Equalizer byte-funk.de

Blogs & Mags:

+++
a010_Congstar Logo 80x80

[amazon]

Portishead

Third

"Brauchen wir überhaupt ein neues Portishead-Album?", fragt man bei laut nicht ganz zu unrecht.
"Ich muss gestehen, ich habe auf dieses Album nicht gewartet"- da schließe ich mich dem Kollegen nicorola an. Auch wenn ich nicht finde, dass man gleich spotten muss, der Titel Third sei "unheimlich treffend" ;-)

Um nicorola den Sinn nicht völlig zu verdrehen, sei noch sein nächster Satz zitiert: "Aber ich bin umso glücklicher, dass es Third gibt. Für mich schon eine der Platten des Jahres". Vor allem, weil er damit die Mehrheit aller Rezensionen auf den Punkt bringt. Was nicht wenig ist, denn die Gefahr bei solcher Rückkunft ist wie von Dr.Schreck erläutert, der auch die aktuelle Mission von Portishead benennt: "Die Verlorenheit des Menschlichen in dieser kalten akustischen Maschinenwelt"- a.k.a größtmögliche Distanz zum Coffee-Table-Standard der 90er, den Portishead selbst am meisten hassten (Terminator meinen manche gar).
Obwohl Verlorenheit natürlich der zweite Vorname von Beth Gibbons ist, was sich nett als "die einsamste Stimme der Popwelt" (von Judith Regner) beschreiben oder böse verreißen lässt. "Drama baby, Drama"- die Durchsage kommt natürlich aus Köln.

Wohl auch ein Grund für das gespielte Entsetzen der Plattentests, wo Daniel Gerhardt seine Besprechung von Third mit dem Satz einleitet: "Ende letzten Jahres haben Portishead etwas sehr Ungewöhnliches getan: Sie haben sich einen kleinen Scherz erlaubt"- wer nicht glaubt, dass sowas geht, sehe mal nach hier. Wobei sich der Scherz von Portishead auf die quälend lange Vorgeschichte bezieht, denn bei Third, "spürt man das Ringen um jeden Zentimeter, den Kampf um jeden Schritt" wie campus-web feststellt. Ziel: Möglichst weit weg von allem, was irgendwie nach Trip Hop klingen könnte.
Portisheads Verhältnis zur Vergangenheit erläutern ausführlich die ard die taz, die bereits erwähnte Wiener Zeitung und die FR hat auch noch eine Erklärung für Trip Hop parat. Aber sogar ausgewiesenen Fans desselbigen gefällts anscheinend.
Wo allerorten von Düsternis und Härte die Rede ist, kann man auch mal da nachsehen, wo man sich mit sowas auskennt- bei powermetal.de Eben dort hat Eike Schmitz nämlich die treffendste Beschreibung von Portisheads Arbeitsweise auf Third: "Einiges an völlig umgedeuteten Zitaten, wie etwa kastagnettenartige Rhythmen ohne Folklorebezug, wummernde Beats jenseits von Techno-Extase, Industrial-Überfälle ohne Trent-Reznor-Plakativität, Psychedelik ohne Soloexzesse, Trance ohne Öffnung, Weitläufigkeit ohne Panoramablick". Eben, das kriegt die Feuilleton-Fraktion nicht hin.
Auch sonst viel Verwunderung über Retro-Elemente- kennt ihr eigentlich den? Die Sache mit den Nummern kommt aus noch passenderer Ecke: Prog.
Man beachte diese Diskografie.

Fazit: Trotz durchaus vorhandener Verrisse, Platte des Jahres ausgerechnet bei Visions. Mir selbst klingt Third allerdings trotz ewiger Grundsympathie für Experimentierwillen und stilistische Weitwürfe zu angestrengt konstruiert- in der Konstrukteurs-WM liegt für mich dieses Jahr Hot Chip weit voraus.
(Und geneigte Zeitreisende können sich zum Vergleich ja mal das gleichnamige Monumentalwerk von Soft Machine anhören)


Creative Commons

Bei allen Services (Mister Wong, Yigg, Infopirat etc.) bookmarken