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Gorillaz

Plastic Beach

Die Gorillaz sollen am Plastic Beach enden, deswegen wird nochmal kräftig auf's Hype-Pedal getreten: Haushohe Gästeliste, Online-Game, Style-Inflation, Buch, filmreife Hintergrund-Story, Video mit Hollywood-Star, plus kulturpessimistische Message. Das staunende Publikum kratzt sich am Kopf: Ist das nun Ideensammlung, Stilhalde, Konzept-Kunst, Shopping im Pop-Supermarkt, x-beliebiges Geschwurbel oder alles auf einmal?
Damon Albarn würde wohl sagen: Genau das soll Plastic Beach erreichen- die Gorillaz waren schon immer so...

Die vielzitierte Gästeliste von Plastic Beach hinterlässt erstmal ein eher ungutes Gefühl in der Magengegend- schließlich ist Collabo-Shopping ein allzu beliebtes Patentrezept ideenloser Superstars ("wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis" ;-) Schlaumeier Albarn könnte sofort antworten: "Genau das wollte ich karikieren".
Der "All-Star Overkill" (Dorfdisko) ist bei den Gorilllaz hier auch die Personifizierung eines stilistischen Rundfluges durch die seltsamsten musikalischen Ecken des Planeten. Reale Gefahr solcher Arbeitsweise ist allerdings, dass die vielen Collabos und Ingredienzien nur noch "vorrüberrauschen", wie Kollege Nico passend feststellt.
Den Eindruck eines überzüchteten Boliden für die Konstrukteurs-WM vermeidet Damon Albarn, indem er wie üblich in einer lässigen Dub-Wolke einschwebt. Weswegen Snoop Dog als Opener auch bestens ins Bild passt. So wird durchaus erfolgreich der Eindruck geschaffen, dass Plastic Beach aus Treibgut gefrickelt wurde, "was grad so rumlag" (alsicheinhamsterwar). Sowas kann als "Ideenhalde ohne Boden" (Plattentests) enden- "den Auftakt macht reinste Klassik, gefolgt von minimalen Hip Hop, 2Step, Indierock, Punk und ganz am Ende fährt eine große Pop-Ballade diesen wilden Songreigen nach Hause" (mtv).
Die diplomatische Formel der akademischen Kulturtheorie für derartige Selbstbedienung beim Sound-Discounter ist üblicherweise "Eklektizismus"(cooldown). Trotzdem: Durchaus genial ist schon, dass Plastic Beach gerade nicht nach beliebiger Müllhalde (a.k.a. "Compilation unterschiedlicher Künstler" – alternativmusik) klingt, sondern nach weithin übereinstimmender Meinung durchaus homogen. Ein Gorillaz-Album halt, oder sagen wir besser: Jeder Track bleibt trotz entlegendster Collabos jederzeit "ein lupenreiner Albarn-Track" (laut). Und sowas muss man bei einem derartigen Auflauf erstmal so locker rüberbringen, das muss der Neid ihm lassen. Schließlich sind in diesen Untiefen einige Dickschiffe mit Prog-Bands gekentert.

Allerdings liest sich die Auflistung der zahllosen Bestandteile und Beteiligungen womöglich interessanter, als sich der tatsächliche Sound von Plastic Beach in Wirklichkeit anhört. Es ist ein durchaus konsequentes Gorillaz/Albarn-Album. Da eine Mehrheit Kollaborateure aus dem Rap-Sektor kommt, bleibt eine Tendenz zum Hiphop haften, die auch vom nach wie vor omnipräsenten Dub unterstrichen wird. Für mich war das bei den Gorillaz eigentlich immer schon gegeben, manchen gefällt sowas aber weniger. Ansonsten "borgen sich die Gorillaz diesmal gerne ein bisschen lustigen Ethno-Elektro-Mayhem, wie ihn M.I.A., Ebony Bones oder Santigold auf die Hipster-Agenda gesetzt haben" (texteundso) was letztlich auch genau der Weg ist, den The Yeah Yeah Yeahs oder Julian Casablancas gegangen sind, wie nerdcore noch ergänzt. Im Hiphop grast Kollege Madlib bekanntlich seit über einem halben Jahrzehnt den gesamten Planeten nach Sound-Artefakten ab, die auch Demon Dayz-Zulieferer Dangermouse nur zu gern verwendet (s. Gnarls Barkley), wenn man ihn lässt. Und verglichen mit dem unwirsch-düsteren Storytelling in (MF) Doom's Kellerloch, sind die Gorillaz eher die Playmobil-Variante. Da passt der Titel Plastic Beach ganz gut...
Somit bleiben die Gorillaz auch diesmal wieder trendy. Und Damon Albarn darf sich durchaus zugute halten, vor 10 Jahren einer der Urheber dieses Trends gewesen zu sein- Plastic Beach ist die lässige Variante hybrider Elektronik, die Amanda Blank letztes Jahr noch deutlich mehr in Richtung Hiphop rockte.

Auch beim Konzept darf gelobt werden: "Hier nimmt noch jemand das Albumformat ernst und hat sich ein bis zwei Gedanken zu Aufbau und Dramaturgie gemacht" (nochmal texteundso). Trotz ewigem Nachbeten der zugrunde liegenden Story ist aber spaßiger Weise der Tagesspiegel der Einzige, der das auch vollständig hinbekommt. Den existierenden Realitätsbezug klären die berliner Nachbarn von der taz. Obwohl sich Damon Albarn selbst anscheinend gegen explizite politisch-ökologische Statements verwahrt (valve-magazine).
Die Szenerie erinnert mich schwer an den alten Hollywood-Schinken "Waterworld" (wo Kevin Costner dem alten Mad Max Flossen anlegte). Deswegen volle Zustimmung zum Filmmusik-Verdacht (texteundso). Das wäre dann der Job für Jamie Hewlitt's Grafikagentur- da könnte er sogar noch das alte Tank Girl reanimieren (schließlich wäre da auch noch eine Scharte mit einem vermurksten Film auszuwetzen). Und schon könnte man Wort halten, wenn nach Plastic Beach kein Album, sondern ein Kinofilm rauskommt (mit todschicker 3D-Grafik). Der dann auch in bewährter Manier fortgesetzt werden kann (Return Of The Gorillaz), wo der Soundtrack auf CD ausgekoppelt wird...

Unter dem Strich ist der Witz/Neuigkeitswert bei den Gorillaz nach über 10 Jahren weg, das sieht man in der Fachpresse realistisch: Wo das Projekt einst angetreten war, "dem alternden Popbetrieb eine Fratze zu schneiden", haben sich die Gorillaz "längst in diesem Betrieb festgesetzt". Deswegen sprechen nur noch wenige Wohlmeinende von "Future Pop" (laut) und Damon Albarn ist selbstverständlich klarsichtig genug, das auch in der Endzeit-Story von Plastic Beach selbstironisch anklingen zu lassen.
Trotzdem beeinträchtigt das den Unterhaltungswert aber erstaunlich wenig. Plastic Beach hält das Level locker und präsentiert sich trotz Schrägheiten top-aktuell, was allerdings auch leicht fällt, weil die Gorillaz schließlich zu den Vorboten des angesagten Mash-Up-Styles zählen. "Ihre Mischung aus Hip-Hop, Dub, Electro und Pop ist derart konsensfähig, dass sie sowohl auf Hipster-Partys als auch auf Kindergeburtstagen aufgelegt wird" (Nadine Lange im Tagesspiegel).
Treffer, versenkt.
Bahnbrechend innovativ sind die Gorillaz nicht mehr, haben aber in der lässigen Dub-Ecke nach wie vor kaum Konkurrenz. Wer nicht die nächste Revolution oder den Mega-Hit erwartet, findet auf Plastic Beach tatsächlich zeitgemäße Unterhaltung, die allemal für einen geistreichen Chill-Out taugt. Trotz Referenzhölle klingt das nie zu gewollt und so wird der Abwechslungsreichtum erstmal schwer zu toppen sein.
Das ist nicht wenig: A la bonheur, Monsieur Albarn...
(Und ich bin mal gespannt, ob die Pop-Unternehmer Albarn und Hewlitt tatsächlich auf eine derartig sichere Einnahmequelle verzichten wollen)


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