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The Yeah Yeah Yeahs

It's Blitz

Haben sich The Yeah Yeah Yeahs mit It's Blitz tatsächlich neu erfunden oder ist das nur die Fortsetzung des Kunstkonzeptes?
An der Pathos-Front ist allerdings weder von Weltrettung, noch von Verrat die Rede. The Yeah Yeah Yeahs machen halt mal was anderes- und der Sensationsfaktor von It's Blitz scheint sich in Grenzen zu halten.

Einigkeit besteht in jedem Fall darüber, dass The Yeah Yeah Yeahs auf It's Blitz den größtmöglichen Stilbruch vollzogen haben, was teilweise doch spontanes Erschrecken auslöst. "Das Motto zur neuen Platte lautete vermutlich irgendwas mit 'Fortschritt'"- die nette Umschreibung von Christina Bohn bei intro. Die Lustige: Vom "Existenzialistenpunk" zu "romantischen Ideen mit Trompete", wie es hier heißt. Oder ernsthaft: Der Hauptbestandteil von It's Blitz ist Disco in der frühachtziger Wave-Variante.

Selbstverständlich gibt es ein geteiltes Echo zu solcher Diversifizierungsstrategie:
"Von Lärm, Sex und Leidenschaft (...) kann auf It's Blitz! beileibe keine Rede mehr sein"- bei laut ist man not amused. "Sehr Synthie-lastig und sehr poliert", sagt der freundliche Realismus von 78s zu Single/Video Zero- nettes Prädikat: "Mehr oder minder toll" (während sich ein übelwollender Zeitgenosse in der Disko dort tatsächlich an U2 erinnert fühlt). Apropos: Weitere entlegene 80er-Implikationen werden in Berlin gelistet.
Ob all das nun gut ist oder schlecht, wird da und dort debattiert. Allerdings doch in eher geringem Umfang und ohne größere Hasstiraden. Egal wie: Sowas ist in jedem Fall immer gute PR.

Übrigens ist einzig dem taz-blogger aufgefallen, dass es für die Kehrtwende der Yeah Yeah Yeahs eine zentrale Inspiration gegeben hat: Den "Cheated Hearts"-Remix von Peaches (2006). Dort hat Christian Ihle auch eine ökonomische Sicht auf den Strategiewechsel von It's Blitz: Mit einem der "originellsten Gitarristen des Indierock" und "Karen O's beängstigendem Schreiorgan" haben The Yeah Yeah Yeahs die wichtigen "Alleinstehungsmerkmale" aufgegeben. Und wenn It's Blitz ausgerechnet hier als "Discorock-Mainstream" tituliert wird, werden viele das nicht als Kompliment empfinden.

Damit ist allerdings endgültig klar, dass The Yeah Yeah Yeahs ein 30 Jahre altes Kunstkonzept verfolgen. Oder sollte man es Marketing-Konzept nennen? Wie ausgerechnet der Tagesspiegel vermutet: "Die Zukunft des Rock'n'Roll besteht also wie so oft in der Vergangenheit und der puren Gegenwart. Ansonsten ist sie ein gutes Geschäftsmodell". Und das Modell von Punk zu Disco trägt einen fast überall zitierten Namen: Blondie.

Wo in früheren Zeiten schnell von Verrat die Rede gewesen wäre, gibt's bei The Yeah Yeah Yeahs den einen oder anderen Dissenz am Tresen. So sind die Zeiten: Ein radikaler Schwenk regt niemand besonders auf. Und wer wie The Yeah Yeah Yeahs bis heute ständig als "Art Punk" gelistet wird, hat wohl auch nicht die Basis, die sich verraten fühlen könnte. Schließlich ist Konzeptkunst dieser Tage weder subversiv, noch steht sie zwingend für einen dissidenten Lebensstil. Und dieses Konzept dient in jedem Fall der Erschließung neuer Käuferschichten. Das ist seit Jahrzehnten in der Pop-Branche business as usual (schon lange vor Blondie).
Übrigens illustriert der ORF sehr schön, dass dieses Konzept das Image durchkonstruiert bis zum Letzten (wenn Madonna demnächst anklopft, würde es kaum wundern- wenn sie denn zurück will zu dem, was sie schon 1983 gemacht hat). Resultat: Die "Ikone der New Yorker Szene und aller coolen Leute" (now-on.at). Deswegen geht es alles in Allem nicht so sehr darum, bei "Altbewährtem" zu bleiben, sondern um die Frage, wann Kunst zu Künstlichkeit degeneriert.

Deswegen ist auf musikalischer Ebene "Hinwendung zum stampfigen Glamrock (...) Karen O wie auf den Leib geschrieben", wie uliuli so schön kurz und trocken notiert. Denn die so inflationär herbeizitierte Diskokugel "funktioniert mal gut, mal etwas besser und leider auch manchmal etwas schlechter". Das ist nur Auf Touren richtig klar geworden, wo Björn allerdings trotzdem "10 astreine Popsongs" gehört hat. Während ein anderes Indie-Mag "zu viele unauffällige Popsongs" vermerkt, weswegen It's Blitz wohl eher nicht zum "Klassiker" werden wird.

Fazit: "Monsterhits" und Weltverbesserung sieht nur der Bayrische Rundfunk, einigt man sich aber mal, die großen Töne wegzulassen und nimmt ein paar realistische Vergleichsgrößen zur Hand, ergibt sich ein versöhnlicher Schluss:
"Alles, was an den letzten, pseudo-modernen Werken von Bloc Party oder Franz Ferdinand nervig und aufgesetzt wirkte, wird hier vermieden" (Whiskey-Soda) -"so warmherzig, wie es sich eine Queen of Cool eben noch erlauben kann" (das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen :-)

Und nach so vielen nerdigen Debatten tut es gut, sich nochmal vor Augen führen zu lassen, was all das mit Leidenschaft & Sehnsucht zu tun hat- wunderbare Welt der Oberflächlichkeit.


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