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Them Crooked Vultures

Götterdämmerung: Mit Them Crooked Vultures steigen 3 Legenden vom Rock-Olymp, um dem ehrfürchtig staunenden Publikum das letztmögliche Weltwunder zu präsentieren. Solche Zeiten sind vorbei? Mitnichten: Die Klischee-Inflation ist hier anscheinend unvermeidlich. Them Crooked Vultures geben sich leidlich Mühe, dem Gottesdienst schon mit der seltsamen Namensgebung etwas Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber auch nicht zuviel, denn ein paar Talerchen sind selbst für Them Crooked Vultures nicht zu verachten.

Eigentlich gäbe es zu Them Crooked Vultures kaum etwas zu sagen, der geneigte Rocker bekommt genau das, was von diesem Personal zu erwarten ist. Dafür bürgt der alte Wüstenfuchs Josh Homme allein mit seiner Stoner-Ehre.
Auch wenn die Protagonisten noch so viel Lässigkeit vor sich hertragen, ist die Zusammenkunft keineswegs einer spontanen Bierlaune zuzuschreiben, sondern vielmehr ein Produkt strategischer Planung, die bereits im Jahre 2005 begonnen zu haben scheint. Für interessierte Zuschauer, deren Aufmerksamkeitsspanne länger als eine Saison hält, kommt das Gipfeltreffen auch keineswegs überraschend, sondern folgerichtig. Für einen nüchternen Blick auf die Entwicklung braucht es zwischen den Superlativen des Jahres 2009 wohl die Distanz eines Sektors, dem die Grunge-getränkte Coolness von Them Crooked Vultures meist noch zu wenig Druck auf dem Kessel hat. Walter Scheurer notiert bei metal.de: "Über die Funktionstauglichkeit einer Kooperation der Herren Homme und Grohl sind wir ja bereits seit 'Songs For The Deaf' informiert, und da diese ebenso ertragreich und fruchtend für alle Beteiligten gewesen sein dürfte wie die Liaison von Jones und Grohl auf dem Foo Fighters-Album 'In Your Honour', war es offenbar nur noch eine Frage der Zeit".

Apropos Superlative: Ralph Hofbauer bei 78s.ch hat wohl völlig recht, das Wort "Soupergroup" zum Unwort des Jahres 2009 zu küren. "Das Wort selbst ist ein Dinosaurier" (munitionen) und wird bei Them Crooked Vultures dermaßen strapaziert, dass Plattenblogger ins Grübeln kommen, ob es sich nicht vielmehr um eine "Soupergroup der Soupergroups" handeln könnte. Super zum Quadrat- es geht sogar noch superer: Mit Sir Paul McCartney (und für die finale Heiligsprechung muss der Papst noch gebucht werden). "Zwei Rock-Giganten und ein Rock-Titan" (Plattentests) -genau: Was würde eigentlich Dittsche dazu sagen?

Kleines Quiz zwischendurch: Was waren die anderen Supergruppen der letzten Jahre? Audioslave, Velvet Revolver, die von Damon Albarn (*äh* The Good... irgendwas), Queens Of The Stone Age selbst, The Raconteurs, The Dead Weather, Monsters Of Folk, ... ?

Die "Supergroupitis" (78s.ch) ruft kapitalismuskritische Kampfblätter auf den Plan: "Oje, eine Supergruppe!" (Berliner Morgenpost), "Noch eine Supergruppe" (Welt). Etwas nüchterner lässt sich wohl festellen, dass eine Band mit 3 Rock-Promis von internationalem Format, nunmal eine "supergroup" darstellen, "ob sie es wollen oder nicht", wie die faz kommentiert. So sind die Marktgesetze, deswegen ist es wohl tatsächlich "müßig, über den Terminus 'Supergroup' zu diskutieren" (beatblogger).

Vor solchem Hintergrund ist die Taktik von Them Crooked Vultures womöglich die einzig realistische, wenn man sich nicht selbst groß aufblasen will. Oder nicht wenigstens einen guten Spruch dazu parat hat, wie Jay-Z: "I used to think rapping at 38 was ill, but last year alone I grossed 38 mill".
So setzen Them Crooked Vultures zu alledem die Unschuldsmiene auf und witzeln schon mit dem Band-Namen, der für jede andere Combo tödlich wäre, über Alter und Leichenfledderei. Stimmt schon: Das ist nicht unsympathisch. Ansonsten gibt man sich im einsetzenden Medien-Rummel so unbeteiligt, wie es sich Leute mit gesicherter Altersversorgung locker leisten können und gönnt sich spaßeshalber etwas Geheimniskrämerei: Marketing? Ach wo...
Scheinbar zufällig sickern dann säuberlich übers Jahr gestaffelt immer mehr Gerüchte durch. Andere Leute verplappern sich: Die Frau von Josh Homme und sein anderer Kumpel. Selbstverständlich völlig ohne eigenes Zutun- ja nee, is klar.

Zum konkreten Produkt befragt erklärt der Trommler: "Es klingt, als ob John Bass spielt, Josh Gitarre und ich die Drums" (laut). Fast hätte ich den Sportsfreund in Dave Gröhl umgetauft- das kommt davon, wenn man von seltsamem "Pilzesser-Metal" (faz) lesen muss.
Wieder down to earth macht es erstmal Mühe, den Hype beiseite zu schieben. Bei hanscustom mit positivem Ende, bei nicorola eher nicht, während David bei the-pit netterweise erstmal hinreichend neutral abwägt, bevor er die Höchstwertung vergibt.

Sicher, man kann Them Crooked Vultures "durchschnittlich" finden in der Annahme, dass "solche hochkarätigen Musiker würden mit etwas Eigenständigerem herauskommen" (rock-n-blog). Denn "Them Crooked Vultures sind nicht das Paul-Kasuppke-Trio. Wo, wenn nicht hier, sollte man höchste Maßstäbe anlegen?" (messitschbyburns).
Keine unberechtigte Frage, aber welcher Art sollten die höchsten Maßstäbe denn sein? Ich fürchte, da lauert im Subtext das beliebte Pop-Missverständnis von der permanenten Weltrevolution. Denn "die Frage nach der Neuerfindung von Rock ist eh vollkommen überflüssig", wie Sabine Gietzelt im Podcast des Zündfunks anmerkt. Entgegen weit verbreiteter Ansichten sind Top-Stars nicht automatisch für sowas zuständig. Der viel zitierte Jam-Charakter zeigt deutlich, dass Them Crooked Vultures sich derartiges Schuhwerk auch gar nicht anziehen wollen- die wollen nur spielen.

Abseits des Wunschdenkens lässt sich den Herren Rockstars durchaus zugute halten, dass sie nicht unbedingt den Eindruck erwecken, "als wären sie ein Ferienprojekt stinkreicher, gelangweilter alter Rocklegenden" (Tagesspiegel). Jam-Sessions im Albumformat sind zwar seit Jahrzehnten aus der Mode gekommen und das Ergebnis ist "retrospektiv bis ins Mark", wie der Spiegel kommentiert. Dort analysiert Andreas Borcholte übrigens präzise den Led-Zep-Anteil von Them Crooked Vultures, der oftmals unterschätzt wird. Ob das Ergebnis allerdings "nur wenig mit der musikalischen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts zu tun hat" (wie er meint), kommt auf den Maßstab an. Nimmt man Mastodon zum Vergleich, deren Crack The Skye 2009 in vielen Bestenlisten geführt wird, machen Them Crooked Vultures eine ziemlich gute Figur.

Gerade Mastodon haben neben Queens Of The Stone Age oder auch Black Rebel Motor Cycle Club, The Mars Volta und Wolfmother langjährige Vorarbeiten dafür geleistet, dass gitarrengetriebener Retrofuturismus am Ende des Jahrzehnts so frisch klingt wie seit 20 Jahren nicht. Bestes Zeichen: Dinosaur Jr. als Prototypen dieses Ansatzes spielten 2009 ein Jahrzehnt-Album ein, dass quer durch alle Generationen selbst bei denen Beachtung findet, die sie vorher gar nicht kannten. Ein selten günstiger Zeitpunkt also für Them Crooked Vultures, back to the roots zu gehen und mit Mr. Jones einen echten Pionier zu präsentieren, der die Sounds mitentwickelt hat, auf die sich schon die alten Grunger in den 80ern des letzten Jahrhunderts bezogen haben.
Solcher 70ies-Stoff tendiert natürlich in epische Breiten, was ein "Faible für extensive Jam-Sessions" (beatblogger) unerlässlich macht. Nebenbei ist auch erstaunlich, dass derartige Sounds in diesem Jahrhundert noch (wieder?) "progressiv" genannt werden. Denn dass diese Komplexitäten "in ihrer Länge, Vielschichtigkeit und Ausuferung nicht jedem schmecken" (whiskey-soda), ist seit ca. Never Mind The Bollocks mehr als bekannt. Es sind die Fortschritte dieses Jahrzehnts, dass Them Crooked Vultures sich für solcherlei Befindlichkeiten nicht mehr interessieren müssen. Deswegen ist der State Of The Art nie ihr Ziel gewesen. Sie bringen vielleicht nicht das Album des Jahres (auch sowas kann ihnen herzlich egal sein), sind aber ziemlich weit vorn- das ist auch für amtierende Rockstars und ehemalige Weltveränderer ein sehr gutes Ergebnis. Da kann man das Schlusswort getrost dem Stern überlassen:
"It's only Rock'n'Grohl" (...)


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