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Gossip

Music For Men

Der notwendige Hype- Gossip verschwinden streckenweise völlig hinter dem Medienphänomen Beth Ditto. Was Music For Men vielleicht weniger schadet als befürchtet, denn die planetare Fashion-Szene weiß oder interessiert womöglich gar nicht, dass Madame auch Musik macht. Ob und wie Gossip damit umgehen können, muss sich noch zeigen, bis dahin wird Music For Men allgemein das Zeug zum Sommerhit 2009 bescheinigt.

Spätestens seit dem Einstieg von Karl Lagerfeld hat die Hype-Welle Tsunami-Größe angenommen (manche befürchten schon das Auftauchen der cdu in diesem Zirkus). Entsprechend gibt es zahllose Meldungen zu Gossip's Neuester, die weitscheifig die letzten Modeschlagzeilen herbeten und zu Music For Men 2 Zeilen verlieren. Wundert eigentlich wenig, trotzdem gibt es reichlich Klagen, dass die Musik verschwindet. "Kennt oder besitzt sogar irgend jemand auf diesem Planeten ein Gossip-Album?" Die Frage der Jahrgangsgeräusche ist angesichts dessen tatsächlich nur ein halber Witz. Und die Frage, ob die britische Yellow Press die Finger vom neuen It-Girl lassen wird, nur eine vage Hoffnung.
Trotzdem ist die außermusikalische Wirkung positiv: In Sachen modischer Idealmaße und queer politics ist Beth Ditto immer noch ein notwendiger Kulturschock. Obwohl es genug Grund gibt, wie Kerstin Rottmann in der netzeitung zu bezweifeln, dass der Hype mehr ist als die Freakshow der Saison, während sich das Durchschnittsmodel im Gegenteil mit noch absurderem Magerwahn auseinandersetzen muss.

Wie so oft ist derartig viel Gossip ein Medien-Hype mit Selbstzweck: Wo es nichtsahnenden Durchschnittslesern viele Zeichen und Implikationen zu erklären gilt, zieht der kaputtgesparte Lohnschreiber noch schnell ein hübsches Zeilenhonorar aus dem Sommerloch. Entsprechend sind alle Nachrichtenmagazine gleich mit mehreren Geschichten zu Music For Men am Start (Background-Story, Interview, CD-Kritik, Konzertbericht). Z.B.:

Nur der Stern fällt aus dem Rahmen: Veranstaltet lediglich die übliche Kurzkritik und vergibt die volle Punktzahl lieber an Dinosaur Jr. ;-)

Macht ja alles nix: "Denn für jeden neuen, vollkommen inhaltslosen Tratsch-Bericht gibt es nun ein Trostlied aus der Zuckertüte"- alternativmusik.de hat die nette Kompromissformel für die musikalischen Debatten, die es durchaus auch gibt. Die Einen feiern recht unbeschwert, die Anderen erschrecken schlicht über den stilistischen Schwenk von Music For Men.
Denn bekanntlich kamen Gossip vom radikaleren Trash-Sound und unter den dortigen Fans macht der Deal mit der Großindustrie einerseits und Starproducer Rick Rubin andererseits das eine oder andere Bauchgrimmen. Wer könnte das besser analysieren, als ein "prügelmusikalisch ausgerichtetes Blog"- Krach und so. Sehr faires Fazit von dort: Es kommt auf einen passenden Maßstab an.
"Alles in Schutt und Asche" (wie man hier meint), legen Gossip ja gerade nicht. Von Kollisionen und "angesammelter Wucht" ist auf Music For Men auch wenig zu hören. Ebensowenig geht es um einen "Rockmusik-Klassiker für die Ewigkeit" und vielleicht noch nicht einmal um einen "alternativen Sommerhit" (krachundso). Dort weiter: "In Relation zu diesem ganzen Wust an Indierock", ich sag jetzt mal: trendigem Elektrorock- macht sich Music For Men nämlich recht prima.
"Nicht unbedingt, weil es so anders wäre. Vielmehr bietet es einen tollen Mix aus (...) der Abstellkammer namens Musik" (alternativmusik.de)- eben: Es ist mal wieder retro. Und somit auch ziemlich trendy. Denn der Zielpunkt späte 70er kurz vor dem direkten Ausbruch der New Wave ist in dieser Saison en Vogue (vgl. Yeah Yeah Yeahs oder auch Peaches). Das ist im Falle von Gossip viel weniger Blondie als oft behauptet, aber ansonsten gute CBGB's-Linie- Talking Heads vor Remain In Light. Von der Insel eine Prise Clash- fertig ist die Grundmischung.

Die zugehörige Geschäftspolitik ist noch älter: Zuerst krachend Respekt an der Basis erarbeiten, dann Erschließung neuer Käuferschichten mittels "Weiterentwicklung" Richtung Charts-Pop und schließlich nur noch Charts-Pop zur Abschöpfung des Massenmarktes. Alles genau so alt wie das Gejammer über engstirnige Subkultur-Dogmatiker.
Wem's nicht zu blöd ist, nimmt hinterher noch mit einem "Best Of" Restkohle für's Rentensparbuch mit, bevor man den Dienst quittiert. Sowas kann auch Spaß machen.

In diesem Jahrzehnt ist die Entwicklung von Gossip fast die exakte Kopie des Werdegangs der Yeah Yeah Yeahs- aber ohne den Anspruch, auch noch Konzeptkunst machen zu wollen. Im Vergleich mit solchen Retro-Stylern kommt Music For Men sogar überraschend locker.
Rick Rubin hat hier interessanter Weise zu Minimalismus motiviert, der ökonomischen Instrumentierung viel Raum gelassen und die Zeitreise mit der Erfahrung aus 3 Jahrzehnten Indie und der Technik dieses Jahrhunderts produziert. Und dass man den Majestro nicht einkauft, um Schraddel-Punk zu produzieren, war sowieso klar.
Unter dem Strich erscheinen Gossip hier fokussiert auf andere Möglichkeiten in dem Bemühen, den Groove leben zu lassen. Bei weitgehender Abwesenheit von hochfliegendem Anspruchsdenken wirkt das sogar ziemlich cool, was Music For Men tatsächlich als "angenehm unaufgeregtes Album" (Beatblogger) erscheinen lassen kann.

Abseits von Schlagzeilen und Ausverkaufsdebatten haben Gossip trotz struktureller Aufräumungsarbeiten und oberflächlichem Feinschliff erstmal der Versuchung widerstanden, auch noch Hochglanzpolitur aufzutragen. Somit ist Music For Men ein Album, dass "die studentische Indiepolizei" (Bizarre Radio) durchaus noch abnicken kann und vielleicht sogar mehr als nur ein Amusement, "für das man sich noch nicht schämen muss" (krachundso).
Alles in allem nicht die schlechteste Art, den Mainstream aufzumischen.


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