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Dinosaur Jr.

Farm

Dinosaur Jr.'s Farm ist ein Album, dass mühelos neben ihren großen Alben aus den 80ern stehen kann. Und das kurz nachdem Sonic Youth eine ähnliche Meisterleistung vom Stapel ließen. Was vor 20 Jahren als Offenbarung vom Indie-Olymp verehrt worden wäre, ist auch heute immer noch nicht business as usual. Ein solcher Schub war vor allem bei den notorischen Slackern von Dinosaur Jr. nicht zu erwarten gewesen- es gibt standing ovations quer durch alle Generationen, was Farm zum wohl Konsensalbum 2009 macht.

Wo Sonic Youth so etwas wie den Intellekt des Indie-Rocks repräsentieren, wären Dinosaur Jr. mit dem ewig schwermütigen J. Mascis als die Seele anzusehen. Entsprechend bringt Farm für Sympathisanten jeden Alters großes Gefühlskino. Anders sind die zahlreichen Reaktionen kaum zu erklären, die anscheinend nicht wenige Zeitgenossen die fast vergessene Luftgitarre hervorkramen lässt, während andere gar Freudentränen vergießen. Irgendwie tiefes Durchatmen: Endlich erhalten Dinsaur Jr. die Aufmerksamkeit, die schon vor 20 Jahren verdient gehabt hätten.

Es mag daran liegen, dass sich nach diversen Hypes der 90er mittlerweile auch in Mainstream und Massenmedien herumgesprochen hat, welche Pionierleistungen Dinosaur Jr. vor 25 Jahren erbracht haben, als noch kein Mensch ahnte, dass solcher Sound etwas später Grunge genannt werden könnte.
Derartig tiefe Sympathie enthält womöglich auch ein wenig Fremdschämen dafür, dass diesen bescheidenen Schluffis die eine oder andere Nirvana-Million zustehen dürfte. Ein Gedanke, den J. Mascis womöglich gar nicht verstehen würde, denn diese Generation hat niemals in die Charts gewollt. Entsprechend darf die bekannte Interview-Faulheit durchaus auch als Verweigerung genüber den üblichen Marktmechanismen verstanden werden.

Apropos Interview: Das mit der vielzitierten Depression (gar "Friedhofsstimmung" entpuppt sich mittlerweile als Vorurteil, denn wenn man solche Zeilen ("Suizid wäre tatsächlich die perfekte Marketingstrategie, um die Dinosaur Jr.-Karriere endlich richtig anzukurbeln. Aber um ehrlich zu sein, selbst dafür bin ich zu faul") in einem der seltenen Interviews liest, bleibt vor allem ein Eindruck- dieser Typ ist ein Spaßvogel. Auch das (übrigens ziemlich souveräne) Kokettieren mit Alter & ehemaligen Trendsportarten im Video deutet in die gleiche Richtung.
Ganz zu schweigen vom Cover: Welcher weitgereiste Fahrensmann im fortgeschrittenen Alter würde wohl sonst die Sesamstraßen-Version von Tolkiens ehrwürdigen Ents als Titelbild verwenden? Ähnlich quer zu gängigen Vorurteilen über Dinosaur Jr. ist das mehrfach beschriebene sonnige Grundgefühl bei Farm: "Hier wirkt alles harmonisch, keine Depressionen weit und breit am Horizont" (michipedia).

Damit hat Farm schonmal einige Fragen aufgeworfen, mit denen der Spiegel nicht gerechnet hat. Und es kommen sogar noch Grundsatzfragen:
Denn Dinosaur Jr. haben nichts weniger als ein Monumentalwerk geschaffen, darüber besteht große Einigkeit. Das zusammen mit Sonic Youth in einem Band-Alter, das etwa dem der Rolling Stones 1990 entspricht. Was sogar Applaus bei einer
Generation findet, die zu Beginn dieses Jahrhunderts mit Kings Of Leon aufgewachsen ist. Auch wenn es dort durchaus Rätselraten gibt, was Farm denn darstellen soll- nach bisher musiküblichen Interpretationsmustern eigentlich die eher zu erwartende Variante.

Was unter dem Strich den State Of The (Rock) Art 2009 beleuchtet: Das Zeitalter von Revolutionen, Generationskonflikten, Paradigmenwechseln und Basisinnovationen ist bis auf weiteres vorbei. Offensichtlich besteht Konsens, wie zeitgemäße Rockmusik zu klingen hat. Ebenso ist bekannt, dass Dinsaur Jr. einen großen Teil zu diesem Stand der Dinge beigetragen haben.
Dass sie nochmal an die Frische der alten Pioniertage anknüpfen könnten, war nicht unbedingt zu erwarten. Entsprechend ist Farm "das dicke Brett, von dem man als Dinosaur-Fan immer geträumt hat." (taz). Nichts weniger als ein archetypisches Indie-Album.
Da passt es gut, dass die Würdigung, die dem wortkargen J. Mascis wohl am besten gefallen würde, aus einem Magazin kommt, das bereits in den großen Zeiten von Dinsaur Jr. gegründet wurde: "Veränderung? Weiterentwicklung? Wozu? Farm ist ein perfektes Album, mehr ist nicht zu sagen. Ich bin glücklich." (Auch wenn letzteres ein sehr hastiges Wort für einen alten Ent ist... ;-)


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