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Ebony Bones

Bone Of My Bones

Ebony Bones' fröhlich-bunte Outfits haben einen großen Nachteil: Sie lenken nicht wenige vom Sound ab, der bei Bone Of My Bones ebenso eigenständig geglückt ist. Auch der biblisch fundierte Titel sagt: Ebony Bones ist eine Frau mit Energie & Mut zum eigenen Stil in Wort, Klang und Bild. So ist der frische Wind, den Bone Of My Bones mitbringt, für manche auch eine Brise, die ihnen die coole Kappe von der Trendfrisur bläst.

Denn Ebony Bones unerschrockener Zugriff gilt genauso für die Sounds von Bone Of My Bones. Da wird problemlos Indie-Punk mit Disco-Claps verquirlt, trendiger Elektro mit karibischen Bläsern unterminiert, Balladen mit Trillerpfeifen bestückt und obendrüber politische Systemkritik gepackt, die in Nordamerika durchaus "spitting" genannt würde, ohne dabei auch nur eine Sekunde die Stromstöße für's Tanzbein zu vergessen. Bone Of My Bones ist die Antithese zu Coolness und Purismus- was brave Sangesschwestern zu wenig haben, hat Ebony Bones im Überfluss: Stil & Persönlichkeit.
Prompt lässt sich kaum ein Publizist die Chance entgehen, mit einem stets knallbunten Foto der Künstlerin, das Seiten-Layout aufzupeppen. Spätestens, wenn manche Seiten sich gleich auf die Fotostrecken beschränken, entpuppt sich das auch als gewitzte Marketing-Strategie, die Ebony Bones bei so viel guter Laune keiner ernsthaft übel nimmt.
Den fröhlichen Farbschock einfach nur als Karneval zu interpretieren führt zumindest momentan an den Tatsachen vorbei. Denn im Gegensatz zum üblichen Charts-Gaga der Saison 09 hält Ebony Bones nämlich das stilistische Versprechen und liefert zur energetischen Oberfläche auch tatsächlich eine eigene Klangwelt, die das Zeug hat länger zu bleiben, als bis zur Sylvesterparty. Von daher stimmt womöglich der zunächst paradoxe Eindruck, für "ein bisschen mehr Echtheit" sorgen könnte- denn gerade mit der schrillen Oberfläche ist Ebony Bones vor allem ehrlich. Ehrliches Posing in ehrlich überkandidelter Kostümierung, die niemandem weiss machen will, dass die private Ebony Thomas in solcher Aufmachung ihr Frühstück zu sich nimmt. Anstelle posierter "realness" eine klare Position, die jedes Kind als Kunstfigur entziffern kann. Ein Problembewusstsein dafür, dass auf der Bühne und in den Medien keine Ehrlichkeit geben kann und damit souveräner Umgang mit kulturellen Codes.
Außerdem wird bei Karnevalsverdächtigungen übersehen, dass sich Ebony Bones Stilistik durchaus in bester afroamerikanischer Tradition befindet, obwohl sie sich vehement dagegen verwahrt, aufgrund ihrer Hautfarbe in irgendeine "Black Music"-Schublade gesteckt zu werden. Trotzdem nennt sie selbst Grace Jones als Referenz, was aber tatsächlich wohl eher optisch gemeint sein dürfte, denn diese Queen of Cool ist das soundtechnische Gegenteil zum Energiebündel aus London. Das im Übrigen die schreibende Zunft via virtueller Pressemappe (Facebook) mit griffigen Formulierungen zu versorgen weiss.
Ansonsten deutet die stilistische Linie aber recht klar zurück auf George Clinton, dessen Mutterschiff vor 3 Jahrzehnten auch genau diese Ladung Witz auf den Planeten schoss, die Bone Of My Bones jetzt als Triebwerk dient. Und Patti LaBelle war in jenen Tagen ebenso wenig ein Kind von traurigen Dress-Codes.
Solche Linien enden allerdings beim starken Punk-Einfluss, von dem sich Ebony Bones vor allem Live eine weit größere Portion genehmigt, als die Trend-Hopper, die sich dieser Tage damit zu inszenieren versuchen. Auch hier nennt sie selbst sogleich eine verblüffende, aber bestens ins Bild passende Patin: Nina Hagen (die darob sicherlich ein mütterliches Freudentränchen verdrücken wird, wenn sie mal wieder dem Shangri-La entsteigt).
Lustiger Weise scheint auch mein Eindruck zu stimmen, dass schon lange nichts mehr so direkt an Talking Heads erinnert hat, wie The Muzik. Denn sie bekennt freimütig, in ihrer Jugend vorwiegend derartig uncooles gehört zu haben.
Unter dem Strich ist der Sound von Bone Of My Bones durchaus mehr Old School, als der aktuelle Trend vorsieht. Daneben nimmt sich die fast zeitgleich erschienene Amanda Blank fast wie eine Schickse aus. Trotzdem hat das hier nichts mit Electroclash oder 80s-Retro zu tun und kommt mit sehr zeitgemäßem Grundgefühl rüber. Denn die Bezugspunkte im Hier und Jetzt liegen eben doch bei der Kollegin Arulpragasam, auch wenn sie das eher aufzuregen scheint. Und vor allem beim erstaunlicher Weise nur einmal herbeizitierten Go Team, wo sie mühelos als Schwester von deren MC Ninja durchgehen könnte.
Übrigens beschreibt nicht nur der eben erwähnte laut-Artikel auch sehr deutlich, dass die schöne neue Internet-Zeit keineswegs so schnell zu sein scheint, wie sie sich selber findet: Der erste Song, den Ebony Bones via Facebook veröffentlichte, datierte wohl vom November 2005 fast 4 Jahre bis zum ersten Longplayer- Warp-Geschwindigkeit geht anders.

Trotz Style-Überfluss und endloser positiver Energie lässt sich aber durchaus auch kritisch anmerken, dass die "bunte musikalische Stilmischung" allein womöglich nicht allzu weit bringen könnte. Wobei in all der Vielfalt auch meist die Gefahr lauert, "sich selbst im Weg" zu stehen, wie man bei den Plattentests notiert.
Alles in Allem ist Bone Of My Bones trotzdem die womöglich radikalste Platte 2009, wobei ich allerdings ähnlich wie bei Amanda Blank den Verdacht habe, dass Ebony Bones für den Massenmarkt zu exaltiert sein dürfte. Was dem Spaß nun wirklich keinen Abbruch tut (aber einer von den Guten gönnt man auch mal nen Euro).


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