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TV On The Radio

Dear Science

Dear Science ist nichts weniger als Rückkunft der Propheten- von TV On The Radio wird anno 2008 nichts weniger erwartet, als den Ozean zu teilen und einen Weg in eine bessere Welt zu weisen. Ehrfürchtige Superlative allüberall- "Gospel-Lieder für eine neue Zeit", "die Zukunft des Pop" Ebenso unisono: TV On The Radio schaffen das tatsächlich.

Nur das mit dem Manna klappt anscheinend noch nicht so ganz, wie ausgerechnet Firma motor mit der Beobachtung anmerkt, dass TV On The Radio auch auf der Cookie Mountain-Tour hierzulande in "mittelmäßig gefüllten Clubs" auftraten. "Kritikerband" heißt es dann schnell, aber solche Zynismen bleiben bei TV On The Radio aus. Auch wenn die kostenlose Fraktion weiter Wasser in den reinen Wein gießt und nicht ganz zu Unrecht vermerkt, dass Avantgarde zwar "bewundert und beklatscht, selten aber wirklich gehört wird".
Die Gefahr für Dear Science war klar ein Overkill "in Sachen dissonanter Klangopern", wie altenativemusic passend vermerkt.
Kleiner Scherz am Rande: Die notorischen Avantgardisten nennen ihr nach einhelliger Meinung bislang poppigstes Album Dear Science. Vielleicht hat das der Schallplattenmann doch etwas zu wörtlich genommen bei einer der raren kritischen Anmerkungen zu TV On The Radio: "Dies ist kein Sound von der Straße, sondern Musik aus dem Kopf von Wissenschaftlern". Realness, ick hör dir trapsen- lässt sich aber vertreten. Schon allein, weil ansonsten durch die Bank gefeiert wird- mindestens Platte des Monats allerorten. Wo solches Lob für manchen überzeugten Undergrounder Grund zum Weglaufen wäre, nimmt Daniel Gerhard die zahllosen Kniefälle für die Plattentests von der gutgelaunten Seite und vergibt obendrauf den Titel "ziemlich eierköpfige Popgruppe". Darüber, dass Dear Science mehr Pop ist als Indie, besteht weithin Einigkeit:

Mein Lieblingsfazit kommt von den Plattentests:
"Erstmals erscheinen TV On The Radio nicht wie die Zukunft, sondern wie ein aus allerlei verschiedenen Vergangenheiten und Ersatzteilen zusammengebautes Rock'n'Roll-Mutterschiff, das trotzdem blinkt wie frisch aus der Fabrik und wahrscheinlich sogar mit Biodiesel fliegt."
Und vielerorts wird es genauso enden.

Das mit dem Prophetentum könnte auch an vergleichsweise ereignisarmen Zeiten liegen, in den "Innovation mit Recycling verwechselt wird", wie Michael Lutz in der Spex feststellt. Und ein Prophet allein macht auch noch keine neuen Zeiten, wie kleiner Blick in die New Yorker Nachbarschaft zeigen kann, wo Sonic Youth bereits seit 25 Jahren ein Abo auf diesen Titel haben.
Vor dem Hintergrund von Erwartungen "höher als die örtliche Kriminalitätsrate" (Spex) mit relativ wenig Beruhigungsmitteln für Dear Science neue Perspektiven erschlossen zu haben ist nicht ganz schlecht.

Ich frage mich allerdings jetzt doch, ob Sitek nicht ein Pseudonym des Herrn Bowie ist, denn Dear Science repräsentiert so ziemlich alles, was dieser seit ca. 25 Jahren für ausgereiften Pop hält: Ein wenig Rock, ein wenig Jazz, etwas Dance, etwas Soul, einen Schuss Avantgarde (was immer das auch sei), eine Prise "World Music" und als Cellophan drumrum reichlich Pop-Melodei. Da kann ich leider nicht umhin, hier die goldene Zitrone für den Hokuspokus des Jahres zu vergeben.


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