor". Positiv gemeint, denn "Selten hat es so viel Spaß gemacht, jemandem beim geisteskrank sein, zuschauen zu dürfen".

Daher lässt sich mit dem Chef-Styler vom Spiegel schließen: "Beim nächsten Album (...) können wir wieder über die Neuerfindung von Pop reden"- nicht schonwieder...
(Und da kann man übrigens bei Bedarf auch nachlesen, was es mit dem vielzitierten autunes auf sich hat)


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