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[Humor von amazon]

Kanye West

My Beautiful Dark Twisted Fantasy

Tja- dass Kanye West nochmal mit einer richtigen Ansage zurückkommt und My Beautiful Dark Twisted Fantasy ausgerechnet vom Rolling Stone gleich zum Jahrzehntalbum gekürt wird, ist dann doch ein erstaunlicher Ausklang für 2010. Kurz zuvor wähnte man Kanye West noch als Pausenclown beim Ausverkauf von mtv, während er vielleicht noch den einen oder anderen Kid Cudi produziert. Weit gefehlt...

Dass Kanye West ein unsympathisches Großmaul sei, wird auch hier wieder dermaßen breitgetreten, dass man die Zielperson eigentlich schon wieder sympathisch finden müsste. Vgl. z.B now-on.at, wo ich mich für das schöne Wort "grenzgenial" bedanken möchte. Passender Weise fasst laut zusammen: "Für seinen Charakter wird Kanye West schon lange nicht mehr geliebt". Wobei sofort die Rückfrage aufkommt: Wurde er das denn schonmal? Na, lassen wir das...

In der Besprechungslandschaft erhebt sich im Advent 2010 bei My Beautiful Dark Twisted Fantasy etwas, das sich eigentlich nur als tosender Jubel beschreiben lässt. Im Schneegestöber von Superlativen findet sich tatsächlich bei rap.de eine angenehm unaufgeregte Besprechung, die erwähnt, warum man My Beautiful Dark Twisted Fantasy trotzdem gut findet und nebenbei auch die PR-Arbeit des Show-Profis beschreibt. Zu der natürlich besonders das/die Cover gehören (vor dem amazon offensichtlich so viel Angst hat, dass man auch hierzulande nur eine Pixelversion anbieten möchte- ein Treppenwitz, den ich hier gern dokumentiere).
Ansonsten wieder ein Höhepunkt im handelsüblichen Superstar-Zirkus zwecks Collabo. Ein Schelm, wer dabei an Kanye West's bekanntlich mittelprächtiges Stimmtalent denkt. Zieht medientechnisch auch wieder diverse Listungsversuche nach sich- einer der vollständigeren findet sich womöglich hier.
Bei all den Lorbeeren für das Werk sollte auch erwähnt werden, dass die schärfste Kritik in dieser Szenerie tatsächlich aus der Schweiz kommmt- respect to Tobias Imbach.

Soviel Bohei ist natürlich willkommener Stoff für das Feuilleton, dem breiten Publikum das Sensationelle darzulegen:

  • Der Bremer Weser Kurier freut sich über Nacktbilder und "boulevardeske Schlagzeilen".
  • Trotz ähnlich gelagerter Schlagzeile ("Pump mir den pelzigen Elektrobass auf"), analysiert Markus Schneider für die BZ tatsächlich die Musik.
  • Hier der "größte männliche Popstar, den die Welt derzeit zu bieten hat".
  • Der Spiegel kann's wie üblich kurz & treffend.
  • Die Süddeutsche klärt nachträglich, warum Kanye West der Einzige ist, der mtv ernst nimmt und was das mit dem vorherrschenden "Entertainment-Imperativ" zu tun hat.
Business as usual- war noch was?
Platte des Jahres?

Womöglich: Denn immerhin geht hier nach fast 10 Jahren mit Soloveröffentlichungen tatsächlich alles zusammen, an dem Kanye West bislang herumgebastelt hat. Der Designer-Hiphop seiner frühen Werke läuft auf My Beautiful Dark Twisted Fantasy wieder flüssig und selbst der eher unglückliche Elektro-Pop-Versuch liefert hier ebenfalls nützliche Arbeitsmaterialien. Irgendwelchen Prog-Rock lässt sich Kanye West auch von keinem N.E.R.D. mehr vormachen- 21. Century Schizoid Man (DER Klassiker von King Crimson), damit hätte auch Big-Biz-Chaot Kanye West böse auf die notorisch große Klappe fliegen können. Tut er eben nicht und deswegen gewinnt My Beautiful Dark Twisted Fantasy den Pokal 2010 wohl auch zu Recht.

Eher Besorgnis erregend ist da fast schon, dass die ersten Umfragen in der Hiphop-Szene keine bösen Worte zutage fördern. Dabei war die Frage "Ist das noch Hiphop?" immer eine gern genommene Kriegserklärung für einen zünftigen Flame-War, der hier gar nicht mal unangebracht wäre.
Vielleicht sollte man diese nicht mehr gestellte Frage trotzdem mal beantworten: My Beautiful Dark Twisted Fantasy ist kein Hiphop (findet Kanye West laut Welt übrigens auch nicht). Oder höchstens noch ein ganz klein wenig. Selbst bei "Monster", dass nach zahlreichen Meinungen dem noch am nächsten kommt, wird der Text vom Fähnlein Fieselschweif geschlumpft (Trostpreis für den Pieps-Rap). Und die Hiphopper stört's anscheinend nicht. Gewöhnungsbedürftig, aber OK. Denn als Pop-Album ist My Beautiful Dark Twisted Fantasy 2010 herausragend.

Bei derartigem Applaus von allen Seiten wird man trotzdem das Gefühl nicht los, dass die Begeisterung auch einer recht ereignisarmen Saison der Champions League geschuldet sein könnte. Aber das muss der Neid Kanye West nunmal lassen: Champion(-Sound) kann er und in dieser Liga steht My Beautiful Dark Twisted Fantasy dieses Jahr tatsächlich alleine da.
Wohlgemerkt: In der Liga der Multimillionäre- da gibt es auch dieses Jahr ansonsten fast nur Gaga. Da wirkt Kanye West fast wie der King Of Pop (der er so gern wäre), der dem Mash-Up-Jahrzehnt den Super-Mega-Monster-Mashup hinterherwirft. Ein Jahrzehnt-Album wird My Beautiful Dark Twisted Fantasy deswegen trotzdem nicht.

Wenn sich der Staub der Hollywood-verdächtigen Marketing-Maschinerie (10 Cover, 35min-Video, Schlagzeilen galore) etwas gelegt hat, wird man nächstes Jahr wieder sehen können, dass Kanye West den Elektro-Mashup keineswegs neu erfunden hat. Schließlich haben da einige andere schon vor längerer Zeit respektable Entwürfe vorgelegt: Da hatten es NERD bekanntlich geschafft, Prog-Rock so zu exhumieren, dass es immer noch wie Hiphop klingt (allerdings verlieren sie den direkten Vergleich im Herbst 2010). Und mit der visionären Kraft von Get U'r Freak On (Missy & Tim 2002) hat My Beautiful Dark Twisted Fantasy auch nichts zu tun. Um mal Vergleiche aus den Dimensionen zu ziehen, in denen Kanye West sich sieht.
In jüngerer Zeit haben sich einige respektable Damen um unterhaltsame Grenzverschwurbelung verdient gemacht: Gerade letztes Jahr beispielsweise Santi White und Amanda Blank- ohne millionenschweren Produktionsapparat, aber mit deutlich besseren Sympathiewerten. Und in diesem Jahr fand ich die Auferstehung von Gil Scott-Heron wesentlich beeindruckender. Genauso wie die politische und musikalische Radikalität von M.I.A., die Kanye West in Sachen Lautsprechertum kaum nachsteht. Und die Gorillaz haben schon lange den gewitzteren Style.

Überhaupt, Witz: Leider eine Sache, die Kanye West schon immer abgeht- da sieht sogar (vom Mediendienst diagnostizierte) Selbstverarsche wie ein strategisch geplantes Marketing-Manöver aus. Ich selbst finde wieder mal, dass seine bekanntermaßen dünne Stimme immer noch nicht zu seinem Breitwand-Sound passt (richtig große Kunst würde da einen gangbaren Weg finden, denke ich).
Alles egal: Dass My Beautiful Dark Twisted Fantasy Kanye West's Opus Magnum ist, kann ich trotzdem mühelos unterschreiben. Alle seine Baustellen gehen hier zusammen und der aufgeblasendste Schwurbel-Style der letzten Jahre klappt auf Superstar-Niveau, auch wenn Kunst für mich anders geht.
It's only Show-Biz, but it works.

Nebenbei wird jetzt so richtig klar, was für eine Glanztat M.I.A. dieses Jahr geglückt ist, die für mich im Vergleich mit My Beautiful Dark Twisted Fantasy in allen Punkten einen Schritt weiter gegangen ist: Mutiger, härter, radikaler, politischer- und nett ist die auch noch. Während Kanye West um den nächsten mtv-award buhlt. Den er sich hiermit aber auch verdient hat, soviel Sportsgeist muss sein.


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