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Dead Weather

Sea Of Cowards

Gab es tatsächlich Zweifel, dass The Dead Weather zurückkommen würden? Hat wirklich irgendwer geglaubt, dass Sea Of Cowards mit sensationell neuem Sound kommen würde? Schließlich ist Jack White nach der Abdankung von Jon Spencer der unumstrittene Weltmeister in Sachen Schweinerock und nach so viel Applaus im letzten Jahr heißt es wie immer: Never change a winning team.

Ansonsten scheint es Leute gegeben zu haben, die seiner PR-Abteilung glaubten, der Weltstar trommelt nur einfach mal so einen Haufen nicht ganz unbekannte Rockstars zusammen, um sein neues Equipment zu testen und nach einer Feierabend-Session ein schlichtes "Tschüß" zu sagen ("nur mit ein paar Freunden eine Single aufnehmen"- wer sowas glaubt...). Anders sind auch die zahlreichen Besprechungen nicht zu erklären, die Sea Of Cowards allen Ernstes als Nachweis dessen betrachten, was schon letztes Jahr offensichtlich war.
Ein Schelm, wer dabei denkt, dass Big Boss White (der ja passender Weise auch anderswo mit Big Pimp Jay-Z arbeitet) sich nun auch mal eine Supergroup ins Portfolio stecken wollte, wo sich dieses Geschäftsmodell doch anderswo schon so ausnehmend gut bezahlt macht (s. QOTSA, Them Crooked Vultures, etc.pp.- Vorschlag von Whiskey-Soda: "Super-Super-Group" mit Damon Albarn) Denn es ist "auch seine Seite des clever kalkulierenden Geschäftsmannes bemerkenswert", der es mittlerweile geschafft hat, sämtliche Verwertungsketten unter seine Kontrolle zu bringen und wahlweise für diverse Projekte einzuspannen, wie der Schallplattenmann treffend analysiert.
Diesem Mag erläutert Mr. White auch seine Vinyl-Politik: "Das schärft die Fantasie und Sammelleidenschaft der Kids und macht sie zu zahlenden Musikkonsumenten, die sich leicht binden lassen." *hüstel*

Allerdings gebe ich trotzdem zu, dass derartig schnöde Betriebswirtschaftslehre The Dead Weather im Allgemeinen und Sea Of Cowards im Besonderen durchaus unrecht tut. Denn Jack White schaffte bislang einen im Showbiz durchaus seltenen Spagat, das Rockstar-Leben mit allen branchenüblichen Eigentümlichkeiten auszukosten (wie die FR feststellt) und trotzem immer noch als "coole Sau" durchzugehen. Solche Fähigkeit zur Schlagzeilenkontrolle macht auch The Dead Weather zur "unauffälligste(n) Supergroup" (Spiegel) der aktuellen Welle. Sowas macht sich eben auch im Sound bemerkbar- es gilt die alte Regel: "It's only Rock'n'Roll"...

Entsprechend zeigt sich auch die absolute Mehrheit aller Rezensionen begeistert und huldigt mit in solchen Fällen üblichen Lobes-Formeln: Von rau, dreckig, schmierig, staubig, bis jaulend, dröhnend, krachend, knirschend (...) fehlt nichts aus dem Schweinerock-Besprechungshandbuch. Aber: Hier passt das auch alles- The Dead Weather können sowas locker, selbstironisch und setzen das auf Sea Of Cowards noch einen Zacken besser um, als vorher.
Was allerdings genauso spontan und locker "auf Platz 6 der Billboard 200" (queer) einsteigt, kann eigentlich nicht so viele "Hässlichkeiten" haben. Was nicht heißt, dass es nichts zu debattieren gäbe.
"Dieser Brocken wird die Gemüter mal wieder spalten", ahnte man schon bei der sound-base. In der Bedroom-Disco leichte Ernüchterung "musikalisch nicht sonderlich experimentierfreudig. Das Konzept des ersten Album 'Horehound' wird konsequent weiterverfolgt: knochentrockener, extrem rhythmischer Bluesrock". Na eben, genau das war doch klar, oder?
Anscheinend doch nicht überall: "Müssen wir das noch mal hören?", bei Lachsauge ist man not amused, dass sich Sea Of Cowards "gar nicht unique" anhört. Meine Lieblings-Gegenfrage wie immer: Welche Musik gibt es denn, die wir vorher noch nie gehört haben? Ich fürchte, wer nur "unique" stuff hören will, kann gleich aufhören mit Musik.
Solcher Revolutionismus ist letzten Endes selbst uralte Pop-Ideologie (von endlosen Abenteuern und ewiger Jugend), nach der jedes Jahr alles neuerfunden werden müsse.
Immerhin kann man dem notorischen Vielpublizisten White durchaus "Talentverschleuderung" attestieren. Kritik an fehlenden Neuigkeitswerten bei Dead Weather ist auch aus Richtung Old School zu begründen: "Keine einzige Tonfolge, kein einziges Riff, welches nicht schon tausend Mal zuvor erklungen wäre", stellt passender Weise Der Standard fest. Nur: Wie sollte das auch anders sein- schließlich ist Bluesrock seit Jahrzehnten ausformuliert. Beim Spiegel hat man Neuigkeits-Genörgel auch schon geahnt: "Ein Narr, wer von einem aus purer Musikleidenschaft und Spielerei getriebenen Liebhaber-Projekt aktuelle Impulse erwartet".
Denn aus sensationistischer Perspektive kann man Musik nicht verstehen, der es um Grundsubstanzen und Essenzen geht. Das Urteil "Soundtrack der Provinz" (Standard), geht auch weit am Kern der Sache vorbei, denn The Dead Weather weisen sehr erfolgreich nach, dass Blues-/Garage-Rock als Grundsubstanz auch in diesem Jahrhundert topaktuell ist.
Die FR erläutert, wie das funktioniert und was Dead Weather von Blues-Tradionalisten unterscheidet, die das Material so prinzipientreu herunterbeten, wie der Blues selbst nie gewesen ist. Zu Dead Weather: "Ihr Ansatz ist zwar retrospektiv, aber niemals restaurativ. (...) Stattdessen wird der Blues wie ein gut sortierter Schrottplatz geführt".

Apropos Provinz: Es gab da mal einige Rocker aus den nordwestamerikanischen Waldgebieten, die solche Randständigkeit höchst produktiv zu nutzen verstanden und sich zum Schrecken der modischen Punks nicht nur die Haare lang wachsen ließen, sondern sich obendrein in ortsübliche Holzfällerhemden kleideten- sie nannten das Grunge, eine Sportart, die nach einschlägigen Marktgesetzen inzwischen zum turnusmäßigen Revival ansteht. Nicht wenige Dead Weather-Songs würden sich ziemlich bruchlos in sagen wir mal Superunknown (Soundgarden, 1994) integrieren lassen.
Solchen Sounds schuldet auch der eingangs zitierte Jon Spencer eine Menge, auch wenn der New Yorker sich seinerzeit nicht mit Landeiern aus dem Nordwesten gemein machen wollte. Was ihn bekanntlich keineswegs davon abhielt, seine Band Blues (!) Explosion zu nennen.
Jack Whites Duette mit Allison Mossheart sind allerdings vielmehr eine Neuauflage von Boss Hog, mit der Spencer in den 90ern seine Gattin Christina Martinez feierte. Anyway- dieser Sound war so lange verschütt, dass es einige Retro-Wellen später gut ist, wenn mal wieder demonstriert wird, dass zwischen Recycling und Restauration klare Unterschiede bestehen. Genau das ist die Kunst von Jack White und The Dead Weather, wobei Sea Of Cowards nebenbei noch nachweist, dass der Einbau von Elektronik der Sache keinen Abbruch tut (was mich durchaus an den neuesten Einwurf von Gil Scott-Heron erinnert).
Bei den Beatbloggern wird trocken bilanziert: "Klingt konformistisch, tritt dabei aber ordentlich Sitzfleisch."
Eben: Die Wahrheit ist auf'm Platz.


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