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Broken Social Scene

Forgiveness Rock Record

Broken Social Scene- die Indie-Retter des letzten Jahrzehnts haben es nochmal geschafft. Und Forgiveness Rock Record muss jetzt nochmal...? Trotz hochfliegender Erwartungen glücklicherweise nicht, denn es ist einiges passiert im Indie-Land. Trotzdem haben Broken Social Scene immer noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden im aktuellen Zirkus.

Ins Kraut schießende Heilserwartungen machen das Lesen zahlreicher Besprechungen von Forgiveness Rock Record streckenweise doch etwas anstrengend- fast kein Artikel kommt ohne das S-Wort aus ("supergroup"). Was auch daran liegen könnte, das zum notorischen Personal-Überfluss bei Broken Social Scene der passende Referenzpunkt fehlt. Da fällt manchen aus der jüngeren Musikgeschichte nur der Wu Tang Clan ein- wer hat das eigentlich in die Welt gesetzt? Mit dieser Gang haben Broken Social Scene ungefähr soviel zu tun, wie Joanna Newsom mit Mastodon. Dabei deuten viele Beschreibungen doch in eine klare Richtung (weit zurück, in mythische Zeiten): Kollektiv, freundliche Kommune, Großfamilie und- "psychedelische Magie in epischen Machtwerken" (ohfancy). Noch mehr San Francisco/Flower Power gab es seit Jahrzehnten nicht. Auch der Sound spricht diese Sprache: Ein freundlich-buntes Wimmelbild (munitionen, s.o.) aus allem und jedem, was nicht bei 3 in der Plattenkiste verschwunden ist.
So unbeschwert tönender Sound muss auch bei Forgiveness Rock Record wieder als große Leistung gewertet werden, denn der Hintergrund ist alles andere als das. Broken Social Scene sind bekannt für ausufernde Bastelarbeiten (fast) bis zu völligen Verzweifelung.

Witziger Zufall eigentlich, dass Forgiveness Rock Record 2010 hier fast parallel zu Oversteps von Autechre erscheint- die sind bekennende Musik-Mathematiker. Hier die europäischen Robotik-Weltmeister, dort die kuschelige Hippie-Kommune, das Ergebnis ist in beiden Fällen gründlich durchkonstruierte Musik, die sich allerdings kaum verschiedener anhören könnte. "Indierock 2010 geht nämlich so: sorgfältig konstruierter Exzess. Spontaneität war vorgestern" (Plattentests). Da gibt es tatsächlich im mehrheitlichen Jubel auch sehr vereinzelte Stimmen, denen genau das quer runtergeht, wie z.B. den Rockern von Whiskey-Soda, wo man doch ernüchtert bilanziert: "Zu viele Indie-Popper verderben eben doch den Brei und oftmals wirken die Songs zu vollgestopft, zu sehr angereichert mit allen möglichen Instrumenten, Sound-Spielereien und Melodie-Exkursen". Tatsächlich vertretbar, auch wenn die Durchsage "And You Will Know Us By The Trail Of Dead ohne jeglichen Plan" wohl doch zu heftig reingegrätscht ist. Allerdings auch nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn schließlich waren Trail Of Dead diejenigen, die im letzten Jahrzehnt ebenso erfolgreich Hippie-Ideale ins neue Jahrhundert übersetzten- allerdings auf einer konsequenten Rock-Basis (was einem Whiskey-Trinker natürlich besser schmeckt ;-)

Wie gesagt eine (begründete) Einzelmeinung, nicht nur der Fairness halber sei zitiert, dass die besprechende Mehrheit Broken Social Scene so feiert, wie Bastian auftouren der findet, dass Forgiveness Rock Record "wieder einmal derart viele Ideen, flirrende Gitarren, Brüche und euphorische Melodien, dass andere daraus eine ganze Karriere zu basteln im Stande wären". Und auch noch übersetzt, was Brendan Canning mit dem Ausspruch "It's the year 2010" meint: "Der Hype ist vorbei."
Forgiveness Rock Record findet sich völlig veränderter Szenerie wieder als You Forgot It In People 2003. Denn wie schon der Verweis auf Trail Of Dead andeutete, hat es im letzten Jahrzehnt ein massives Rock-Revival gegeben, mit dem damals noch nicht zu rechnen war, weshalb Broken Social Scene recht konkurrenzlos als Retter des Indie erscheinen konnten. Mittlerweile haben sich im letzten Jahr sogar die Altmeister von Dinosaur Jr. und Sonic Youth noch einmal zu Großtaten aufgeschwungen und Forgiveness Rock Record trifft auf eine vielfältige Szene, weswegen dieser Tage die Alleinstehungsmerkmale deutlich weniger geworden sind.
Weltrettung war gestern und muss ja auch nicht (wer braucht das denn ständig). Heute machen Broken Social Scene nette Musik, die sich mit Sicherheit vorn in den Jahrescharts wiederfinden wird.


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