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Slayer

World Painted Blood

Slayer sind in den Top 10- zusammen mit Michael Jackson. Mit World Painted Blood zurück in die Zukunft- Slayer bolzen wie seit 1990 nicht und werfen einmal mehr Szene-interne Fragen über Modernität auf. Den Durchschnittskonsumenten stört das schon seit 20 Jahren wenig, er kauft den Stoff im Supermarkt und lässt nach Feierabend mal das Sofa wackeln, was zuverlässig beste Charts-Positionen einbringt. Der Markterfolg von World Painted Blood sagt mehr über den Wertewandel im Mainstream, als über Martial Arts Marke Slayer.

Metal ist Volkssport: Dokus über Metal-Festivitäten sind Kassenschlager, Kids gehen mit Slayer-T-Shirt zur Grundschule (während Papa eine neue Freundin sucht) und Superstar-Kandidaten würden sich wohl auch foltern lassen, wenn sie hinterher so lässig in die Charts einsteigen würden, wie World Painted Blood. Ist ja auch nicht wirklich schlimm, aber bei den Gründervätern der extremsten Spielart namens Thrash Metal mutet das noch immer etwas seltsam an- gesellschaftlichen Wertewandel nennt man solche Phänomene dann wohl. Die schulterklopfende Akzeptanz hält allerdings trotzdem niemanden davon ab, das Filmchen zur extended version der CD auf den Index zu setzen. Wozu die bekannte Metal-Postille faz bemerkt, selbiges sei "eher öde als scheußlich, kann sich mit einem normalen Kindernachmittag am Computerschirm nicht messen". Moderne Zeiten- Subkultur ist trotzdem was völlig anderes, da bleibt "Provokations-Folklore" nicht aus.

Immerhin sind Massenmarkteffekte auch bei World Painted Blood mal wieder für heitere Durchsagen gut:

  • Der Spiegel sucht "Hochschulabsolventen ohne Death-Angel-Kutte"
  • "Nichts wird gut. Schon gar nicht die Zukunft" (Märkische Allgemeine)
  • In Österreich hört man einen Metal-Harry-Potter dessen "Soli am diesbezüglichen Geilometer" abzulesen seien.
  • "Wie aber machen sich die Schlachtmeister in der Bankenkrise?" (powermetal.de)
  • "Meine Frau fragte, ob man Slayer auch leise hören kann" (durchdeswelt)
  • "Irgendwann will man dem Marine, der unentwegt herumbrüllt, die Fresse polieren" (mescaline-injection.de)

Stilistisch steht der großflächige Beifall, der Metal ganz allgemein aus Richtung Charts entgegen weht, schon länger in seltsamem Widerspruch zu den tatsächlich vorhandenen Neuigkeitswerten.
Selbst diejenigen, die sich in dieser Szenerie als Modernisten betrachten, verfolgen Konzepte, die bereits 2 Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Aber anderswo gibt's ja dieser Tage auch nichts grundlegend Neues zu vermelden. Trotzdem ist Modernität auch bei World Painted Blood ein Thema, dem sich selbst Slayer nicht entziehen können. Dabei schwingt bis heute immer wieder nochmal das Metal-Trauma der 90er mit, das für Traditionalisten anscheinend bis heute unbewältigt ist. Zu jener Zeit stand für viele Altmetaller unerwartet plötzlich eine neue Generation im Stadion, die mit Punk groß geworden war, Axtkämpfer-Gehabe bestenfalls lustig fand und die nichtsahnende Veteranenschaft mit nicht-kanonischen Sounds bombardierte.

Die Nachfahren dieser auch schon länger nicht mehr jungen Generation sind dieser Tage diejenigen, die durchgängig sturem Gebolze eher ablehned gegenüber stehen und mehr Grooves, sowie HighTech-Sounds bevorzugen. Mehr Linkin Park und Marilyn Manson sozusagen. Diese Fraktion hat ihre eigenen Ansichten zu Slayer. Dort wird "Americon" wegen größeren mtv-Potenzials als experimentierfreudig beklatscht, während Old-Schooler bei solchen Titeln mehrheitlich abwinken.
Die urwüchsige Banger-Spezies, der "Machine Head noch immer zu modern klingt" (Eike Schmitz bei powermetal.de ist trotzdem immer noch nicht ausgestorben und kann World Painted Blood auch wieder unbeschwert feiern, wo Slayer endlich wieder alte Wurzeln pflegen.
"Modernisten" bemängeln allerdings, dass "der Innovationsgrad einer Slayer-CD natürlich nach wie vor eher beschränkt ist". Wozu auch? Von AC/DC erwartet schließlich auch keiner ein Techno-Album.
Wobei dem geneigten Außenstehenden wohl auch zu erklären wäre, dass derartig extreme Stilsprünge hier auch die Phantasie der Modernisten bei weitem übersteigen. Als "modern" werden hier nach wie vor Experimente mit Grooves angesehen. Die diesbezügliche Grundlagenforschung mit solchem Protoplasma im Hause Helmet, Rage Against The Machine oder Pantera ist mittlerweile auch fast so lange her wie die klassische Phase von Slayer selbst.

Da braucht es das Seziermesser eines erfahrenen Metallurgen um festzustellen, dass World Painted Blood durchaus "mit einer Menge Überraschungen aufwartet". Z.B. "die zahlreichen überraschenden Breaks, die vielen Stopps, Slow-Downs und Speed-Ups, die fast allen Kompositionen mehr Dynamik und Abwechslung verleihen" (bloom). Na immerhin- Otto Normalbanger denkt schlicht "shit rocks"! Während ihm womöglich egal ist, woher das Schleudertrauma nun genau kommt.

Wie bei allen, die angesichts bahnbrechender Grundlagenforschung Legendenstatus innehaben, gibt es auch hier ein "Luxusproblem". Im Falle von Slayer heißt dies "Reign In Blood"- für viele Metalheads das archetypische Thrash-Album. "Jeder weitere Ton muss sich an so einer Platte messen lassen", wie dieser Tage bei freiepresse.de erläutert wird. Dabei ist eigentlich allen klar, "dass Slayer an ihre eigenen Meisterwerke aus vergangenen Tagen nicht mehr herankommen" (bloodchamber). Interessant ist aber, dass auch andere Reign In Blood bis heute nicht toppen können, obwohl ausgerechnet in den sinistren Thrash-Sektor der Extremsportler über die letzten Jahre wieder einige Bewegung gekommen ist. Als Ursache benennt Dennis bei sweetjane "dass sich die gegenwärtig aktiven Bands geschlossen an denselben Originalen orientieren." Was keineswegs gegen Slayer spricht und für World Painted Blood praktische Vorteile bringt. "Warum komplizierte und überstrapazierte Vergleiche mit der Vergangenheit der Thrash-Urgesteine ziehen, wenn man schlicht und ergreifend das beste Slayer-Album seit beinahe zwei Jahrzehnten abfeiern darf?", fragt demonic-nights zu recht. Das Rad neu erfinden war gestern.
Ansonsten ist der häufiger zu lesende Kritikpunkt der "Gott weiß wie definierte Gitarrensound, der derzeit in Amerika anscheinend mehr als angesagt ist- – die ersten Gitarrentöne des Openers und Titeltracks könnten so ebenso gut auf Metallicas diesbezüglich oft gescholtenem Death Magnetic stehen" (metal1) Deswegen lässt sich vertreten, dass "ein gewisser Biss den z.B Kreator mit ihrer Back to the Roots Aufnahmesession an ihrem letzten Album gefunden hatten " (durchdeswelt) durchaus fehlt.
Trotzdem: Fast 30 Jahre nach dem Start etwas wuchtiges wie World Painted Blood rauszubringen ist eine respektable Leistung, die Slayer nicht viele Leute nachmachen können- egal aus welcher Richtung.


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