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[ Progressive Rock ]

What the prog...

Progressive Rock ist keineswegs ausgestorben, sondern war anno 2009 wieder mal eine vielzitierte Angelegenheit, ob bei Them Crooked Vultures oder Mastodon. Erstaunliche Aktualität für das ehemalige Hassobjekt mehrerer Punk-Generationen. Prog war der Hauptschuldige für Pathos, Bombast, Kunsthandwerkertum, bildungsbürgerlichen Konservativismus, Freudlosigkeit und endete als Synonym für die Versteinerung der alten Hippie-Ideale zu staubigen Museeumsstücken ohne Realitätsbezug. Eltern warnten ihre Kinder, so dass Progressive Rock schließlich als Untoter durch mehrere Jahrzehnte spukte...

... bis alte Feindschaften und Grabenkriege in diesem Jahrhundert in Vergessenheit gerieten und retrotechnische Ausgrabungsarbeiten seltsame Artefakte zutage förderten:

"Wenn ich Punk richtig verstanden habe, dann muss er provozieren und zertrümmern, damit er befreien kann. Provozieren kann ich heute nur noch mit Prog. Es ist vielleicht der neue Punkrock, verstehst du?" Omar Rodriguez (The Mars Volta) 2005 zur taz.

Auch wenn hier die altbekannte Pop-Mechanik zum Einsatz kommt, die jeweilige Vorgängergeneration mit den Späßen der vorletzten zu nerven, versteht man diese finale Metaverschwurbelung nicht wirklich. Schließlich ist Progressive Rock das überlebensgroße Monument für das totale Missverständnis von Pop. Oder besser: Das Missverständnis dessen, was Kunst in der Musik bedeutet. Vieles davon ist auch nach Jahrzehnten immer noch nicht ausgeräumt und dadurch immer wieder brennend aktuell.
In den Köpfen war das Kunstverständnis von Progressive Rock niemals tot, obwohl der Sound beerdigt schien. In Zeiten, wo manche meinen, außer Retro würde nichts mehr passieren ist es eigentlich kein Wunder, dass sich auch dieses Grab wieder öffnet.
Im ersten Schreck scheint es so auszusehen, als ob historische Irrtümer fröhliche Urstände feiern während im Dunkel der Geschichte ein Dickicht aus Legenden, Lebenslügen, Vorurteilen und Hypes der ersten Generation Pop wuchert, das die Musikarchäologie anscheinend immer noch nicht entwirren konnte.
Ein guter Grund für den geneigten Musikfreund, selbst die Schaufel in die Hand zu nehmen. Sofort entpuppt sich dabei bereits die Begrifflichkeit Progressive Rock als fragwürdiges Konstrukt.

Progressive Rock- warum eigentlich?

Für heutige Zeitreisende kann durchaus amüsant sein, dass auch Prog-Fans inzwischen nicht mehr so genau wissen, was an dieser Musik eigentlich progressiv (gewesen) sein soll. Die realistischen unter ihnen weisen dieser Tage darauf hin, dass es Prog-Rock gibt, der keineswegs progressiv ist und plädieren dafür, Progressive Rock als schlichte Genre-Bezeichnung wie Hiphop zu betrachten. Das entspricht zwar durchaus dem Sprachgebrauch, beim Blick unter die Oberfläche bleibt die Angelegenheit aber hochproblematisch. Prog ist wohl nach wie vor das einzige Genre der zeitgenössischen Musik des letzten halben Jahrhunderts, das mit dem Anspruch auftritt, den Fortschritt gepachtet zu haben. Was dieser Tage allein schon begriffslogische Probleme macht:
Schließlich liegen die Ursprünge von Progressive Rock in den wilden Sixties des letzten Jahrhunderts und man muss sich aus heutiger Perspektive tatsächlich mal wieder daran erinnern, dass das funkelnagelneue Phänomen Pop gerade erst 1967 im "summer of love" erschienen war. In branchenüblicher Lautsprecherei war Pop damals also ganz allgemein und auf gesamter Breite nicht nur ein wenig "progressiv", sondern schlicht revolutionär- hier stimmt das tatsächlich mal.
Warum dann noch die Progression der Revolution?

In allen Erklärungsversuchen finden sich bis heute Formulierungen, dass Progressive Rock "simple Strukturen" und Schemata der Pop-Musik aufgebrechen und erweitern wollte. Wer hier das alte Vorurteil herausliest, Pop sei primitve Funktionsmusik zur verkaufsfördernden Beschallung von Tanzveranstaltungen Heranwachsender im zeugungsfähigen Alter, liegt leider genau richtig- die Wurzel dieses Vorurteils ist so alt wie Pop selbst.
Und hat eine soziale Kompetente: Die Strukturierung der aktuellen Musik wurde in Zeiten der "Studentenbewegung" zuerst von den klassisch vorgebildeten Kindern des Bildungsbürgertums als Problem empfunden. Wo ohnehin die gesamte Welt zur Revolutionierung anstand, musste sowas erst recht überwunden werden und dem Publikum "echte Kunst" demonstriert werden- das konnte in dieser Vorstellungswelt nur Klassik sein (und solche Ansichten sind bis heute weit verbreitet).
Genau das war der Ansatzpunkt von Progressive Rock und die akademischen Mehrheitsverhältnisse zementierten diese Ansicht als "state of the art" für die kompletten 70er. Generationen von Gymnasiasten wuchsen mit dem Gedanken auf, dass Genesis und Pink Floyd "was Anständiges" seien und T.Rex oder Suzie Quatro schlichte Volksverdummung (von Donna Summer/Disco ganz zu schweigen). Kraftwerk? Nichts als ein Witz...

Pop Art?

Aufgrund der Hartnäckigkeit dieses Vorurteilskomplexes kann man wohl nicht oft genug betonen, dass solche "Logik" nur unter einer Annahme funktioniert: Wenn Reduktionsprozesse, Abstraktion und Minimalismus als Kunstform völlig ignoriert werden. Im Bereich der bildenden Kunst würde ein derartiger Ansatz ein komplettes Jahrhundert Grundlagenforschung (weg von der gegenständlichen Malerei) zusammen mit sämtlicher moderner Malerei auf den Müll befördern. Dort wäre solches Denken schlicht absurd, in der Musik wird das auch diesem Jahrtausend nicht nur in bildungsbürgerlichen Feuilletons immer noch für Sachverstand gehalten.
Wo die damalige Musik-Szene zu den großen Zeiten von Andy Warhol mit den aktuellen Entwicklungen der bildenden Kunst wesentlich enger verbunden war als zu späteren Zeiten, ist derartiges Unverständnis in den revolutionären 60ern recht verwunderlich.
Angesichts derartig resistenter Vorprägungen war es aber offensichtlich für Viele nicht möglich, die neue Musik als Kunst zu respektieren. Vor allem war (und ist) solches Denken unter selbst Pop-Musikern aller Couleur nicht selten anzutreffen.
Jene Generation musste erst akustische Monumente auftürmen, bevor Punk den "boaring old farts" ihre "Kunstkacke" um die Ohren prügelte und schließlich noch einmal anderthalb Jahrzehnte später erst Techno tiefgreifendes Bewusstsein für musikalischen Minimalismus entwickelte.

Progressive Rock & Freiheit

Vor diesem Hintergrund sind Pop und Prog zumindest in den 60ern untrennbar verbunden- zwei Seiten der gleichen Medaille: Progressive Rock ist das materialisierte schlechte Gewissen der ersten Generation Pop(-Musik), keine ehrfurchtgebietend monumentale Kunst zustande gebracht zu haben. Tatsächlich ein Irrtum von historischen Dimensionen.
Soweit, so tragisch.
Aber es war ja auch nicht alles schlecht. Wird der Ansatz von Progressive Rock im Abstand mehrerer Jahrzehnte etwas versöhnlicher einfach als Forschergeist übersetzt, wäre das bis heute etwas, gegen das kaum jemand etwas haben könnte. Vor allem in den "roaring sixties", wo tatsächlich alles neu war, war dieser Geist ja allgegenwärtig und Freiheit nicht nur ein leeres Wort.
Überall machten sich Leute daran, "Welten zu bereisen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat"- der berühmte Satz aus dem Intro der SciFi-Serie Star Trek war nichts weniger als eine kurze Zusammenfassung des Zeitgeistes der gesamten Ära.
Soundtechnisch wurden besonders im Rock-Sektor so ziemlich alle greifbaren Stilrichtungen auf zukunftsfähigkeit durchgetestet: Blues, Folk, Soul, Jazz, Orientalisches, afrikanischer Tribalismus- warum also nicht auch nachsehen, ob sich die Klassik der Eltern ebenso entstauben ließe?

Diese Frage ist tatsächlich bis heute offen geblieben und sagt allein einiges aus über Anspruch & Wirklichkeit von Progressive Rock. Es wundert Zeitreisende wohl nicht, dass auf derartig schwankendem Grund schnell Wortgefechte ausbrechen, wer oder was Prog-Rock eigentlich genau ist. Wo oftmals die Suche nach frühstmöglichen Vertretern und Prototypen weiterhilft, fördert dies im Falle der pop-geschichtlichen Großkunst umgehend einen interessanten Streitfall zutage:

Das Pink-Floyd-Problem

Pink Floyd zeigen alle Symptome der Prog-Gigantomanie: Sie reihten über die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Konzeptkunstwerk ans nächste und schwollen mit schließlich mit The Wall zu einem Monstrum an, das alles überwucherte. Trotzdem überlebten sie alle anderen Prog-Rocker, obwohl sie eigentlich die ältesten der Linie sind. Aber das ist bis heute umstritten.
Pink Floyd versuchten bereits kurz nach ihrer Gründung 1965 frühzeitig (laut dieser Quelle seit dem 12. Februar 1966) alles einzusetzen, was die damalige Technik hergab. Sie waren auf den britischen Inseln womöglich die ersten, die größere Verstärkersysteme, Quadrophonie, optische Effekte und Klang-Experimente aller Art zu Happenings verwoben, die das Publikum nicht selten staunend zurückließen, wenn man alten Überlieferungen glauben darf.
Eine solche findet sich in einem alten Standardwerk der 70er, dem seinerzeit berühmt-berüchtigten "Rocklexikon" von Siegfried Schmidt-Joos und Barry Graves:
Pink Floyd erschlossen "das ganze Arsenal elektronischer Sinustöne und Sägezahnklänge für die Popmusik (...), zu denen sie im Londoner UFO-Club phantastische Lichtshows zelebrierten.
(...) Wo sie ihren sogenannten Azimuth-Koordinator aufstellten, schrien Möwen, plätscherte Wasser, ratterten Maschinengewehre, dröhnten Düsenflugzeuge, explodierten Bomben (...) Die Musik, empfand der der Kritiker Tony Palmer, 'scheint von deinem Nebenmann, von der Decke, von unter dem Sitz zu kommen, manchmal sogar aus deinem Gehirn'".

Hauptinspirationsquelle waren laut Pink-Floyd-Enzyklopädie neueste Forschungsergebnisse, die gerade "in den USA aufgekommen" waren und wenig später mit Hilfe amerikanischer Bühnentechniker umgesetzt wurden.
Solche Technik war keineswegs irgendwo in den USA, sondern ziemlich genau am Ursprung der Flower-Power-Bewegung, in San Francisco aufgekommen. Dort versuchten Bands wie The Greatful Dead (beachte deren "wall of sound", Bilder hier) oder Jefferson Airplane schon seit etwa 1964 mit Hilfe neuster Bühnentechnik Ausdrucksmöglichkeiten und Bewusstsein zu erweitern, weshalb die Sache dann auch Psychedelic genannt wurde.
Happenings, Performance-Kunst, Teach-Ins waren bekanntlich DIE typischen Aktionsformen der Jugend jener Jahre, die nicht nur die Musik revolutionierten. Während der gesamten 60er war das schlicht state of the art- irgendwie machten das alle.
Pink Floyd waren anfangs die einzig ernstzunemende europäische Variante von Psychedelic, während die Briten zunächst noch mit Beat beschäftigt waren.

In Sachen Konzept-Kunst und Größenwahn findet sich bei Pink Floyd fast alles, was in einschlägigen Zirkeln so gern als Prog-Merkmale gelistet wird. Nur: Pink Floyd dürfen nicht Progressive Rock sein. Irgendwelche Leute haben sich irgendwann darauf geeinigt, dass ihr Sound "Art Rock" genannt werden muss.
Liebe Zeitreisende: Herzlich willkommen in den Untiefen pseudo-akademischer Haarspaltereien, mit denen Progressive Rock bis heute vorführt, dass er sich selbst furchtbar wichtig vorkommt.
Allmusic meldet realistische Zweifel an der Teilung zwischen Prog- und Art-Rock an, trotzdem ist sie immer noch gebräuchlich, obwohl deren Sinn seit ca. 1980 kaum noch jemand nachvollziehen kann.

In Sachen Pink Floyd ließe sich der Fairness halber vermuten, dass die Definitionsprobleme hauptsächlich daher rühren könnten, dass Pink Floyd am Start waren lange bevor sich der Terminus Progressive Rock einbürgerte. Allerdings gilt das ebenso für Softmachine, die im Gegensatz zu Pink Floyd selbstverständlich unter Prog einsortiert werden.
Ein Prog-Merkmal haben Pink Floyd allerdings tatsächlich nicht: Den Klassik-Fetischismus. Statt dessen verschrieben sie sich lieber futuristischen Synthesizer-Exkursen, die bis heute von Retro-Elektronikern gern als Anschauungsmaterial herangezogen werden. Statt Pathos kamen anfangs auch eher Kunststudenten-Witze: Das fette Doppelalbum, das die frühen Progger anno 1970 wohl vor Neid grün werden ließ, wurde schlicht "Ummagumma" betitelt und enthielt spacige Ausflüge, die mit dem musealen Monumentalismus der klassisch-orientierten Prog-Bands nichts gemein hatten. Was Pink Floyd trotzdem nicht davon abhielt, ihre Bühnen-Show bis Ende der 70er monströs aufzublasen (hier auch wörtlich zu verstehen- das fliegende Schwein war seinerzeit legendär ;-)
Es hat länger gedauert, bis sich einige Prog-Analytiker zu deratigem stilistischen Spaltpilz eine ansatzweise salomonische Einteilung einfallen ließen. Danach werden die Sixties bei Pink Floyd als psychedelische Phase betrachtet und alles spätere als progressive Phase.

Braucht Progressive Rock Kriterien?

Und wenn ja, wieviele? Dieser jahrzehntelange Definitionswirrwarr steht im krassen Gegensatz zur Wichtigkeit, mit der Progger gern auftreten und der Selbstverständlichkeit, mit der von dort bis heute Kunstanspruch formuliert wird. Was illustriert, dass es trotz vielfach betriebener Listenführung herzlich wenig vernünftige Kriterien zur Identifizierung von Progressive Rock gibt. Die wichtig auftretende Version der Wikipedia (Stand von Anfang 2010) entbehrt da nicht unfreiwilliger Komik, wenn "anspruchsvolle Texte" oder "Beherrschung von Instrumenten" als Merkmal herangezogen werden.
Fast alle anderen Merkmale (Konzeptalben, Long-Tracks, Komplexitäten, etc.) entpuppen sich aus der Perspektive von Psychedelic als schlichter Zeitgeist. Sowas war damals halt modern- nichts davon hat Prog erfunden. Entsprechend finden sich solche Eigenschaften auf vielen Platten jener Tage, die mit Prog nichts zu tun haben. Ein besonders deutliches Beispiel: Electric Ladyland von Jimi Hendrix- Doppelalbum (!!), Long-Track (!): Voodoo Chile, Artwork *hüstel*: Auf dem Cover nackte Mädels- auch ohne Sexismus absolut nichts, womit ein aufrechter Prog-Rocker in gern Verbindung gebracht werden würde. Trotzdem ein durch alle kommenden Jahrzehnte unumstrittenes Meisterwerk der Rock-Musik, das den Geist eines ganzen Jahrzehnts zusammenfasst und mit Voodoo Chile einen zeitlosen Hit parat hat, der zu Recht im Museum der Musikgeschichte auf dem Sockel steht, den kein Prog-Rocker je erreicht hat.
Und zwar womöglich genau deswegen, weil Jimi Hendrix bei alldem nicht entfernt an großmächtige Konzeptkunst gedacht hat.

In allem Merkmal-Eifer bleibt unter dem Strich nur ein stilistischer Kriterienkomplex kennzeichnend für Progressive Rock: Der inflationäre Rückgriff auf klassisch-europäische Musik und Literatur. Verbunden mit einem entsprechenden Hang zu orchestralen Arrangements, Theatralik und dem "fundamentalen Missverständnis der Bedeutung von 'Virtuosität'", wie die englische Wikipedia den Musik-Historiker Piero Scaruffi (zu ELP) zitiert.

Immerhin gibt es für Zeitreisende eine positive Nachricht: Es besteht auf dem gesamten Planeten Einigkeit, dass King Crimson womöglich DIE typische Prog-Band darstellen und deren Erstling In The Court Of Crimson King wird ebenso einmütig als Progressive Rock betrachtet. Nicht wenige Prog-Rocker setzen in recht unakademischer Schlichtheit und wohl hauptsächlich in Ermangelung vernünftiger Alternativen hier den Start von Progressive Rock an. Nur: Die Scheibe ist von 1969, als Softmachine bereits ihre dritte Veröffentlichung planten.
Was zeigt, dass sich die Identifizierung der ersten Vertreter von Prog-Rock weiterhin als schwierig erweist. Irgendwelche klassischen Experimente waren damals auch anderswo en vogue- in Britannien fielen unter anderem Charts-Kapellen wie Moody Blues, Procol Harum oder Barclay James Harvest frühzeitig damit auf.
Im Mutterland der "summer of love" genannten Kulturrevolution interessierte sich allerdings fast niemand für derartige Klimmzüge.

Während sich Britannien mit Stilfragen beschäftigte, brüllte auf der anderen Seite des Planeten ein gewisser Jim Morrison: "We want the world and we want it now!"- dort gab es Wichtigeres zu tun. (Und Morrison wird nebenbei auch bis heute als Literat respektiert- völlig ohne pseudo-mittelalterliches Fantasy-Gedöns).

Uncle Meat

Die kontinentalen Unterschiede sind nicht uninteressant: Progressive Rock ist ein europäisches Phänomen- vorwiegend britischer Prägung. Die Briten hatten über die erste Hälfte der Sixties mit Beat ihr eigenes Ding entwickelt und damit wesentliche Grundlagen für das gelegt, was ab der zweiten Jahrzehnthälfte Pop genannt wurde. Wie die namensgebende Boy-Group schon äußerlich sehr deutlich machte, war Beat mehr als nur ein wenig stylish. Was allerdings in kürzester Zeit zum Exportschlager wurde.
Während das US-amerikanische Billboard zunächst geschockt eine "british invasion" registrierte, bildete sich alsbald an der Westküste ein Phänomen heraus, das bis heute "underground" genannt wird. Gerade die Prog-verwandten Psychedelic-Bands sind komplett dem Underground jener Jahre zuzuordnen. Einer hielt zu diesem Thema sogar Referate vor geneigtem Fachpublikum: Frank Zappa. Der begann in den frühen 60ern mit Filmmusik, tourte mit seinen Mothers Of Invention als Polit-Clown durch die Lande und gab mit "Freak Out" eine der bekanntesten Underground-Parolen zu einem Zeitpunkt aus, als noch niemand etwas von einem "summer of love" ahnen konnte.

Trotzdem war Frank Zappa womöglich der besessenste Komponist der gesamten Ära, der bereits akribisch durchkomponierte Orchester-Werke vorlegte, als der unselige Terminus Progressive Rock noch lange nicht erfunden war. Allerdings wusste niemand besser, als der kabarettistisch ebenso hochbegabte und zeitlebens für seinen sarkastischen Humor berüchtigte Zappa selbst, dass bildungsbürgerliches Kunstgehabe im ausgehenden 20. Jahrhundert nur noch als Comedy zu gebrauchen war.
Die ersten seiner (noch mit den Mothers eingespielten) Orchester-Werke trugen die Titel Uncle Meat und Burnt Weenie Sandwich. Dadaistische Müll-Collagen auf dem Cover zeigen deutlich, welche Sounds zu erwarten sind: Schräg eiernde Bläsersätze mit Rock-Schnipseln und sonstigen Seltsamkeiten, die den europäischen Bildungsbürgern wie üble Kakophonie vorgekommen sein dürften. Die herausragende Spieltechnik seiner Musiker wird lediglich da offensiv genutzt, wo sich damit in größtmöglicher Geschwindigkeit möglichst viele schräge Töne auftürmen lassen. Virtuosität als Comedy und das klassische Orchester als Müllhaufen, den Zappa als frisurtechnisch völlig zugewucherter Extrem-Hippie mit ironischem Grinsen und echtem Taktstock zu dirigieren pflegte.
Wo europäische Kollegen ihre instrumentale Technik mit Pathos inszenierten, nutze Frank Zappa Komplexitäten lieber, um sein Publikum damit zu foppen. Das bekannteste Beispiel ist auf dem Live-Album Roxy & Elsewhere dokumentiert, wo er nichtsahnende Fans zum Tanzen auf die Bühne einlud, um ihnen dort raketenschnelle BeBop-Tonfolgen unterzujubeln und die Verrenkungen mit ironischen Kommentaren begleitete. Einer davon fast schon legendär: "The Jazz is not dead it just smells funny".
Apropos: Die alte amerikanische Sportart namens Jazz ist seit jeher bekannt für instrumentale Höchstleistungen und kompositorische Basisarbeiten, neben denen sich die Prog-Rocker wie blasse Schuljungs ausnehmen. Und die Jazzer waren in jenen Tagen ebenso von offenem Zeitgeist und Aufbruchsstimmung infiziert und hatten sich mit einigen versierteren Rockern kurzgeschlossen:

Bitches Brew

Auch wenn er den längst fahrenden Zug fast verpasst hätte, schaffte es die damals schon amtierende Jazz-Legende Miles Davis in einem Alter, wo sich viele bereits aufs musikalische Altenteil zurückziehen nochmal, einen Meilenstein zu setzen.
Das Doppelalbum (!!) Bitches Brew hatte alles, was Prog-Rocker 1970 in Ehrfurcht hätte erstarren lassen können. Einen echten Komponisten- Miles hatte wieder mit Teo Macero zusammengearbeitet, der bereits über 10 Jahre vorher am legendären Kind Of Blue mitgewirkt hatte. Eine lange Liste berühmter Musiker, dazu noch jedes Instrument doppelt besetzt- trotzdem kein Grund, deswegen orchestral zu tönen. "Long Tracks"? Selbstverständlich- wenn Miles es nötig gehabt hätte, damit rumzuprotzen. Die Hälfte des Doppelalbums besteht aus Tracks, die eine komplette Plattenseite füllen, das Maximum des technisch Möglichen damals.
Trotz allem klingt das durchkomponierte Werk bewusst eher wie eine lockere Jam-Session. Jede Note dunkel brodelnde Afrocentricity, deren Lebendigkeit das genaue Gegenteil dessen darstellt, was die altertümelnden Prog-Rocker vorzeigen wollten.
Artwork: Tatsächlich topaktuelle Malerei, die schwitzende Voodoo-Priesterinnen vor einer Rauchwolke zeigt (Miles war Jimi Hedrix Fan). Und obendrauf ein Titel, der nach Straßenstrich klingt?
Sagen wir's diplomatisch: Die mittelalterliche Prog-Ästhetik ist eine ganz andere Welt.

Alles Prog?

Trotzdem scheint das fanatische Progger nicht davon abzuhalten, all das eingemeinden zu wollen. Ob Zappa oder der komplette Jazz-Rock der gesamten 70er plus Hardrock- alles irgendwie Prog. Es sind solche Annexionsgelüste, die Progressive Rock immer wieder Sympathien kosten. Denn die Wahrheit sieht wohl eher umgekehrt aus: Es nicht gleich alles Prog, was über den 4/4-Takt hinausgeht, vielmehr macht Prog nur das, was schon vor ihm viele machten und nach ihm noch mehr. Nicht aller pop-musikalischer Forschergeist ist Prog, sondern Prog ist nur eine spezielle historische Form davon.
Eine Spezialform allerdings, die für ca. ein halbes Jahrzehnt die Mehrheit hatte im Staate Pop. Eine ältere Darstellung des Allmusic-Guide, die passenderweise noch von der Kirche archiviert wird erläutert, dass die großen Prog-Bands (die "big four" Genesis, ELP, Yes und King Crimson) von 1971 bis 1976 "das Radio-Spektrum genauso wie die Titelseiten der Rock-Presse dominierten" und als "pop music's biggest stars" angesehen wurden.
Das macht natürlich Feinde, aber als die Ramones um 1974 anfingen, Surf-Musik der frühen 60er mit einer Lautstärke zu intonieren, die auch die Hardrocker aus den Plateau-Schuhen blies, war noch nicht abzusehen, dass sich alsbald eine ganze Generation mit lautem Gebrüll vom Bombast verabschieden würde.

Die Kunst...

Mit inzwischen vier Jahrzehnten Abstand und nach mehreren Retro-Wellen lässt sich der künstlerische Grundgedanke hinter Progressive Rock neutraler fassen. Als im Idealfall vorurteilsfreie Forschung in jeder Richtung, verbunden mit dem Bemühen, die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten mit allen greifbaren Mitteln zu erweitern. Aber: Das ist bei weitem kein spezielles Merkmal von Prog, sondern ist vielmehr zu allen Zeiten die zentrale Motivation aller Musiker gewesen, die an ernsthafter Kunst interessiert sind.
Hat man so das Terrain der alten Grabenkämpfe verlassen, wird schnell klar, dass diese allgemeine künstlerische Grundmotivation in jeder Stilrichtung zu finden ist. Selbst bei den aggressivsten Feinden von Progressive Rock aus der ersten Punk-Generation: Da startete der kurz zuvor als "Johnny Rotten" berüchtigte John Lydon ein schwer kunstverdächtiges Projekt namens P.I.L. (und es wäre wohl bis heute ein lustiger Versuch, den alten Grantler "Prog-Punk" nennen zu wollen ;-)
In der zweiten Punk-Welle versammelten Black Flag alle kreativen Köpfe einer gesamten Generation auf ihrem SST-Label und definierten die Rock-Musik neu. Far out: Die Minutemen, die Punk waren ohne groß rumzuschreien und Pate standen für eine Entwicklung, die in den späten 80ern "Jazzcore" genannt wurde.
Keine 10 Jahre später erweiterten aufgeschlossene Briten die Basis von Techno mit jazzigen Beats und erzeugten einen Sound, der als Drum & Bass weltweites Aufsehen erregte.
Wenig später demonstrierte Erykah Badu in diesem Jahrhundert, dass Hiphop-Jazz sogar mit Grammys dekoriert werden kann.
Und im Frühjahr 2010 demonstriert ein Schlaumeier namens Damon Albarn mit seinen Gorillaz, wie man auf entspannte Weise Lehren aus den Debatten ziehen kann: Auf Plastic Beach werden Referenzen und Sounds getürmt, wie es die Welt lange nicht gesehen hatte, aber die Konzept-Kunst ist ein Comic, das Cover eine Müll-Collage, die auch Frank Zappa gefreut hätte, das sparsam eingesetzte Orchester arabisch. Ein konzeptionell geradezu überladenes Album, das aber in lässigem Dub-Sound daherkommt, top-aktuell produziert ist und der Urheber weist trotzdem jede Message weit von sich. Statt dessen wird der Opener von einem berüchtigten Kiffer gerappt, während Albarn sein gelangweiltes Slacker-Genöle zum Besten gibt.
Also: Pop-Kunst ist dann besonders groß, wenn sie nicht mit stolzgeschwellter Brust Sonderapplaus erwartet.

Progressive Rock ist retro

Nachdem im damals Alternative genannten Rock-Sektor der 90er Retro-Sounds bereits en vogue waren, kam schließlich die Exhumierung der originalen Prog-Sounds durch die eingangs zitierten The Mars Volta. Das ging 2003 auch deswegen ohne größere Proteste ab, weil sich die Protogonisten zuvor bei At The Drive-In punkige Street-Credibilty erworben hatten, was auch immer wieder durchscheinen ließen. Aber: Es sind die Sounds, die zitiert werden, nicht das Kunst-Gehabe. Dieser Tage völlig retro und nicht ansatzweise progressiv. "Was ist heutzutage schließlich noch nostalgischer als der Fortschrittsglaube?"- fragt der ORF bei Animal Collective, die auf Merriweather Post Pavilion auch die architektonische Kunst ihrer Großeltern herbeizitieren.
Weswegen sich andere Sympathisanten gleich präventiv als Dinosaurier der Gattung Mastodon deklarieren.
Orchestrale Prog-Sounds werden heute verwendet, um leicht bekiffte Breitwand-Passagen zu schaffen, wenn das Grundgefühl old school sein soll. Macht auch nix- sowas machen auch anderswo viele. Denn Kenntnisse der Roots sind nie verkehrt, gekonnte Retro-Effekte gehen auch ok, nur Kunstgehabe ist und bleibt ein Ärgernis, das selbstbewusste Musiker eigentlich nicht nötig haben. Schließlich ist ein derartig elitäres Verhalten auch etwas, das Pop-Art in den 60ern schon demokratisiert hatte. In der Musik gibt's da immer noch zu tun...


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