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Sonic Youth

The Eternal

Sonic Youth schaffen das Unmögliche, mit The Eternal haben sie sich selbst übertroffen. Einigkeit allerorten: The Eternal ist das frischeste Album seit 20 Jahren und das auch noch mit sehr entspannter Souveränität. Plus Kunstkonzept, das bei allen anderen monströs aussähe, bei Sonic Youth aber kein Mensch richtig blöd findet- bringt Liebe & Respekt in einem Ausmaß, das streckenweise in ehrfürchtiges Staunen umschlägt.

Schon lange vor The Eternal war weit über die Indie-Szene hinaus Konsens: Sonic Youth sind die beste/wichtigste Band der Welt. Eine Position, in der ihnen selbst ein langweiliges Album wenig übel genommen worden wäre. The Eternal löst im Gegenteil schlichte Begeisterung über sämtliche Generationsgrenzen aus. Selbst in den seltenen Fällen, wo gelangweilt abgewinkt wird, fällt kein böses Wort über Sonic Youth.

Die Verwunderung wird nicht geringer, wenn man bedenkt, dass Sonic Youth hier mit begleitender Kunstausstellung einen Aspekt ihrer Arbeit hervorheben, der in der Musikbranche schon viele Karrieren verhindert hat: Konzeptkunst.
"Für Popmusiker, diese Agenten der Gegenwart, ist das Museum das Letzte. Nur Sonic Youth wollten da immer schon hin", kommentiert der Tagesspiegel. Und das sogar mehr denn je- es geht um nichts weniger als ein halbes Jahrhundert Pop-Geschichte, zu der The Eternal mit jedem einzelnen Song ein Statement abgibt. "In einer Strophe so viele Referenzen, dass man ein Handbuch braucht", wundert sich der orf.
"Angesichts solch einer Referenzhölle" (Tagesspiegel), mit der sich fast alle anderen blamiert hätten, wäre Schlimmes zu befürchten gewesen. Sonic Youth vermeiden das mit schlichter Selbstverständlichkeit- sie machen's einfach. Die Größe liegt in der Abwesenheit von branchenüblicher Selbstüberschätzung: Sonic Youth haben ihre Hörer nie zu besseren Menschen erziehen wollen, Oberlehrertum Marke "move your ass and your mind will follow" ist ihnen fremd. Die Weltrevolution erst recht.
Die bildende Kunst ist ein Angebot- kannst Du dir ansehen oder nicht, entscheidend ist immer: Die Musik funktioniert auch ohne- und zwar bestens.

Im Sound schon wieder Referenzen. Wieder von der Sorte, die allen außer Sonic Youth verübelt werden. Selbstreferenzen, wie die oft berichtete Tatsache, dass vor den Aufnahmen zu The Eternal häufiger das Material von Daydream Nation wieder aufgeführt wurde, werden anderswo sehr leicht als Einfallslosigkeit betrachtet.
Sonic Youth sind weise genug, nicht nochmal etwas derartig Monolithisches aus der Taufe heben zu wollen. Und sie haben besonders in diesem Jahrzehnt nachgewiesen, dass sie auch andere Einflüsse verarbeiten können. Wiederum einzigartig: Eine Rückbesinnung, die anderswo heftige Debatten nach sich zieht, wird hier mit Beifall aufgenommen.
Die Kunst von Sonic Youth ist es, nach 30 Jahren Bandgeschichte auf dem zigsten Album noch "unerschütterliche Spielfreude" auszustrahlen, wie Annett Borowski für die Gästeliste schreibt. "The Eternal klingt nach Unbekümmertheit", ergänzt das tazblog. Nach so vielen Karrierejahren ist das in der Wegwerfbranche namens Pop durchaus eine Nachricht.
Obwohl die Unverbrauchtheit vielleicht weniger an Sonic Youth selbst liegt, denn das Zeitalter der großen musikalischen Umbrüche liegt solang zurück wie Daydream Nation. "Früher waren sie Avantgarde, heute gehören sie zum alternativen Mainstream" (Matthias Menzl, 78s.ch.
Was die künstlerische Leistung allerdings nur wenig schmälert, denn die meisten anderen Avantgardisten jener Tage sind längst außer Dienst. Günstige Zeiten also, um seinen Stiefel einfach weiter zu fahren. Man kann durchaus der Ansicht sein, dass einer Band mit solcher Strategie eigentlich "auch nichts Neues einfällt" (Jahrgangsgeräusche), während die absolute Mehrheit The Eternal "rauf und runter" hört (wie beetle).

Immer wieder Erstaunen, "wie viel Energie noch in den Damen und Herrschaften jenseits der Fünfzig steckt" (tinnitus zine). In einer Kultur, die sich selbst mit einem halben Jahrhundert Geschichte immer noch als "Jugendkultur" sehen will, bleibt die Altersfrage nach wie vor unausweichlich.
Auch wenn Martin Büsser schon vor Erscheinen von The Eternal klargemacht hat, dass es sich hierbei um ein Missverstädnis handelt, bleibt die Ideologie präsent, die gesinnungslos mit netter Selbstironie bringt: "Früher fand ich das eher peinlich, wenn uralte Säcke sich auf Bühnen gestellt und alte Säcke davor gefeiert haben. Tja, jetzt bin ich ein alter Sack und finde es toll…"
Auch hier haben Sonic Youth wieder das bessere Ende für sich, ein keineswegs unangebrachter Vergleich mit den Rolling Stones zeigt das.
Kim Gordon ist ein halbes Jahrzehnt (also eine ganze Popmusikgeneration) älter als Madonna und trotzdem weit entfernt davon, mit derartiger Häme überschüttet zu werden, wie diese bei ihrem aktuellen Album.
Aber unter der Oberfläche tut sich was: Peaches hat mittlerweile die 40 überschritten und geht die Frage mit "Mommy Complex" gewohnt offensiv an. Während es immer mehr Leute wie Santigold gibt, die ihr erstes Album jenseits der 30 veröffentlichen. Andersrum schießen anno 2009 gleich mehrere Alben von Michael Jackson nach seinem Ableben in die Charts, weil vor allem die Jüngeren zugreifen. Trotzdem wird es noch einige Mühe kosten, die Jugendideologie wieder los zu werden, die die erste Generation Pop in den späten 60ern des 20. Jahrhunderts in die Welt gesetzt hat- eine Generation, die jetzt in Rente geht. Ich hoffe, dass das eines Tages mal egal sein wird.

Das Schlusswort leihe ich mir von einem Pop-Moderatoren, der ebenfalls die 40 überschritten hat: "Herrschaften, da haben wir wieder was gelernt." (Markus Kavka, mtv)


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