Equalizer byte-funk.de

Blogs & Mags:

+++
a010_Congstar Logo 80x80

[amazon]

Animal Collective

Merriweather Post Pavilion

Verglichen mit dem, was Animal Collective's Merriweather Post Pavilion an Heilserwartungen und Sehnsüchten entgegen schlägt, scheint Herr Obama ein Waisenknabe zu sein. Im Angesicht von Merriweather Post Pavilion werden Hymnen verfasst, "Glasperlen-Raumschiff (...) in der totalen, unverfälschten Glückseligkeit" (Spiegel) und Lobpreisungen angestimmt: "Über Animal Collective zu schreiben, bedeutet, in Superlativen zu sprechen" (gone, nein: goon). Auf derartigem "Hysterielevel" (taz) bleibt der Heiland selbst erfreulich gelassen und verkündigt via Spex: "Merriweather Post Pavilion ist gewissermaßen unser Easy-Listening-Album geworden". Das hat er schön gesagt.

Die Hymnen

Animal Collective sind daran sicher nicht unschuldig, denn Merriweather Post Pavilion "hat etwas zutiefst Spirituelles", wie Tobias Rapp in der taz feststellt und hört Hymnen "im Sinne von naturreligiöser Verzückung". Auch bei realistischeren Leuten ist von Kanongesang mit "klerikalem Hall" die Rede. Die "Beach-Boys-Choräle" (musikexpress) bringen "Projektionsflächen für jede Art von mythisch aufgeladenen Erlösungsfantasien" (audioase).

Animal Collective +

Andererseits ist da die Vorgeschichte, in der Animal Collective früh genug zur Stelle am richtigen Ort waren, in dem sich alsbald eine passende Szene entwickelte. So "zeigt sich, dass AC auch Vorreiter für einiges gewesen sind, was heute gängig und erfolgreich klingt"- Christian Steinbrink ist einer der wenigen, die im Frühjahr 09 auf dem Teppich bleiben: "Klar, das Animal Collective eben nicht radikal anders sind, dass sie das Rad auch gar nicht neu erfinden wollen". Eben, "rätselhaft und vollkommen unerhört", wie man hier meint, ist auf Merriweather Post Pavilion kaum etwas.
"Der entworfene Klangraum ist ganz Ambient", wie Groove trotz Titel-Story bemerkt. Brian Eno- tief in den Siebzigern. Jenem gefiel auch der im Zusammenhang mit Merriweather Post Pavilion oftmals diffus herbeizitierte Krautrock.
Es geht präziser: Can. Wer an Klangforschung so viel Spaß hat, wie die Hymnenschreiber von Animal Collective selbst, nehme testhalber deren Future Days zur Hand. Im Vergleich zu deren Verschrobenheit und der minimalistischen Schönheit der Melodien nehmen sich pathetische Beach-Boys-Chöre reichlich kitschig aus. Und Future Days wird noch nicht einmal als Can's Beste gehandelt. Zugegeben: Der Vergleich ist etwas unfair- denn bei Can besteht nach über 30 Jahren Konsens in Sachen Zeitlosigkeit.
Wer allerdings dermaßen absichtsvoll die Beach Boys herbeizitiert, wird muss noch mehr vertragen können. Denn wenn man die auf Touren liebevoll gelisteten Live-Videos der einzelnen Songs von Merriweather Post Pavilion ansieht, fällt schon auf, dass der Knabenchor auf der Bühne längst nicht so jubiliert, wie im Studio. Und einzig exit.music benennt den dort Hauptverantwortlichen (Ben Allen), der neben Gnarls Barkley auch Christina Aguilera betreut und sich offensichtlich mit Hochglanzpolitur gut auskennt.

Merriweather Post Pavilion & Nostalgie

Auch für Animal Collecitve selbst sind die Beach-Boys-Verweise eigentlich nichts neues, wie man in Berlin notiert- die Protagonisten haben hier lediglich auf ihre sonst übliche Relativierung verzichtet. Plus Eno/Ambient, plus Can, den Merriweather Post Pavilion wie beim orf "ein durch und durch altmodisches Psychedelic-Album" zu nennen ist keineswegs weit hergeholt.
Groove ergänzt noch die Beobachtung, dass der Pavillon nach Frank Gehry durchaus als "Kunst-Event" gemeint ist. Und beim nächsten Stichwort (Post) fällt mir dann auf, dass derartige Ansätze um die Mitte der 90er Post-Rock genannt wurden, der in bildungsbürgerlicher Beschaulichkeit endete.
Hierzu Tobi Müller für die FR: "Diese avancierte Zitattechnik lässt auch im digitalen Zeitalter noch immer auf Bildung und Privilegien schließen. Es ist eine Musik, die nach einer schönen, äußerst informierten Ortlosigkeit klingt, nach einer Freiheit, die sich vielleicht viele bald nicht mehr leisten können werden."
Arkadien & Innerlichkeit- ein sehr alter Prozess. Auch wenn derartige Entrückung auch mal als Kapitalismuskritik interpretiert werden kann, es ist genauso gut "herrlich anachronistisch". Hier gar eine Überwindung des Schismas von "Indierock und Clubmusik" zu vermuten ist reichlich abwegig, denn solche Dogmen werden nur noch sehr leeren Clubs gepflegt. Noah Lennox weiß das natürlich ganz genau- man beachte das T-Shirt-Zitat hier: Dass Daft Punk im Haus von James Murphy spielten, ist bekanntlich mittlerweile 4 Jahre her. Ebenso bekannt ist die Collabo zwischen dessen LCD Soundsystem und Hot Chip. Und letztere sind womöglich noch extremere Zitatenreiter als Annimal Collective, haben denen aber eins voraus: Eine große Portion britische Selbstironie.
Genug vom Thema furchtbar neu & einzigartig.

Nachdem der Thron nun kleingesägt ist, kann ich doch mal sagen: Merriweather Post Pavilion ist eine gute Platte. Sie ist Animal Collectives sehr eigenes Statement im Bereich neuerer Elektronik, für die sie bislang nicht bekannt waren. Dies ist weder Made In The Dark noch Future Days, die "letzte Neuerfindung von Pop" (taz) erst recht nicht. Das Gute: Das macht alles nichts, denn Merriweather Post Pavilion bleibt trotzdem sehr eigenständige Musik für das Jahr 2009 (und die Vermutung, dass AC die nächsten Jahrescharts toppen werden ist sicher berechtigt). Außerdem wollte zumindest Noah Lennox ja auch "nur" Easy Listening machen. Und sowas muss man auch erstmal hinkriegen, ohne sich zu blamieren.
Alles in allem schonmal viel sympathischer als Vampire Weekend und weiter vorn als TV On The Radio.
Doch: "Was ist heutzutage schließlich noch nostalgischer als der Fortschrittsglaube?"
(Beste Grüße nach Österreich).


Creative Commons

Bei allen Services (Mister Wong, Yigg, Infopirat etc.) bookmarken