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Pop

Pop ist tot?

Das hatten wir doch irgendwo schonmal gehört. Und zwar vor längerer Zeit. Dass nach dem Ableben des sogenannten "Königs", jetzt angeblich auch "der Pop" zu Grabe getragen sei, ist nicht ganz unlustig. Wenn da nicht zufällig auch De:Bug kurz zuvor den "Pop am Nullpunkt" aufgefunden hätte. Ach ja: "Pop-Diskurs"- den hatten wir schon eine Weile nicht mehr. Da lieferte Michael Jackson (R.I.P.) ein treffendes Symbol für ein riesiges Trümmerfeld...

Es gibt wohl kein zweites Kulturphänomen, das auf so viel Unverständnis stößt, wie Pop(musik). Und das nach einem geschlagenen halben Jahrhundert Vorgeschichte. Dabei könnte allein der mindestens fünfte Frühling einer ehemaligen Randsportart namens "Punk" die beruflich zuständigen Kreise durchaus auf den Gedanken bringen, dass "der Pop" an sich möglicherweise der zentrale Lebensaspekt im Informationszeitalter des 21. Jahrhunderts sein könnte. Falls man sich denn darauf einigen kann, etwas derartig vielschichtiges wie Pop(kultur), so grob zu vereinfachen.

Und schon sind wir mitten drin, denn die bildungsbürgerliche Wissenschaft hat während der letzten Jahrzehnte (fast) nichts zur Entwirrung von Techniken, Formensprachen und Zeichensalaten beigetragen. Nur ein paar soziologisch interessierte Zirkel führen im akademischen Hinterzimmer ab und zu Debatten auf, die sie "Pop-Diskurs" nennen.
Eigentlich kein Wunder, dass auch in diesem Jahrhundert alte Klischees fröhliche Urstände feiern. Anlässlich des Todes von Michael Jackson zwar eine Einzelmeinung, aber eine typische. Deswegen mal die Kernaussagen:
Als Grabbeigabe "verbürgt ist allerdings der Pop, die Allerweltskultur des 20. Jahrhunderts. Wer genau hinsah, erahnte, was sich hinter diesem einfältigen Wort einmal verbarg."
"Es ging (...) darum, ihn zurück zu holen aus einer längst ausgebrannten Popkultur und aus dem Wahnsinn seiner letzten 15 Jahre, um ihn würdig zu entlassen".
Es sprachen "ehemalige Kinderstars wie Stevie Wonder und Brooke Shields, die aus dem Pop herausgefunden haben in ein rechtschaffenes Künstlerdasein"
*Ogottogott* Pop ist also der Babystrich des rechtschaffenden Kunstbetriebes.
Keine Angst, ich werde nicht versuchen, den Müllberg zu beseitigen, den Generationen von Theoretikern mit (offensichtlich nutzlosen) akademischen Traktaten angehäuft haben. Etwas Mülltrennung kann aber nicht schaden, wenn man was finden will.

...und da gäb's einiges zu besprechen:

Vielleicht erstmal ein Rundgang durch die Web-Galerie. Mit Fragen an den Pop- denn die fangen sofort im Grundsatz an:

Was ist eigentlich Pop?

(Und wenn ja, wieviele...) Mit Personen ist's einfacher:
Dass die hier Pop ist, würden wohl alle unterschreiben.
Wie sieht's mit dieser Dame aus? Kein Pop?
Und wie- denn sie ist eine derjenigen, ohne die Pop nicht das wäre, was du heute zu kennen meinst.
Was ist mit dieser Combo? Tatsächlich genauso Pop wie solche Mannen?
Und was ist mit denen? Nicht? Warum eigentlich?

OK- was einfacheres: Das ist wohl recht unzweifelhaft Pop.
Aber sowas hier? Womöglich auch...
...und was ist mit diesen Leuten? Kein Unterschied zu Britney? Oder doch?

Und wo sich hiesige Rapper seit einiger Zeit immer wieder gern mit ihrem Heimatland beschäftigen, wären diese Zeitgenossen dann doch auch Pop?
Oder die?

Überall: Sowas ist auch Pop. Und das. Dann dieser Laden doch wohl auch? Oder der?
Dies hier aber?
Was würde der Präsident dazu sagen?

Die Antwort auf alle diese Fragen ist übrigens: JA.
Das ist alles Pop.
Und eine solche Müllhalde entsteht nur aus einem Grund: Wenn Pop mit "populär" übersetzt wird. Ein reichlich nutzloses Unterfangen und zumindest kunsthistorisch schlicht falsch (das hat der hier zitierte Brockhaus schon vor 30 Jahren gewusst...).

Pop Out

Bei einem deartig populären Missverständnis erlaube ich mir mal ein wenig Besserwisserei: Dass der Begriff ein Crossover aus der bildenden Kunst (a.k.a. Pop-Art) ist, dürfte bekannt sein. Beim ersten Auftauchen des Begriffs in den 50ern des letzten Jahrhunderts waren die Künstler, die derartiges praktizieren dicht am Dada und ziemlich underground- "populär" war dort gar nichts. Die oft als erstes Pop-Art-Kunstwerk betrachtete Collage des Briten Richard Hamilton (1956!) verwendet das englische sound-word "pop", was hier Kunst mit Überraschungs-/Knalleffekt ("Plopp!") meint und die mittels Collage-Technik gepflegte Trash-Ästhetik ironisiert.

Pop-Musik

Ein paar Jahre später war die musikalische Verwendung wohl wieder britischen Ursprungs. Denn dort wurde zu Beginn der 60er ein eigener Sound gefunden, den es damals nirgendwo sonst gab: Beat, was sich ob des Welterfolges für einige Zeit als eingänges Wort für neuere Gitarrenmusik einbürgerte- das Kürzel "Rock" war damals noch nicht gebräuchlich. Die BBC beschloss 1964, dem ein eigenes Sendeformat zu widmen: Top Of The Pops (was sinngemäß gerade nicht als "das populärste Lied", sondern eher als "der größte Knaller" übersetzt werden müsste).
Alles so neu, dass das erste deutsche Format eben nicht "Pop-Club" hieß, weil sich damals keiner was drunter vorstellen konnte, sondern Beat-Club.
Die folgende Beatlemania führte im gleichen Jahr zur British Invasion in Nordamerika, während es auf der Insel immer weiter ging.
Bis heute ist eigentlich recht offensichtlich, dass schlicht die Worte fehlten, um zu beschreiben, was da so fröhlich explodierte. Obwohl auch jeder Rentner sofort merkte, dass der Beatles-Sound etwas anderes war, als der amerikanische Rock'n'Roll der 50er.
Bis heute spürbar: Die Begriffe Pop und Rock sind nicht mehr und nicht weniger als eine erste Grobeinteilung des Soundtracks für die (damals) neue Jugendkultur der 60er.
Und die Gleichung ist wohl schlicht: (Top Of The) Pop=Beatles, Rock=Stones. Möglicherweise, weil man rüdes Gehabe ja schon von den halbstarken Rock'n'Rollern der 50er kannte.
Etwas später wurde die Wortschöpfung Pop endgültig als Warenzeichen am weltweiten Musikmarkt etabliert, als professionelle Manager der Musikindustrie zusammen mit bereits etablierten Künstlern im Frühsommer 1967 eine Industriemesse veranstalteten, die den Titel Monterey Pop Festival trug. Dort wurden mit großem Medienrummel vielversprechende neue Produktlinien getestet- bekanntlich mit großem Erfolg: Die dortigen Auftritte gelten als Startschuss für die Weltkarrieren von Künstlern wie Janis Joplin und Jimi Hendrix.

Einheit?

Musikalisch war auch der Hippie-Generation schon in Monterey klar, dass die betulichen Mamas & the Papas mit ihren gefühlsseligen Chören wenig mit einer Janis Joplin gemeinsam hatten, die sich die Seele aus dem Leib schrie. Ebenso dürften sich die Fans des rührenden Folk-Duos Simon & Garfunkel über einen Jimi Hendrix gewundert haben, der seine Gitarre zuerst als Sexspielzeug behandelte und dann anzündete. Und sowas wie den jungen Mann dort rechts hatte man gar nicht erst eingeladen (falls der denn hingegangen wäre).
Praktisch vom Start weg galt das Wort Pop für geradezu gegensätzliche Stilistiken- und zwar wohl in erster Line aus Vermarktungsgründen. Die Industrie brauchte ein Warenzeichen für alles, was gerade irgendwie neu war. Und das war einiges- allerdings hauptsächlich Rock. Denn wie schon in Monterey zu sehen war, legte das Genre eine Zellteilung nach der nächsten hin: Blues-Rock, Folk-Rock, Country-Rock, Psychedelic Rock, Hard-Rock, Jazz-Rock, Prog-Rock, ...

+ Art

Es ist nicht überliefert, in wie weit es ein schlichter Zufall war, dass Pop in der bildenden Kunst zu jener Zeit ebenfalls das Schlagwort für das Neueste und Coolste war. Jedenfalls trug der omnipäsente Andy Warhol im gleichen Jahr seinen Teil dazu bei, Pop zum weltweiten Kampfbegriff für den Aufbruch einer ganzen Generation zu machen.
Damit wurde die Sache zum Selbstläufer, denn das Wort an sich war als knappes Kürzel viel zu praktisch und zu sexy, um es schnell wieder wegzuwerfen. Woodstock war ein klares Symbol für das Erreichen der kritischen Masse nicht nur am Musikmarkt.
Warhol selbst zählte zu den ersten, denen die Pop-Inflation ziemlich auf die Nerven ging- und karikierte seinen eigenen Ansatz, in dem er den elektrischen Stuhl zu Pop-Art verarbeitete (um sich zu amüsieren, wie sich beflissene Kunstliebhaber das Mordinstrument ins Wohnzimmer hängten).

Wissenschaft?

Die Musikwissenschaft steht der Entwicklung bis heute mindestens ratlos, wenn nicht gar ablehnend gegenüber (immerhin gibt es wenigstens darüber eine Studie). Eine musikhistorisch und kulturwissenschaftlich wohl einmalige Entwicklung nach über 50 Jahren.
Kennzeichnend ist immer noch sowas hier. Der bekannte Dirigent Justus Franz verfasst ein Buch über "die Musik", wobei die Klassik ganz selbstverständlich Alleinvertretungsanspruch erhebt. Nach wie vor die akademische Perspektive: Wo ist in diesem (musikwissenschaftlichen!) Bibliothekskatalog Pop?
Gerade dann, wenn man mal versuchsweise die ignorante "Gleichschaltung" aller Stilistiken und Kulturtechniken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Begriff Pop-Musik mitmacht, müsste auffallen, dass der allgegenwärtige Pop nicht erst seit gestern die absolute Mehrheit besitzt- im Vergleich mit Pop ist alles andere Nischenkultur.
Einzigartig: Gibt es einen anderen Wissenschaftszweig, der mit der Realität nichts zu tun haben will?

Kunst?

Entsprechend ungeklärt ist offensichtlich, was PopMusik mit Kunst zu tun hat. In den Medien fühlt sich jeder Lokalredakteur befähigt, nebenbei auch Musik zu besprechen und eine Anzahl meinungsmachender Akademiker ist jederzeit der Ansicht, Pop als primitiv, billig oder sonstwie minderwertig klassifizieren oder gar schmutzig denunzieren zu können. Während man angemessen findet, dass die einzig regelmäßige Berichterstattung im Fernsehen als Kinderprogramm praktiziert wird. Tragisch dabei: Pop ist das egal.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Techno-DJ Robert Hood das Grundsatzprogramm formuliert hat: Minimalismus.
In der bildenden Kunst sind solche Reduktionsprozesse spätestens mit dem Aufkommen des Expressionismus und damit seit über 100 Jahren erledigt. Niemand würde einen Mondrian als wertlos betrachten, nur weil jedes Kind bereits im Vorschulalter genauso gut Rechtecke malen könnte.
Auf musikalischer Ebene rotiert hier ein schwarzes Loch- anscheinend sind auch die einfachsten Fragen noch nicht mal gestellt worden. Falls die Musikwissenschaft jemals grundlegendes zum Thema Pop beizutragen hatte, ist es zumindest im Netz nicht zu finden.
Entsprechend ist die beste Erklärung von Pop bei der bildenden Kunst zu finden, die abseits vom Marketing die einzige Wissenschaft zu sein scheint, die Pop jemals ernst genommen hat.

The Main Ingredient

In der Schweiz wird eine schöne Materialsammlung zum Thema Pop-Art aufbewahrt, aus der ich einen Lexikonbetrag von Bazon Brock herausgreife, der genau erläutert, wie Pop funktioniert. Zentrale Punkte:
  1. Pop ist "ein programmatisches Konzept für den kulturellen Wandel überhaupt".
  2. "Der Grundzug der Programmatik einer Popkultur ist es, die Unterscheidung zwischen Subkultur und Hochkultur, Massen- und Elitekultur, U- und E-Kultur aufzuheben". Weg mit den Eliten- eine der ältesten Forderungen der Menschheit.
    (Siehste: DIY ist politische Praxis.)
  3. Ziel: "Durch die künstlerische Bearbeitung massenkultureller Erscheinungen eben diese Massenkultur" zu einem "neuen eigenständigen System kulturellen Lebens" zu entwickeln.
  4. Übrigens: Pop "forcierte sogar die Wegwerfmentalität, um zu zeigen, dass das blosse Habenwollen und Besitzen von Gütern (und Wissen) diesen noch keine Bedeutung sichert. Wegwerfen als eine «Gymnastik gegen das Habenwollen»"
  5. Erfolg: Die "Massenkommunikation" (v.a. Werbung) verlangt heute "von dem nichtprofessionellen Adressaten Reflexionsleistungen, die noch vor 25 Jahren nicht einmal dem Bildungsbürgertum zumutbar waren".
Also: In unserem heutigen Alltag ist mehr Kunst, als in einem akademischen Kunstseminar der 60er Jahre. Mittlerweile können wir alle Kunst, jederzeit. Das ist tatsächlich eine Revolution- und keiner hat's gemerkt.
Wenn Du so willst: Pop hat gesiegt.

Meta-Pop

Nochmal anders zusammengefasst:
  • Pop ist ein Kunstkonzept aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, das vor allem die Situation der 60er Jahre spiegelt.
  • Dabei kommen sämtliche Kulturtechniken der damals modernen Zeiten zum Einsatz: Bildende Kunst, wobei explizit mit den Ausdrucksformen der Massenproduktion experimentiert wird (Warenform, Produkt-Design).
  • Entsprechend interessant sind moderne Techniken der Musikproduktion.
  • Kommunikationsformen und -techniken werden einbezogen (Happenings, Performance, Situationismus)
  • Vor allem Massenmedien: Zeitungen (Collage), Fernsehen/Video
  • +++ "Jeder ist Künstler" (Joseph Beuys)
Pop ist die erste Kunstform, die all dies zusammen denkt, mit allem gleichzeitig experimentiert und so alle vorher getrennten Kunstformen und Kulturtechniken integriert. Pop ist die Metakunst des Informationszeitalters und weil auch der Aspekt Lebenskunst enthalten ist, lässt sich Pop problemlos auch als allgemeines Konzept für moderne Zeiten betrachten.
Für Debatten aller Art ist ein derartiges Meta-Konzept recht unerfreulich. Denn so wird Pop zum Wackelpudding, sobald man versucht, alles aufeinmal definitionstechnisch an die Wand zu nageln. Sobald ein Teilaspekt gegriffen zu sein scheint, lässt Pop quietschvergnügt an ganz anderer Ecke 99 Luftballons steigen.
Sowas zwingt zu Denksport.

Pop-Diskurs: Sind wir alle subversiv?

"Pop geht es nicht gut", schreibt Mercedes Bunz Anfang 2006 in De:Bug. Ganz nett & witzig, aber ein Satz, den eigentlich nur verstehen kann, wer über die 90er Jahre einige Debatten von und mit der damaligen Spex-Redaktion mitbekommen hat. Inzwischen aber durchaus staubtrockene Old-School aus dem akademischen Hinterzimmer. Alle anderen fragen sich, ob vielleicht irgendwer mtv bombardiert hat.
War ja nicht, auch wenn's dem Sender schonmal besser ging- aber das ist eine andere Geschichte. Denn Pop ging's auch 2006 ganz allgemein eher prima und jetzt erst recht.
Mercedes weiter: "Es herrscht komplettes Chaos. Die Popkultur hat ihre grundlegende Richtung verloren. Links ist man beleidigt, dass Pop nicht mehr kritisch ist. Rechts reklamiert man neoliberal gerüstet dafür die Reste der ehemaligen Rebellion für sich, um sich einen schicken Anstrich zu geben. Man steht also vor jeder Menge Missverständnissen, man kommt mit dem Aufräumen kaum hinterher."
Stimmt irgendwie- das mit dem Chaos, das mit den Missverständnissen auch, trotzdem ist die Lage erstmal viel einfacher, als Pop-Diskursler meinen: Alle wollen Pop, alle benutzen Pop und deshalb wird Pop täglich massenweise angeliefert- Pop ist überall. Von Gebrechlichkeit keine Spur.
An Chaos und Missverständnissen ist der Pop-Diskurs wohl leider selber schuld. 30 Jahre nach dem Heraufziehen der Debattenfront könnten dann doch mal ein paar kritische Fragen gestellt werden.

Grundlegende Richtung? Tja, welche war das nochmal schnell? Und vor allem wann? Ob Kid Rock wohl das gleiche meint, wie Erykah Badu?
Ob Phil Collins in den 80ern Black Flag gehört hat?
Eher nicht.
Und in den 60ern lieferten sich im Britannien die Mods mit Rockern Straßenschlachten...
...und im Hier & Jetzt bringt Beth Ditto lässig mehr Subversion auf die Platte, als es sich ein paar Wave-Milchbubies träumen ließen, die Anfang der 80er P!0!P! schrieben und hier die musikjournalistische Intelligenzia dazu inspirierten, Pop zu diskutieren.

Geräusche für die 80er

Geräusche für die 80er In diese Zeit muss man wohl zurück, um das Phänomen Pop-Diskurs mit seinen Eigenheiten zu sehen. Genau das macht Christoph Rauen der sich die Zeit nimmt, die Argumentationen der "Poplinken" auf deren Spielfeld genauso akademisch zu analysieren, wie diese selbst gern sprechen. Eine gründliche und vor allem sehr realistische Ausarbeitung, was und wieviel die "Popisten" mit Postmoderne/neuerer französischer Philosophie, Ästhetik, Klassenkampf, Medien und der damals jungen Punk-Generation zu tun haben.
Nebenbei sollte mittlerweile wohl noch angemerkt werden, dass diese Sportart hierzulande über 2 Jahrzehnte von der Spex-Redaktion intensiv gepflegt wurde, was deren Herausgeber Diedrich Diederichsen zur berühmt-berüchtigten Figur machte.

Zentrales Leitmotiv im Pop-Diskurs ist bekanntlich der als "Scheitern" wahrgenommene Marsch der 60er-Generation durch die Institutionen. "Auf die 'Verneinung des Bestehenden', wie sie die Frankfurter Schule und die 68er gefordert hatten, antwortet man nun mit der 'euphorische[n] Bejahung alles neuen Wirklichen' (Diederichsen), was zur subtilen Form des Widerstands hochstilisiert wird." (Christoph Rauen)
In dieser Euphorie ging allerdings über Bord, dass Pop schon bei seiner Entstehung 20 Jahre zuvor nur teilweise subversiv gewesen ist. Im beginnenden Zeitalter des Musikfernsehens zwei Jahrzehnte später stimmte das noch weniger.
Das scheinen sogar die frühen Popisten geahnt zu haben- Christoph Rauen dokumentiert eine Antwort der damaligen Sounds-Redaktion (wo auch Diederichsen zunächst tätig war) auf den Leserbrief eines Altrockers, in dem die Situation der frühen 80er so beschrieben wird: "Der Kapitalismus herrscht und hat sich all die alternativen Werte zu eigen gemacht. Hippies sitzen in der Regierung (...) Der Bundespräsident trägt längst eine 'Jute statt Plastik'-Tüte." (Die Grünen waren damals noch "underground" und die Jutetasche ihre Ikone ;-)
Wer sich hinzusehen traut, erkennt: Schon damals Pop für alle- es sollte nochmal 20 Jahre dauern, bis sich Diederichsen spürbar angewidert die Frage stellte: "Alles ist Pop?" Und dabei die vielzitierte Einteilung präsentierte, die guten, alten Underground-Zeiten als Pop I und die aus seiner Perspektive neue Entwicklung einer "abendlandverschlingenden Verblendungsmelange" als Pop II. Wobei er sich durchaus über die "unzulässige Vereinfachung kultureller Phänomene" beklagt.
Mittlerweile kann festgestellt werden: Bereits die Setzung von Pop als (fast ausschließlich) gegenkulurelles Phänomen war schon eine solche Vereinfachung. Eine, die leider auch die bürgerliche Ignoranz der 60er fortschreibt, nach der Captain Beefheart mit Nancy Sinatra gleichgesetzt werden könnte.
Resultat ist eine bis heute andauernde Begriffsverwirrung, die vor jedem Gebrauch des Wortes "Pop" zu definitorischen Klimmzügen zwingt.
Denn bei alldem ist charakteristisch, dass die Pop-Debattanden gerade keine allgemeine Poptheorie entwarfen. Was aber niemanden davon abhielt, Definitionsmacht und Alleinvertretungsanspruch aufzuführen. Erst Anfang 2009 dämmert De:Bug, dass der Pop-Diskurs vor allem eins ist: Subkulturtheorie.
Na bitte. Eine solche ist bis heute wichtig und wir verdanken ihr grundlegendes Verständnis, wie moderne Musik funktioniert, die mehr kann und will, als etwas Amusement für Zwischendurch zu liefern. Aber: Das alles ist eben nur ein Teil von Pop- und spätestens im 21. Jahrhundert wohl nur der kleinere.
Was andersrum auch bedeutet, dass man mit den alten Erklärungsmustern des Pop-Diskurses Spex'scher Prägung im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends womöglich nicht mehr allzuviel ausrichten kann. Entsprechend unschlüssig sitzen die verbliebenen Diskursler im Frühjahr 2009 am De:Bug-Roundtable herum. Womit sich der Kreis zur eingangs zitierten Mercedes Bunz schließt. Denn Pop geht's ganz allgemein wohl besser denn je- der eigentliche Patient ist der akademische Pop-Diskurs der deutschen "Poplinken" des ausgehenden 20. Jahrhunderts (Sorry, Jungs...)

Handicap & Elfenbein

Erwähnenswert ist daher auch ein recht deutscher Aspekt der Cultural Studies. Denn besonders in der umarmten Punk-Szene der 80er stand von Anfang auch das akademische Niveau in der Kritik, auf dem die Meinungsführer des Pop-Diskurses ihre Wortbeiträge ansiedelten. Die Selbstironie vom Spreeblick ("Ich bin zu blöd für Diederichsen") ist da noch die freundliche Variante.
Christoph Rauen ergänzt Soziales: "Die Autoren um Diederichsen entdecken das 'handicap-Prinzip': Distinktionsgewinn kann einfahren, wer es sich leisten kann, Zeit, Geld und Begeisterung für (...) scheel angesehene Zeichen aufzubringen."
Gleiches bemerkt die Frankfurter Rundschau Anfang 09 zu Animal Collective: "Diese avancierte Zitattechnik lässt auch im digitalen Zeitalter noch immer auf Bildung und Privilegien schließen. Es ist eine Musik, die nach einer schönen, äußerst informierten Ortlosigkeit klingt, nach einer Freiheit, die sich vielleicht viele bald nicht mehr leisten können werden."
Das galt auch schon in der Vergangenheit. Es zählt zu den Lebenslügen der Nerds, dass man sich für "andere" Musik einfach nur zu öffnen bräuchte. Investitionen in eine umfängliche Plattensammlung konnten sich immer schon nur Kinder mit viel Taschengeld leisten. Der Nerd war (und ist noch) ein Bildungsbürger.

Standardorbit

Erst das Wachstum des Internets könnte daran grundlegendes ändern. Testcard-Herausgeber Martin Büsser ist weit und breit der Einzige, der auf der Müllhalde eine zeitgemäß-realistische Einschätzung hinbekommt (außerdem dürfte er im poptheoretischen Elfenbeinturm auch der Einzige sein, der als Schreiber für das Hardcore-Fanzine Zap mehr Subkultur pratkiziert hat als die akademischen Salonrebellen zusammen). Er bilanziert für das schweizer Mag kommerz: "Das, was einmal als Underground bezeichnet wurde, ist nicht weggebrochen, es handelt sich lediglich nicht mehr um das Geheimwissen einer subkulturell verschworenen Gemeinschaft." Und:
"Das Exklusivwissen der Fanzines und der ausgrenzende Habitus von Pop-Eliten wie »Spex« ist nicht zuletzt dank des Internet von einer Offenheit abgelöst worden, die es jeder und jedem jederzeit möglich macht, Musik jenseits des Mainstreams zu entdecken."
Entsprechend sieht Martin Büsser die aktuelle Musik auch keineswegs in der Krise: "Nie hat es so viel gute, interessante, spannende Musik und Subszenen gegeben wie in den letzen Jahren" (der Text ist von 2007), "(...) nie zuvor in der Geschichte der Popmusik war es so einfach, auf so viele gute Bands zu stossen".
Und das hat weitreichende Konsequenzen: Subkultur/Underground existiert nicht mehr- "es ist ja nichts, was sich im Verborgenen abspielt" (Büsser). Stell dir vor es ist Revolution und keiner merkt's.
"Trotzdem hört das Gespenst der popkulturellen Rebellion nicht auf zu spuken", stellt Mercedes Bunz fest, denn es wird wohl noch eine Weile dauern, bis sich dieses Denkmuster verflüchtigt hat. Zukünftige Rebellen werden wohl nicht mehr hauptberufliche Musikanten sein.

Wo sind wir jetzt?

Eine Antwort kommt lustiger Weise von der "neuen" Spex. Dort fragt Maurice Summen Peaches:
"Was blüht diesen Stars der Gegenwart? Nur die berühmten 15 Minuten Warhol’schen Ruhms?
(Peaches:) Neulich habe ich aus meinem Fenster in Prenzlauer Berg geblickt und gedacht: Guck’s dir an, da unten läuft der Geist von Andy Warhol vorbei. Jeder rennt heute herum wie ein Popstar, überall sieht man Graffitis, die Werbung ist allgegenwärtig! Man kann gar nicht mehr erkennen, was ein Witz ist und was ernst gemeint ist. Was ist Popkultur – und was ist Werbung, die mit den Mitteln des Pop für ein Produkt wirbt? Wenn Warhol das sehen könnte: Er würde sich kaputtlachen. Die ganze Gesellschaft ist durchironisiert!"
Das ist die Verwunderung der womöglich letzten Künstlerin, die sich auf die harte Tour durch die Underground-Spelunken boxen musste, während die planetare Musikindustrie das Web 1.0 bombardierte.
Spätestens das Web 2.0 hat die Zugang und Verfügbarkeit von Pop nochmals drastisch erhöht und damit abgeschlossen, was schon vor 20 Jahren absehbar war: Pop hat auf dem gesamten Planeten Alltag und Gesellschaftsschichten durchdrungen und ist damit zur womöglich ersten echten Weltkultur der Menschheitsgeschichte geworden. Angesichts dieser mehrheitlich-umfassenden Akzeptanz ist Pop zu einer Größe angewachsen, mit der das Wort "Pop" keine gesonderte Kulturform mehr benennt- alle Kultur ist (auch) pop und Pop ist DIE Kultur. Damit hat sich Pop selbst abgeschafft- der Gebrauch des Wortes ist eigentlich überflüssig.
Das Diskutieren sicher nicht. Angesichts mehrfach gekrümmter Dimensionen bringt es aber nicht sehr weit, wie in der Vergangenheit ständig alles aufeinmal diskutieren zu wollen. Wenn mir ein Gemälde nicht gefällt, diskutiere ich schließlich auch selten oder nie darüber, ob sich jetzt "die Kunst" in der Krise befände. Meta-Sauce hilft nicht weiter.
Hier wäre zuerst schlichte Normalität herzustellen: Auf der Müllhalde wäre es schonmal ein Anfang, wieder von Design, Musik, Subkultur, bildender Kunst, Ökonomie, Medien oder Technik zu sprechen, wenn dazu was gesagt werden soll. Wenigstens in der Musik: Hören wir endlich mit dem Unsinn auf, Lady Gaga mit Slayer in einen Topf zu werfen oder so zu tun, als ob Freak-Folk und Electro-Clash das Gleiche wären.
Pop ist kein Musikstil.

Bis auf weiteres genieße ich wie Martin Büsser die neuen Zeiten und sehe dem Nerd beim Aussterben zu- denn er hat inzwischen keine Chance mehr, sein "cooles Wissen" in seine Privatschatulle einzusperren. Musik scheint der erste Bereich zu sein, den das Web tatsächlich demokratisiert hat. Aber darüber können andere theoretisieren ;-)


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