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Das Jahrzehnt-

Nullnummer?

Vorbei, Junimond- die sog. "Nuller" sind Geschichte. Nicht erst seit Silvester gibt es Klagen über das Ausbleiben turnusmäßig erwarteter Revolutionen: Alles nur noch Retro?
Ein Mega-Trend wie Techno oder Grunge in den 90ern ist in diesem Jahrhundert bislang tatsächlich schwer auszumachen. Die verbreitete Ansicht, dass also nichts Neues mehr passieren würde, entpuppt sich bei einem furchtlosen Blick unter die Oberfläche allerdings schnell als Trugschluss.
Im Selbstversuch: Ein Blick zurück nach vorn.

Es gibt Leute, die Jahrescharts oder gar künstliche Dekadenlisten aus Prinzip doof finden. Wo Pop sich gern selbst verachtet in der Annahme, eh nichts dauerhaftes/wertvolles zustande bringen zu können, finden auch manche Fans, dass derartiges unnütz vom Feiern ablenkt. Kein ganz unberechtigter Gedanke, aber die Listenaktivitäten können auch ein Anlass sein, nach dem Stand der Dinge zu fragen, lange Wellen und Perspektiven zu orten. Ein Ansatz, der aus der Mode gekommen ist, wo die real existierende Fachpresse meist damit überlastet ist, dem nächsten heißesten Scheiß hinterher zu rennen.

Für den Beginn dieses Jahrhunderts ist eins recht offensichtlich: Das unerhörte Ding, der revolutionäre Sound, der zur Attacke auf alles Bestehende bläst und die Welt mindestens bis nächstes Jahr aus den Angeln hebt, ist tatsächlich ausgeblieben. Pech für die Revolutionisten, aber nach über 50 Jahren Pop muss die Welt ja auch nicht mehr jedes Jahr umdefiniert werden. Immerhin ließe sich gerade dieser Umstand an sich schon als "Revolution" betrachten (wenn denn immer noch groß getönt werden muss). Denn das pop.biz hatte es tatsächlich ein halbes Jahrhundert lang geschafft, pro Dekade pünktlich mindestens eine Revolution zu liefern. Und nun? Schon ein neues Grundgefühl in einer Branche, die sich per se als Speerspitze alles Neuen, Aufregenden und Umwälzenden sieht und sich dabei selber furchtbar jung & hip & sexy findet. Plötzlich toppt ein toter 50jähriger die Charts (Thriller!).
Bist du aber erstmal bereit, die Sehnsucht nach der permanenten Weltrevolution Back In The USSR zu lassen und statt dessen die Frage zu stellen, was die prägenden Entwicklungen der letzten Jahre gewesen sind und wer die entscheidenden Kicks gesetzt hat, gibt es eine Menge zu entdecken.
Zentrale Geschehnisse der einzelnen Sektoren in groben Zügen:

Elektronik: Flat Beat

Elektronik rockt- wer hätte das gedacht: Trotz Ausverkauf von Techno und Loveparade ist in keinem anderen Sektor der aktuellen Musik während der letzten 10 Jahre so viel passiert, wie im Bereich Elektronik im weitesten Sinne. Nach Electroclash zu Jahrzehntbeginn und New Rave in der Mitte steht eine ganze Generation mit offenen Ohren parat. Zu offen womöglich: Viele Altelektriker wollen anscheinend nichts davon wissen und klagen statt dessen über Leere in den traditionellen Clubs.
Verkehrte Welt: Es war das Jahrzehnt der Außenseiter- The Teaches Of Peaches gleich zum Start, über James Murphy, Justice & Ed Banger, Hot Chip und M.I.A. bis hin zu Amanda Blank.
Rockende Elektronik war auch in den anderen Sektoren das zentrale Thema- zahllose Indie-Bands von Weilheim bis New York betrieben Klangforschung, wo Electric Boogie im Hiphop ohnehin selbstverständlich zu den Roots gezählt wird. Selbst über eine merkwürdige Renaissance von Prog Rock und -Metal schlichen sich elektronische Sounds bis in den letzten Winkel, während Madonna sich nur von den Besten liefern ließ um die Charts von Oben zu beschallen.
Im Bereich traditioneller Clubsounds begann das Jahrzehnt mit minimalistischen Clicks & Cuts. Selbst in diesem Sektor warf Ricardo Villalobs sämtliche Dress-Codes auf den Müll und bediente seine Decks als Jesus-Freak in Badelatschen, zählte aber soundtechnisch eher zu denen, die die klassischen Errungenschaften nochmal kompetent zusammenfassten. Ansonsten hie und da noch nette Überraschungen, wie von Ellen Alien & BPitch Control, wo auch Querköpfe wie Modeselektor vertreten werden.
Mit solcher Zweigesichtigkeit bleibt die Entwicklung weiterhin spannend: Was wird aus der Hooligan-Disco nach dem Einzug auf dem Massenmarkt? Wie reagiert die Old School? Oder kommt was ganz anderes?
Ohne Verständigung droht ein ähnliches Trauma wie im Metal der frühen 90er, als die Generation HC/Grunge auf der Szene erschien und die Altvorderen so ablehnend reagierten, dass die verhärteten Fronten bis heute weiterbestehen.

Hiphop: School is out?

Die Zeiten, wo spätestens alle 3 Jahre die nächste "New School" auftauchte, sind lange vorbei. Ein vernünftiger Grund für das inflationär praktizierte Lamentieren über angebliche Erstarrung ist das weniger. Sicher sind ca. 40 Jahre Beat-Science nicht mehr wegzudiskutieren, aber abseits der verbreiteten Phantastereien von Entwicklung mit Lichtgeschwindigkeit wird schnell klar, dass unter der Oberfläche doch so einiges ging im letzten Jahrzehnt- selbst bei den Großindustriellen:
Zu Beginn lieferte Timbaland ja bekanntlich noch durchaus einzigartige Beats für Missy, deren "Get Ur Freak On" mindestens ein Jahrzehnt-Hit, wenn nicht gar ein zeitloser Klassiker geworden ist, der noch lange als Inspirationsquelle für viele Kollegen gewirkt hat (remember Will Smith).
Ebenso kann man sich mal eingestehen, dass es trotz Omnipräsenz und Ausverkauf durchaus das Jahrzehnt der Neptunes gewesen ist. Diese begannen die Dekade damit, Kollegin Kelis ein 80ies-Elektro-Kleid zu schneidern, mit dem sie auch heute noch so manches Elektromädel alt aussehen lassen könnte, bevor sie selbst In Search Of N.E.R.D. demonstrierten, dass man mit einer undogmatischen Einstellung immer noch neue Sounds (Prog-Rock!) diggen und andere Perspektiven entwickeln kann. Dass danach Fließbandproduktion kam, macht die Errungenschaften nicht schlechter- außerdem waren in der Masse auch immer noch Sachen wie "Hollaback Girl" zu finden, mit dem Gwen Stefani ein eigener Freak geliefert wurde, während Missy ohne Tim nur noch Resteverwertung betreiben konnte.

Mindestens genauso groß war die Neo-Soul-Welle, die das Jahrzehnt gleich mit Erykah Badu's Jahrhundertwerk Mama's Gun eröffnete, während Common direkt nebenan seine Karriere mit "Like Water For Chocolate" startete und die Welt mit seinem Kumpel bekannt machte, der damals noch vorgestellt werden musste (und sogar noch selbst rappte): "Well my nigger's Jay Dee, where ya' at?" - "Here!" (Heat). Eine Ansage für das Jahrzehnt, denn J Dilla ist trotz posthumer Denkmal-Anbetung wohl unzweifelhaft der einflussreichste Hiphop-Künstler des Jahrzehnts gewesen.
Ebenfalls im Zusammenhang mit Soul/Consciousness müssen The Roots genannt werden, deren Kollege ?uestlove zu den einflussreichsten Leuten der Szene zählt.
Bruder im Geiste war und ist ein bleichgesichtiger Quereinsteiger, der sich vorsichtshalber erstmal mit Comic-Taktik als Dangermouse tarnte, um dann gleich mit dem "Grey Album" als Remix vom kurzzeitigen Vermächtnis des Big Pimps weltweites Aufsehen zu erregen. Worauf Brian Burton dann eine Allianz mit dem maskierten Knarzer MF Doom schmiedete, um als nächstes im Verein mit Ceelo Green als Gnarls Barkley 2006 einen mehrdimensional verschränkten Geniestreich hinzulegen, der auch noch eine Menge Geld einspielte.

Beim Stichwort (MF) Doom darf auch das Label Stones Throw nicht fehlen, das bekanntlich auch dem praktizierenden Visionär Madlib als Basis dient, den Nachlass von Dilla verwaltet und kürzlich noch Mos Def zurück in den realen Hiphop holen konnte, womit der Kreis zur Consciousness wieder geschlossen wäre.
Auch wenn Conscious Rap aus der dicken Hose gern verspottet wird, lässt sich wohl unschwer erkennen, dass die kreativsten Leute der Dekade aus dieser Schule kommen und mindestens aus Richtung Stones Throw auch in diesem Jahrzehnt noch so manches zu erwarten ist.

Dass die üblichen Verdächtigen (a.k.a. Jay-Z, Eminem, 50Cent, ...you name it) über die Jahre ihre Millionen einsackten ist hier nicht wirklich eine Nachricht, außer vielleicht der Tatsache, dass dies ohne allzu große Peinlichkeiten, Abdankungen und Generationswechsel vonstatten ging. Und das ist durchaus eine neue Entwicklung in einem Geschäft, dass die nächste Sensation gewohnheitsmäßig nur beim einem Newcomer sucht.

Ähnlich wie im Rock-Sektor gibt es im Hiphop eine hiesige Sonderkonjunktur, die einiges mit dem nach wie vor schwierigen Verhältnis zur Muttersprache zu tun hat. Die Geschehnisse lassen sich mühelos zusammenfassen mit der Titelzeile "Aufstieg und Fall von Aggro Berlin". Mit etwas Abstand ist da wohl auch die historische Mission sichtbar: Nachdem Rap über die 90er hierzulande fest in der Hand von Gymnasiasten gewesen ist, folgte nun der Nachweis, dass man auf Beats auch in Landessprache prollen kann. Eigentlich normal...
...allerdings ist ein Problem, dass hier die eine Monokultur von der anderen abgelöst wurde. Da bleibt interessant, welche Schlüsse demnächst daraus gezogen werden.

So weit, so Hiphop: Dass hier noch einige andere Geschichten erzählt werden könnten zeigt recht klar, dass das erste Jahrzehnt im neuen Jahrhundert ein richtig gutes für den Hiphop gewesen ist.

Rock: Back Into The Future

Am Ende des Jahrzehnts ist deutlich: Indie ist zurück. Und das ist ein langer Weg gewesen, den die Generation der 90er nicht geschafft hätte. Dort wurden unter dem Eindruck der globalen Techno-Blase noch ein paar Totentänze aufgeführt ("Postrock" geisterte herum) und zur Jahrhundertwende schien fast alles vorbei zu sein. Im damaligen Musikfernsehen ging noch längere Zeit etwas, das sich missverständlicher Weise Nu Metal nannte. Nicht wirklich neu, aber mit gutem Willen durchaus Metal. Ein erstes Signal für eine Entwicklung, in der Metal und (alternative) Rock immer mehr als zwei Seiten der gleichen Medaille wahrgenommen werden.
Ausgerechnet in Deutschland erlebte Indie-Rock allerdings in der ersten Jahrzehnthälfte einen nie dagewesenen Boom. Was allerdings in erster Linie mit dem stets schwierigen Umgang mit der Landesprache zusammenhängen dürfte. Hier hatte die Hamburger Schule einen gangbaren Weg aufgezeigt, den Kettcar und Tomte nutzten, um Grand Hotel Van Cleef zu gründen, was praktisch sofort Chartserfolg nach sich zog. Flankiert von Blumfeld und den Sportfreunden, die damals noch lange nicht in Richtung Stadion abgehoben waren formierte sich eine massive Welle, die spätestens mit "Guten Tag" (schon wieder 80ies-Keyboards!) von "Die Reklamation" (Wir Sind Helden) losrollte, bis schließlich alles mit der WM-Hymne der Sportfreunde überschwemmt wurde.

Jenseits des Atlantiks wurde im Umfeld von Peaches alter WG intensives Networking praktiziert. Broken Social Scene setzten ihren Namen in die Tat um und pflegten Kontakte, die kanadischen Indie in der ersten Hälfte des Jahrzehnts mit Arcade Fire vorneweg zu einer großen Sache machte, während in den Staaten Freak Folk Konjunktur hatte.

Für die dortige Entwicklung in der Dekade lässt sich wohl problemlos behaupten, dass das Rock-Recycling des Jahrzehntbeginns zu einem großen Teil von The White Stripes angeschoben wurde. Auch in New York begannen nach jahrzehntelanger Bedeutungslosigkeit Rock-Sounds zu brodeln. Der kometenhafte Aufstieg der Strokes und der Durchbruch von The Yeah Yeah Yeahs steht auch exemplarisch für das weltweite Punk-Revival zu Anfang des Jahrzehnts, mit dem eine Armada von The-Bands den Planeten umkreiste, deren wichtigste europäische Vertreter The Libertines gewesen sein dürften. Als ob zum Auffinden verschollener Artefakte die 80er nochmal nachgespielt werden mussten.

In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts fanden dann auch die alten Heiligen wieder zurück zu alter Stärke. Als Sonic Youth mit Rather Ripped tourten, klampfte im Vorprogramm ein ergrauter Indianer namens J. Mascis und kein Mensch ahnte, dass der Typ alsbald die auch für Zerstrittenheit legendären Dinosaur Jr. reanimieren und scheinbar mühelos an seine Glanzzeiten anknüpfen würde.
Ein derartiges Comback hätte 10 Jahre vorher womöglich kaum jemanden hinter dem Ofen hervorgelockt. Mittlerweile hatte aber eine ganze Generation sehr gern gerockt, sich dabei erfreulich wenig um frühere Absperrungen geschert und so über die Jahre eine recht unverkrampfte Basis für die Rückkehr von Indie-Rock gelegt.
Wesentlicher Unterschied zu früheren Zeiten war und ist allerdings, dass hier nichts mehr im ursprünglichen Sinne "independent" war. Sämtliche Combos starteten zumindest bei mittelständischen Unternehmen, die über beste Vertriebskontrakte mit den Multis verfügten oder unterschrieben gleich direkt bei der Großindustrie, die ihre Grunge-Lektion aus den 90ern nicht vergessen hat.

Nebenbei begab es sich, dass 2 Leute ihrer alten Band At The Drive In adieu sagten, um fortan als The Mars Volta lupenreinen 70ies-Prog-Rock zu veranstalten, der lange Zeit äußerst schlechte Presse hatte. Wobei ein schräger Vogel namens Jack Black dem Kinopublikum mit der "School Of Rock" das nötige Grundlagenwissen vermittelte. Das spannendste dabei: Applaus von überall- einige alte Denkverbote schienen sich verflüchtigt zu haben, was allerdings auch auf längere britische Vorarbeiten von Radiohead bis Coldplay zurückzuführen sein dürfte.

Ebenfalls eine Sonderentwicklung, aber eine mit Breitenwirkung, repräsentierten System Of A Down, die den HC-Style der 80er zu einer letzten Blüte verhalfen und sich Toxicity von Rick Rubin zum Jahrzehntwerk veredeln ließen, was einerseits gut zum Punk-Revival passte, andererseits dem NuMetal-Boom eine Schippe Dreck hinterher schmiss. Natürlich auch erwähnenswert, weil Rick Rubin in diesem Jahrzehnt endgültig zum unantastbaren Impresario aufstieg. Und solange er nach wie vor mit untrüglichem Instinkt solche Rosinen wie The Gossip aus dem Kuchen klaubt, kann man ihm noch nicht mal richtig böse sein.
Übrigens: Die Red Hot Chili Peppers sind die neuen Rolling Stones. Ganze Familien picknicken im Stadion und singen aus vollem Hals "Fight Like A Brave"...

Und Rock geht Elektro: Nicht genug damit, dass viele der angesagten Elektro-Bolzer ehemalige Indie-Rocker sind (Peaches, James Murphy, selbst Justice haben Band-Vergangenheit). Auch mit echter Stromgitarre wurde Annäherung geprobt. The Rapture, The Klaxons, Simian natürlich, hierzulande The Notwist- überall wurden Indie-Rockern die Ohren für elektronische Sounds geöffnet. Bis schließlich ein paar verspulte Londoner Indie-Nerds die Genre-Grenzen als Hot Chip so aufmischten, dass hinterher kaum noch wer wusste, was eigentlich mal Rock und was Elektronik gewesen war.
Solche Art Freigeist bietet beim Wechsel in die zweite Dekade des Jahrhunderts offensichtlich ein hübsches Betätigungsfeld für Offenherzige. Wenn man hört, was Amanda Blank und Ebony Bones draus machen, wird man das Gefühl nicht los: Da geht noch was.

Metal

In der instrumentalen Verwandschaft von Indie-Rock schien über die Jahre tatsächlich nichts Neues zu passieren. Auf den Titelblättern der einschlägigen Fachpresse scheinen gelegentlichen Betrachtern stets die üblichen Verdächtigen entgegen zu winken. Das Jahr 2009 beispielsweise verging komplett in Erwartung und Vorberichterstattung für alte Helden Marke Slayer, Kiss und Megadeth. Flankiert von ein paar versprengten Kämpfern aus den 90ern und alles andere folgt bestenfalls als kleine Randnotiz.
Immerhin beleuchten die jüngsten Aktivitäten von Slayer die Renaissance von Thrash Metal, wo es im letzten Jahrzehnt Bewegung mit einigen frischen Bands gegeben zu haben scheint.
Selbst Metallica bemühen sich, ihren Pop-Rock der 90er hinter sich zu lassen und üben sich in Rückbesinnung auf ihre alten (Thrash-)Wurzeln.

Metallica stehen aber auch überdeutlich für eine Entwicklung, die mit Metal direkt nichts zu tun hat. Zur Veröffentlichung von Death Magnetic war 2008 ihre mediale Omnipräsenz kaum noch zu ignorieren. Von Nachrichtensendungen über TV-Klatschmagazine bis zu Frauenzeitschriften stand fast das gesamte Medienspektrum schlange, um einen trockenen Alkoholiker zu interviewen, der von Waffengewalt und Verwüstung singt, während das Cover der Scheibe von einem Sarg geziert wird.
Wo sich sogar ein amtierender CSU-Minister als AC/DC-Fan bekennt (was ich durchaus zu glauben geneigt bin), wirft das ein Schlaglicht auf den Umschwung in der öffentlichen Wahrnehmung, der drastischer kaum sein könnte:
Der anderswo längst totgeglaubte Rock-Rebell kommt als massenkompatibler Posterboy zurück mit Kutte, zeigt der Welt Teufelshörner (unter Kennern der Materie auch als Pommesgabel bekannt) und ist auch als Actionfigur für Kinder im Grundschulalter zu haben. Das soundtechnische Stahlgewitter dient dem gemeinen Büroangestellten als Fronturlaub aus den Zwängen des Arbeitsalltags, während das bürgerliche Feuilleton in den gebrüllten Texten von Tod & Sühne die letzten echten Protestsongs zu hören glaubt. Ein interessierter Zeitreisender aus den 80ern würde angesichts dessen komplett an seinem Verstand zweifeln (falls er ihn nicht gleich verlieren würde).
Was letztlich ein extremes Beispiel dafür ist, dass die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts Pop verinnerlicht hat und mich durchaus vermuten lässt, dass all dies auch im nächsten Jahrzehnt noch für einige Überraschungen gut sein könnte.

OK Computer- hier ist die Revolution

Eine Revolution hat es im zurückliegenden Jahrzehnt sehr wohl gegeben- durchaus eine Weltrevolution von nie dagewesenen Dimensionen und massiven Auswirkungen auf die aktuelle Musik jeder Richtung. Allerdings: Diese Revolution betrifft die Produktionsbedingungen von Musik aller Art und hat mit neuen Sounds nichts zu tun. Symbolisch für die Entwicklung steht die Geschichte, dass sich ein Kid namens Shawn Fanning Ende der 90er für seine Kumpels ein kleines Tauschprogramm ausdachte, dieses Napster nannte und staunte, dass auch das Web 1.0 bereits für einen Welterfolg gut war.
Mehr Programme dieser Art folgten und mittels global verteilter Technik bekam die Musikindustrie zu spüren, was die (ehemalige) Kundschaft von Hochpreispolitik und gnadenlos verfolgten Urheberrechten hielt. Das Abstimmungsergebnis hatte teilweise vernichtende Ausmaße mit Umsatzeinbrüchen in bislang unbekannter Größenordnung. Es folgte ein juristischer Feldzug, der zunächst ein unschuldiges Dateiformat (mp3) verteufelte und nach einigen Jahren dann aber zu der Erkenntnis führte, dass es sinnvoll sein könnte, sich den Wünschen der zahlenden Kundschaft anzunähern. Mit bemerkenswerten Ergebnissen: Mittlerweile ist jedes neue Album auch als Download zu haben, wodurch sich der Marktpreis der gleichen Menge Musik im Vergleich zur Jahrhundertwende halbiert hat.
Entgegen anderslautender Propaganda bringt diese Entwicklung für die Künstlerschaft keineswegs nur Nachteile mit sich. Vielmehr haben spätestens die Plattformen des Web 2.0 ab der Mitte des Jahrzehnts neue Möglichkeiten eröffnet, von denen sogar auch die Musikindustrie profitiert. Beispielhaft sind die Internet-Karrieren von Lily Allen, Gnarls Barkley, The Arctic Monkeys oder Ebony Bones.
Noch immer sind viele Fragen offen, aber eins ist klar: Diese Technik hat die Musikwelt mindestens so stark verändert wie die Erfindung der Schallplatte 100 Jahre zuvor. Ausgestorben sind von mürrischen Musikpolizisten betriebene Spezialgeschäfte und der freundliche Nerd von nebenan, der sein cooles Wissen wie einen Schatz hortete, um den Wert seiner Durchblicker-Aktien auf dem Schulhof zu steigern.
Wo alle Infos nicht zuletzt dank Wikipedia höchstens 2-3 Klicks entfernt liegen, sind die Zeiten für Auskennertum und schnöseligen Distinktionsgewinn wohl vorbei. Entsprechend ist auch die Subkultur nicht mehr das, was sie mal gewesen war.
Wozu das alles noch gut sein könnte, wird auch in diesem Jahrzehnt eine spannende Frage bleiben.



Zentrale Platten

Anderswo wird krampfhaft nach den Platten des Jahrzehnts gefahndet, für mich ergeben sie sich fast nebenbei recht unvermeidlich vor dem Hintergrund dieser Geschehnisse (mit ein paar Ergänzungen).

Reihenfolge ohne irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Wertung- mit einer Ausnahme:


[amazon]

Peaches:
The Teaches Of Peaches

Ist als einsame Pionier- und Energieleistung, die der Entwicklung um Jahre voraus war, für mich die Platte des Jahrzehnts.


Und:

Erykah Badu: Mama's Gun
Clicks & Cuts
Akufen: My Way
System Of A Down: Toxicity
The Notwist: Neon Golden
The White Stripes: White Blood Cells
Missy Elliott: So Addictive
The Yeah Yeah Yeahs: Fever To Tell
Talib Kweli & Hitec: Reflection Eternal
The Strokes: This Is It
Kettcar: Du und wieviel von deinen Freunden
Nerd: In Search Of N.E.R.D.
The Libertines: Up The Bracket
Dizzee Rascal: Boy In Da Corner
The Mars Volta: De-loused In The Comatorium
Ricardo Villalobos: The Au Harem d'Archimede
Cat Power: The Greatest
Hot Chip: The Warning
Justice: We Are Your Friends, Cross
M.I.A.: Kala
Dinosaur Jr.: Farm
Sonic Youth: The Eternal
Gnarls Barkley: St. Elsewhere

Singles:
Get Ur Freak On
We Are Your Friends
Die Reklamation


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