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Madonna

Hard Candy

So hatte sich Madonna das mit Hard Candy wohl nicht vorgestellt. Willkommen zum Ikonen-Bashing: Eine "botoxbepumpte Fünfzigjährige" als "Porno-Queen" mit zu "verdächtiger Maskenhaftigkeit (...) aufgebockten Wangenknochen" und "Hinterteil wie aus Hartgummi" liefert "Ballermannbombast". Blog-Gewitter? Flame-war aus Fanforen? Mitnichten- es sind die Hüter des "Qualitätsjournalismus" (a.k.a Bürgerpresse), die hier ungeniert zuschlagen: Stuttgarter Zeitung, Welt, Süddeutsche, Zeit und taz.
Verkehrte Welt- denn verglichen mit der drögen Abarbeitung aus dem Hause laut sind es schizophrener Weise tatsächlich gleichzeitig diese Medien, die mittlerweile brauchbare Einordnungen von Madonnas Hard Candy liefern.

So ist das auf dem Olymp: Wo für Madonna das Spiel mit Identitäten immer von existenzieller Bedeutung gewesen ist, lässt sich die Musik schon lange nicht mehr von dem abgehobenen Ikonen-Dingens trennen. "Zeichenwald" nennt das die taz, "eine ursprüngliche Identität gibt es nicht", stellt die Süddeutsche in einem der wenigen wohlwollenden Artikel fest.
Aber wenn es nicht ohne Ikonografie geht, ist doch immerhin nett, dass es wenigstens der Spiegel hinbekommt, diese Grundlage zu benennen:
"Getrieben, die Beste, die Einzige, the one and only zu sein: sexy und clever, Hure und Heilige, Fetisch und Mutter, Spielzeug und Trost."
Apropos Grundlagen: Wie Madonna vor allem in den 90ern mit Bedeutungsebenen aufgeladen wurde, rekapituliert Caroline von Lotzow für die Süddeutsche nochmal in netter Kürze. Die andere Perspektive im gleichen Blatt anlässlich des 50. Bei Bedarf sind zu Madonna's fünfzigstem auch ganze Bücher erschienen- von Ex-Spexlerinnen natürlich (plus paar Worte zur Kunst) oder gleich Madonnalyse.

Die Randbedingungen von Hard Candy beleuchtet Andreas Borcholte im Spiegel als Szenerie zwischen der Sehnsucht nach ewiger Jugend, visionären Producern und back to her roots. Denn der elektronische Retrofuturismus der letzten Jahre kommt Madonna natürlich sehr gelegen. Die dortige Rückbesinnung auf die Prä-Techno-Zeit, gibt ihr die Möglichkeit, ihre Roots wieder als trendy zu präsentieren, ohne in nerdigen Dogmatismus abzugleiten. Wenn jemand dieser Tage Kompetenz für die Dance Floor-Sounds der 80er hat, dann die größte Überlebende dieser Ära.
Was auch einen kleinen Seitenblick auf ihre damaligen Charts-Nachbarn fast unausweichlich macht, die anno 08 ebenfalls die 50 überschritten. Der "King of Pop" ist längst fortgejagt und der Prince nach langem Exil weniger offen für die neuen Zeiten, pflegt die eigenen Wurzeln zwar in einer respektablen Nische, aber Lichtjahre entfernt von Madonnas Sonnensystem.

Aber das Label Retro traf auf das Vorgänger-Album wesentlich mehr zu, als auf Hard Candy, das der Spiegel nicht zu unrecht als "fast reinrassiges amerikanisches R&B-Album" beschreibt. Auch wenn nicht unbedingt "Hardcore Hiphop" zu befürchten war- etwas verwunderlich war die Wahl der Producer aus stilistischer Sicht schon. Lustiger Weise liefert der Stern den Hintergrund dazu. Dort verweist Jens Maier auf das Jahr 2003, als Madonna's "American Life" als massives Anti-Kriegs- und vor allem Anti-Bush-Statement zu ebenso entschiedenen Boykotten patriotischer Radiostationen führte, die teilweise bis heute anhalten.
Was im Web-Zeitalter nach Mediensteinzeit aussieht, hatte aber für die Marke Madonna spürbare Umsatzeinbußen zur Folge. Was für die Geschäftsführerin ein wichtiges Motiv gewesen sein dürfte, mit Blick auf den nordamerikanischen Markt die sichersten Erfolgsproduzenten dieses Jahrzehnts einzukaufen (a.k.a. Timbaland, Neptunes, Timberlake).
Das Resultat sieht der Spiegel realistisch: "Erstmals in ihrer 25-jährigen Karriere klingt Madonna ein kleines bisschen wie Gwen, Nelly, Kylie, Britney und der ganze zappelnde Rest – austauschbar halt."
"Das bleibt nicht aus, wenn man Fließbandproduzenten beschäftigt" stichelt die Zeit. Aber was dabei ebensowenig ausbleibt, ist die vielzitierte Tatsache, dass Madonna nun mit ihrem 37. Top10-Hit in der Ewigenliste am seligen Elvis vorbeigezogen ist.

In Sachen Produktion herrscht aber Einigkeit bei Freund & Feind- Hard Candy ist weder visionär noch besonders originell. Für mich allerdings immer noch Genörgel auf höchstem Niveau, denn Madonna hat seit Ray Of Light, also seit nicht weniger als 10 Jahren regelmäßig vorn gelegen. Und das in ihrem ca. 3. Frühling, den außer ihr fast niemand in diesem Geschäft erleben durfte. Dass Madonna hier "eine Kopie ihrer selbst" geworden sei, stört eher wenig, denn sie hat dafür auch genug Substanz. Wenn man bedenkt, wieviele Sternchen bereits als 3. Longplayer ein "best of" raushauen, ist Hard Candy mit lauter frischen Produkten große Kunst.
Trotzdem war es strategisch weniger günstig, hier keinen radikalen Stil-/Imagewechsel zu präsentieren, der für Madonnas goldene Serie des letzten Jahrzehnts kennzeichnend gewesen ist. Das macht die beiden jüngsten Werke direkt vergleichbar und sowas verzeihen die Auguren auf dem Börsenparkett nicht.
Aber nicht mal die Sache mit den Producern kann ich ihr richtig übel nehmen, denn es gibt derzeit keine wirklich frischen Trends auf dem Weltmarkt einzukaufen. Deswegen gibt es keinen "letzten Rest avantgardistischer Ambitionen", der aufgegeben werden könnte.
Pop an sich hat seine Mission inzwischen auch endgültig erfüllt und den Marsch durch die Institutionen abgeschlossen. Wo vom Kindergarten bis ins Altersheim täglich Pop praktiziert wird, sind role-models überflüssig. Es spricht also einiges dafür, dass Madonna wirklich "der letzte Mainstream-Star der Popmusik" wäre, wie die Zeit feststellt. Wenn da nicht eine Tochter namens Britney wäre, die 2008 den nach ihrem Totalabsturz angefallenen Trümmerhaufen abtragen konnte.

In allen Diskussionen unausweichlich bleibt die Altersfrage, denn sie ist das Trauma und die Lebenslüge von Pop. Es wie die bürgerliche Journaille mit schlichtem Wegmobben derjenigen, die "wie keine andere Künstlerin die Sehnsucht nach ewiger Jugend" reflektiert (Spiegel), zu versuchen, bringt da keinen Zentimeter weiter.
Auch wenn Madonna die Rolle bislang nicht haben will, könnte sie die erste sein, die darauf eine glaubwürdige Antwort findet. Allerdings wird ihr Vorname wohl auf ewig mit dem Mädel assoziiert bleiben, das einst "Like A Virgin" piepste. Aber vielleicht wäre Donna Ciccone diejenige, die der Pop-Welt demonstriert, dass eine erfahrene Frau einen besonders lässigen Disco-Beat bringen kann, wenn sie die Falten aktzeptiert, die das Leben schreibt. Schlusswort wieder aus Richtung der alten Spex in Gestalt von Hans Nieswandt, der für die Zeit in einem sehr entspannten Artikel zum Thema resümiert: "Es bleibt spannend, wie lange sich Madonna dieser Frage noch entziehen kann".
My 50 cent: Solange es keine runzeligen Popstars geben darf, bleibt Madonna by any means necessairy (und macht demnächst wieder eine bessere Platte).


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